Bio Suisse

Konsumenten wollen Schweizer Bio-Zucker, aber Anbauer scheuen den Aufwand

Bio-Rüben sind begehrt. (Archivbild)

Bio-Rüben sind begehrt. (Archivbild)

Für den Verband Bio Suisse ist klar: Schweizer Bio-Zucker ist gesucht. Bloss: Es gibt ihn praktisch nicht. Gemeinsam mit den Zuckerfabriken und den Zuckerrübenpflanzern will das Bio Suisse ändern.

«Kommt nicht infrage!» Das war die erste Reaktion von Reto Frei, als er auf den Anbau von Bio-Zuckerrüben angesprochen wurde. Der 44-jährige Landwirt aus Schafisheim schüttelte den Kopf: «Kaum gesät, nimmt das Unkraut überhand, dann ist Handarbeit ohne Ende angesagt.» Doch sein Gegenüber liess nicht locker. Händeringend suchen die Zuckerfabriken Bio-Pflanzer.

Hintergrund ist die Konkurrenz aus der EU. Die Zuckerpreise seien wegen der billigen Importe unter Druck, beklagt die Branche. Der Schweizer Zucker stehe vor dem Aus, letztes Jahr hätten schon 500 Pflanzer das Handtuch geworfen. Hilfe erwartet die Zuckerindustrie von der Politik.

Gestern traten die grossen Akteure vor die Medien: In der Zuckerfabrik Aarberg forderten der Schweizer Bauernverband, die Zuckerrübenbauern und die Zucker Schweiz AG einen Mindestpreis für Zucker. Wird er unterschritten, soll der Zoll auf Importe aus der EU steigen. Mit 0,5 Rappen pro Tafel Schokolade mache das wenig aus.

Regionale Produktion als Plus

Zucker ist ein Massengeschäft. Aber es gibt darin attraktive Spezialitäten. Bio-Zucker ist eine davon. In den Läden erfreut er sich zunehmender Beliebtheit. Die Herkunft der Produkte ist dabei keineswegs nebensächlich. Kurze Transportwege seien «vielen Bio-Konsumenten ein grosses Anliegen», bestätigt Andrea Bergmann, Sprecherin von Coop.

Auch für den Verband Bio Suisse ist klar: Schweizer Bio-Zucker ist gesucht. Bloss: Es gibt ihn praktisch nicht. Gemeinsam mit den Zuckerfabriken und den Zuckerrübenpflanzern will das Bio Suisse ändern.

Es scheint eine Herkulesaufgabe zu sein. Reto Frei, der sich schliesslich doch noch überzeugen liess, ist eine Ausnahme. Er erkannte die Chance, wagte das Experiment – mit Samuela, der für Bio-Anbau geeigneten Zuckerrübensorte. Von seinen 48 bewirtschafteten Hektaren reservierte er drei für Zuckerrüben.

Im Frühjahr 2017 setzte er sich auf den Traktor und säte aus: als einer von damals nur gerade 13 Bio-Pflanzern im ganzen Land, die zusammen läppische 0,1 Prozent der Rübenanbaufläche beackerten. Resultat: 160 Tonnen weisser Kristallzucker: In Kilopackungen kommt er als erster Zucker mit Bio-Knospe und Schweizer Kreuz ab April in den Verkauf.

Die Menge reicht nirgendwohin. Pro Jahr werden in der Schweiz schätzungsweise 7000 bis 10 000 Tonnen BioZucker gekauft, Tendenz steigend. Ein grosser Teil davon stammt aus Zuckerrohr, etwa aus Lateinamerika. Der Test, wie gut sich die einheimische Produktion bei den Konsumenten behauptet, steht also noch an.

Das Risiko einer Missernte ist im Bio-Anbau beträchtlich. Anders als bei herkömmlicher Produktion sind die Samen ungebeizt, also nicht mit Pestiziden vorbehandelt, die Wurzelbrand oder Drahtwürmern den Garaus machen. Gefürchtet sind auch Mooskopfkäfer und Blattläuse. Und der Urheber der Blattfleckenkrankheit, ein Pilz, vermehrt sich bei feuchtwarmem Wetter oft explosionsartig. Schiesst zudem Unkraut hoch, verdrängt es die noch zarten Rübenpflänzchen komplett.

Zehnfacher Aufwand

«Im konventionellen Anbau greift man dann zu Spritzmitteln», hält Frei fest. Bio-Bauern setzen auf mechanische Unkrautbekämpfung. Sei es mit speziellen Hackgeräten und dem Striegel am Traktor – oder notfalls mit der Hacke in der Hand. «Ausschlaggebend ist aber ein gesunder Boden, der lebt und sich mineralisiert», sagt Frei. Das habe er erst realisiert, als er den Hof 2012 auf biologische Produktion umstellte.

Der Aufwand an Arbeitsstunden ist bei Zuckerrüben etwa zehn Mal höher und die Ernte kleiner. Auf 43 Tonnen Rüben pro Hektare kam Frei 2017. «Steigerungsfähig», wie er sagt. Im konventionellen Anbau sind 70 oder mehr Tonnen die Regel. Die Zuckerfabrik zahlte ihm pro Tonne Rüben gut 150 Franken, fast vier Mal so viel wie für gewöhnliche Zuckerrüben. Das spürt der Konsument. Bei Coop oder Migros kostet Kristallzucker derzeit Fr. 1.– pro Kilo, die Bio-Variante aus meist süddeutschen Rüben Fr. 2.30.

Für den Bauern Frei ist klar: «Wirtschaftlich betrachtet sind Bio-Zuckerrüben für mich interessant.» Warum gibt es denn nicht mehr Bio-Pflanzer? Das sei wohl nicht zuletzt eine Frage der Einstellung: «Es braucht einen Betriebsleiter, der auch mal etwas wagt.» Frei setzte seinem Experiment von Beginn weg Grenzen. Stundenlang Jäten und Hacken von Hand komme nicht infrage, dafür fehle ihm die Zeit, sagt er: «Funktioniert es nicht maschinell, höre ich wieder auf.»

2017 verlief der Start zunächst vielversprechend. Beim späten Frost im April litten die Pflanzen aber stark. Ein guter Teil erholte sich und gedieh. Das Unkraut im Griff, schöne grüne Blätter, guter Zuckergehalt – nicht schlecht gelaufen. Gewitzt durch die Erfahrungen erhofft Frei dieses Jahr 50 bis 60 Tonnen Rüben pro Hektare. Illusionen macht er sich nicht, «je nach Wetter kann es durchaus auch schlechter enden als 2017».

Die Bio-Offensive ist ein Schrittchen weitergekommen. Insgesamt 31 Pflanzer fanden sich für 2018, die Bio-Fläche steigt auf 0,33 Prozent. Immerhin.

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