Medikamentenpreise

Krankenkassen: Bundesamt verschenkt über 100 Millionen

Die Medikamentenpreise erhitzen die Gemüter.

Die Medikamentenpreise erhitzen die Gemüter.

Die Versicherer kritisieren, dass sich der Bund bei den Medikamenten pharmafreundlich verhält und die Preise zu wenig stark senkt.

Der Medikamentenmarkt in der Schweiz ist ein Milliardengeschäft. Die Ausgaben für Arzneimittel in der Grundversicherung belaufen sich auf rund 7,5 Milliarden Franken. Einen grossen Einfluss auf diese Zahl hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Denn die Behörde legt die Medikamentenpreise fest.

Aufseiten der Krankenkassen erklingt der Vorwurf, das Bundesamt sei zu pharmafreundlich. Dies wiege umso schwerer, da das BAG mit den Medikamenten einen höheren Ausgabenposten verantwortet als das Verteidigungsdepartement mit der Schweizer Armee. Hier sind für das laufende Jahr 5,2 Milliarden Franken budgetiert.

Um die Medikamentenpreise festzulegen, orientiert sich das BAG an den Preisen von neun europäischen Vergleichsländern sowie an vergleichbaren Therapien. Das Amt sei zu wenig streng, sagt Mathias Früh, Leiter Pharma & Medizintechnik Gesundheitspolitik bei der Krankenversicherung Helsana. Zusammen mit den Kassen CSS, Sanitas und KPT ist Helsana im Verband Curafutura zusammengeschlossen. Dieser hat bei den 20 umsatzstärksten Präparaten der laufenden Überprüfungsrunde die Medikamentenpreise eigenständig nachgerechnet.

Das Resultat: Laut Curafutura wären Einsparungen von knapp 250 Millionen Franken möglich. Das BAG rechnet jedoch lediglich mit einem Sparpotenzial von etwas über 100 Millionen Franken. Damit vergebe sich der Bund 150 Millionen Franken. Allerdings stehen die Verhandlungen zwischen dem Bundesamt und mehreren Pharmafirmen bezüglich umsatzstarker Medikamente noch aus. Doch auch wenn dies abgeschlossen ist, dürfte die Differenz über 100 Millionen Franken betragen.

Die unterschiedliche Berechnung lässt sich am Blutverdünner namens Xarelto zeigen. Das Präparat von Bayer befindet sich auf Platz drei der umsatzstärksten Medikamente in der Schweiz. Das BAG hat eine Preissenkung von knapp 5 Prozent verfügt. Curafutura dagegen erachtete einen um 29 Prozent tieferen Preis für möglich. «Wir haben das BAG mit unseren Berechnungen konfrontiert, erhielten jedoch keine Antwort», sagt Früh von Helsana.

Nur neue Präparate verglichen

Curafutura versuchte, die Vorgehensweise des Bundesamts nachzuvollziehen, und rechnete nach. Die einzig mögliche Erklärung für die bescheidene Preissenkung des Bundesamts: Die Behörde zog für den Vergleich mit ähnlichen Präparaten nur die neuen Medikamente heran, liess jedoch die alten Arzneimittel aussen vor. Natürlich würden die neuen Blutverdünner wie Xarelto gewisse Vorteile bieten, jedoch würden ältere Präparate wie etwa Marcoumar weiterhin eingesetzt. «Wir sind mit der Vorgehensweise des BAG nicht einverstanden», sagt Früh. Damit werde der Vergleich mit anderen Medikamenten zugunsten des Herstellers Bayer ausgelegt.

Angst vor Beschwerdeflut?

Das Bundesamt sagt auf Anfrage, dass es sich nicht dazu äussern dürfe, wie ein bestimmtes Arzneimittel überprüft werde. Doch stimmt die Vermutung von Curafutura, so stellt sich die Frage, weshalb die älteren Medikamente unter den Blutverdünnern ausgeklammert wurden. Zwar bieten die neuen Mittel wie Xarelto tatsächlich Vorteile. Sie gelten als sicherer, da die Gefahr einer schweren Blutung kleiner ist. Denn Blutverdünner können auch zu stark wirken. Zudem müssen im Gegensatz zu Marcoumar die Gerinnungswerte eines Patienten nicht mehr regelmässig kontrolliert werden.

Doch auch Xarelto gilt nicht als harmlos. Hersteller Bayer wurde in den USA mit knapp 25'000 Klagen eingedeckt. Die Kläger werfen dem deutschen Konzern vor, das Medikament führe zu Blutungen, die im schlimmsten Fall mit dem Tod endeten. Zwar wurden erste Urteile abgewiesen, die Kläger haben jedoch Berufung eingelegt. Auch unter der Ärzteschaft ist Xarelto nicht unumstritten. Man könne nicht sicher sein, dass die Ergebnisse der klinischen Studien nicht zugunsten der Pharmafirmen verzerrt seien, schreibt die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Fast alle grossen Studien seien von den Herstellern durchgeführt worden, deren Autoren hätten häufig Interessenkonflikte durch finanzielle Verbindungen mit Pharmafirmen.

Für Helsana-Mann Früh ist klar, weshalb das Bundesamt für Gesundheit bei Xarelto und anderen Medikamenten pharmafreundlich ist. «Das BAG fürchtet sich vor einer Beschwerdeflut der Pharmaindustrie, weshalb es im Zweifelsfall die Gesetze zugunsten der Hersteller auslegt.»

Das BAG widerspricht. Gerade die vielen Beschwerden der Pharmaindustrie belegten das Gegenteil. Allein in den vergangenen zwei Jahren seien 60 Beschwerden seitens der Hersteller eingegangen. Zudem stellt das Amt in den letzten fünf Jahren eine deutliche Zunahme fest. Die dem Bundesamt vorliegenden Berechnungen zeigten, dass sich Curafutura nicht immer an die geltenden Bestimmungen orientiert habe. «Das BAG dagegen kann nicht einfach andere Regeln anwenden, nur weil dies zu tieferen Preisen führen könnte», sagt ein Sprecher. Er verweist auf die Einsparungen, die alleine im Jahr 2017 erzielt worden seien. Damals hätten die Preissenkungen zu tieferen Kosten von 225 Millionen Franken geführt.

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