Kritik an SNB-Entscheid
«Kommt die Flut, soll man nicht am Deich herumdoktern»

Janwillem Acket von der Bank Julius Bär hätte die Euro-Kurs-Schranke nicht eingerissen. Besser wäre es gewesen, man hätte erst einmal die Negativzinsen angepasst. Beides zugleich hinterlasse einen «verzweifelten Eindruck».

Daniel Fuchs
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«Besser wäre gewesen, man hätte erst einmal nur die Negativzinsen angepasst.» Der Volkswirt Janwillem Acket auf einer Archivaufnahme.

«Besser wäre gewesen, man hätte erst einmal nur die Negativzinsen angepasst.» Der Volkswirt Janwillem Acket auf einer Archivaufnahme.

Keystone

Der Euro-Mindestkurs ist Geschichte, alle Welt ist überrascht. Und Sie?

Janwillem Acket*: Ja, vor allem ob des Zeitpunkts. Das war ein verrückter Tag.

Der Nationalbank-Präsident bezeichnete eine weitere Durchsetzung der Kursuntergrenze als nicht länger nachhaltig. Warum sah niemand diesen Entscheid kommen?

Schlicht, weil die Nationalbank bis zuletzt betonte, den Mindestkurs mit allen Mitteln verteidigen zu wollen.

Und warum fiel der Entscheid gerade jetzt?

Der Druck auf den Franken war riesig. Die Nationalbank musste Tag für Tag reagieren, um den Mindestkurs von Fr. 1.20 zu halten. Man hätte den Wechselkurs zwar weiterhin halten können, aber die Kosten stiegen und stiegen. Letztlich aber musste die Aufgabe des Regimes überraschend erfolgen.

Ist es der richtige Entscheid?

Nein. Lassen Sie mich das anhand eines Deichs erklären, der vor den Fluten des Meers schützen soll: Kommt die Flut, soll man nicht am Deich herumdoktern, da diese sonst das Land überschwemmt.

Doch die Nationalbank riss die Wechselkursschranke ein. Was hätte sie anders machen sollen?

Besser wäre gewesen, man hätte erst einmal nur die Negativzinsen angepasst.

Dann finden Sie die Erhöhung der Strafzinsen gut?

Ich kann sie nachvollziehen. Aber das Problem liegt im Doppelpack, in dem die Massnahmen getroffen worden sind: Die Negativzinsen erhöhen und gleichzeitig den Mindestkurs aufgeben – das hinterlässt gegen aussen hin einen verzweifelten Eindruck.

Verzweifelte Währungshüter also? Dabei ist doch Glaubwürdigkeit entscheidend für die Nationalbank.

Diese ist nun angekratzt.

Hätte man den Mindestkurs denn bis in alle Ewigkeit halten können?

Nein, das nicht. Aber man hätte noch etwas zuwarten können. In ein paar Tagen kommt der Entscheid der Europäischen Zentralbank. Dann sehen wir weiter.

Worin liegt ein mögliches Szenario?

Wir prognostizieren eine leichte Erholung. Was wir auf dem Währungs- und Aktienmarkt gesehen haben, war eine Überreaktion. Wir gehen von einem Eurokurs aus, der sich in den nächsten beiden Monaten zwischen Fr. 1.05 und Fr. 1.10 einpendelt. Das war ein Wechselkursschock, den wir nun erlebt haben. In der Vergangenheit war es stets die Aufgabe der Nationalbank, solche Schocks abzufedern. Nun muss sich erst einmal der aufgewirbelte Staub legen.

Was, wenn sich der Kurs bei Parität einpendelt?

Dann hat die Nationalbank definitiv ein Glaubwürdigkeitsproblem. Denn Parität war ja gerade der Grund, weshalb sie im Jahr 2011 die Mindestgrenze von Fr. 1.20 eingeführt hat.

Auch wenn er sich bei Fr. 1.10 einpendelt – die Wirtschaft ächzt schon jetzt. Wer wird am meisten leiden?

Den Tourismus wird es wohl am härtesten treffen. Die Schweizer Tourismusbranche ist sowieso schon schlecht in die Wintersaison gestartet. Insgesamt ist die jetzige Konstellation besorgniserregend für die Schweizer Wirtschaft, weil sie nicht mit einer starken EU-Konjunktur konfrontiert ist. Man darf aber nicht schwarzmalen: Der Ölpreis wirkt sich mildernd aus.

Nationalbank-Präsident Thomas Jordan sagte, die Wirtschaft hätte sich in den drei Jahren des fixen Wechselkurses an die neue Situation anpassen können ...

... Und wer es nicht tat, der ist selber schuld. Ich finde es problematisch, so zu argumentieren. Und das in einer sowieso schon schwierigen Situation.

Gibt es ein Worst-Case-Szenario?

Würde der Euro dauerhaft auf Fr. 0.95 absacken, dann müssten wir befürchten, auf eine Rezession zuzusteuern. Diese Wahrscheinlichkeit halte ich aber für eher gering.

Welche Branchen können diesen Schock am besten verkraften?

Es wird Bereiche geben, die das sehr gut verkraften können. Die Börse hat total überreagiert. Man darf nicht vergessen: Wir haben Rohstoffpreise, die sich stimulierend auswirken. Nicht nur beim Öl. Je rohstoffintensiver ein Unternehmen ist, umso stärker profitiert es von diesen mildernden Effekten. Auch die Multis werden kaum Probleme haben. Sie können Mischrechnungen machen, Quellen umdisponieren. Aber Anbieter mit Massenproduktion und tiefer Marge können Probleme bekommen. Und natürlich auch das Gewerbe im grenznahen Raum.

Und die Sparer? Müssen sie wegen der gesenkten Zinsen um ihre Ersparnisse fürchten?

Die Kleinsparer sicher nicht. Aber unsere Pensionskassen werden das zu spüren bekommen.

Können die Negativzinsen eigentlich noch weiter gesenkt werden?

Ja, sicher. Denn das Niveau, das man im Dezember einführte, reichte bei Weitem nicht. Man muss auch das Unmögliche zu denken beginnen. Irgendwo wird es eine Schmerzgrenze geben, bei der sich Negativzinsen auf den Frankenkurs auswirken. Das Problem: In einer Rubelkrise ist es für Russen selbst dann noch attraktiv, in den Franken zu flüchten, wenn sie draufzahlen müssen.

Worin liegen generell die Gründe, die den Franken zur Fluchtwährung machen?

Die Schweiz ist eine Insel der Glückseeligen. Und so lange die weltweiten geopolitischen Konflikte anhalten, werden Menschen im Schweizer Franken einen sicheren Hafen finden. Wir drohen ein Opfer unseres eigenen Erfolgs zu werden. Und gleichzeitig drohen wir viel zu teuer zu werden. Das ist das Gefährliche daran.

*Janwillem Acket ist Chefökonom bei der Schweizer Privatbank Julius Bär.

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