Überlebenskampf

KMU gegen Grosskonzerne: Es brodelt zwischen den zwei Welten – und deren Verbänden

Der Roche-Turm in Basel steht auch sinnbildlich für die Grösse des Konzerns im Vergleich zur Schweizer KMU-Landschaft.

Der Roche-Turm in Basel steht auch sinnbildlich für die Grösse des Konzerns im Vergleich zur Schweizer KMU-Landschaft.

Der Streit zwischen KMU und Grosskonzernen ist nicht neu. Neu ist aber, dass die Grossen immer grösser und stärker werden.

Coiffeursalons, IT-Buden, Restaurants: 99 Prozent der knapp 600 000 Unternehmen in der Schweiz sind KMUs. Firmen, die 1 bis 250 Angestellte beschäftigen. Gut drei Millionen der insgesamt 4,5 Millionen Beschäftigten arbeiten bei einem KMU. Die Zahlen des Bundesamts für Statistik belegen, dass die Phrase, die KMUs seien das Rückgrat der Schweiz, keine leere ist. Die Umsätze und Gewinne sind zwar oft überschaubar. Doch die Menge machts: Gemäss der Basler Firma Nimbo dürfte der Wert aller Schweizer KMU bei 659 Milliarden Franken liegen.

Nestlé, Novartis, Roche: Kein anderes Land wie die Schweiz zählt pro Kopf so viele erfolgreiche Grossfirmen. In der Liste der wertvollsten Konzerne weltweit steht Nestlé auf Rang 13. Die Basler Pharmamultis Roche und Novartis folgen knapp dahinter. Alleine dieses Trio bringt es auf eine Börsenkapitalisierung von fast 800 Milliarden Franken. Die grossen bieten zwar nicht so viele Arbeitsplätze wie die kleinen. Dafür bezahlen sie einen Grossteil der Steuern. Eine Auswertung der «Handeslzeitung» zeigte auf, dass 2018 allein Novartis, Nestlé, UBS, Swisscom und Zurich insgesamt 2,2 Milliarden Franken an den Fiskus ablieferten.

Es gibt zahlreiche Reibungsflächen

Bei dieser Ausgangslage liegt es auf der Hand, dass es für Gross und Klein nicht eine Wirtschaftspolitik geben kann. Da treffen zwei Welten aufeinander - der medial ausgetragene Streit zwischen Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler und Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl lässt grüssen. KMU-Vertreter Bigler erwägt bei der Konzernverantwortungsinitiative ein Ja in die Urne zu legen, das ärgerte Rühl so sehr, dass die sonst besonnene Direktorin zum kommunikativen Zweihänder griff.

Doch das Beispiel Konzernverantwortungsinitiative ist nur eines von vielen Themen, bei welchen die Meinungen von KMU- und Konzernvertreter weit auseinander gehen. Beim Vaterschaftsurlaub bzw. der Elternzeit lieferten sich die Konzerne in der Schweiz einen regelrechten Wettbewerb, wer den längsten hat. Johnson&Johnson stieg mit 8 Wochen ins Rennen, das Pharmaunternehmen MSD bot 16 Wochen, Novartis und Nestlé kamen mit 18 Wochen und der Zigarettenhersteller Japan Tobacco International (JTI) legte für seinen Schweizer Standort mit 20 Wochen noch einen obendrauf.

Unterschiedliche Finanzierungsmöglichkeiten

Kleinere und mittlere Unternehmen sahen diesem Wettstreit ungläubig zu. Nicht etwa, weil sie per se dagegen wären – der designierte Gewerbeverbandspräsident Fabio Regazzi hält den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub für «ein Opfer, das die KMU akzeptieren müssten» – sie sind allerdings schlicht nicht in der Lage, in dieser Liga mitzuspielen. Wie sollen sie diese Absenzen kompensiert, geschweige denn finanziert werden?

David Dorn, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Zürich, wertet die Spannungen zwischen Gross und Klein vor allem dahingehend, dass die «Wirtschaft» eine heterogene Gruppe von unterschiedlichen Branchen, Unternehmensgrössen und Absatzmärkten ist. «Daraus ergeben sich dann auch unterschiedliche Interessen», sagt Dorn. Grosse, internationale Unternehmen würden zwar bezüglich Absatzmärkten und Zulieferern durchaus im selben Boot sitzen wie KMU im Maschinenbausektor. «Von den kleinen Firmen, deren Markt auf die Schweiz beschränkt ist, setzen sie sich aber deutlich ab.»

Auch beim Rahmenabkommen dürfte es Probleme geben

Das zeige sich neben der Konzernverantwortungsinitiative zum Beispiel auch beim Rahmenabkommen mit der EU. «Für international ausgerichtete Unternehmen hat der Zugang zum europäischen Markt höchste Priorität, deshalb möchten sie das Abkommen schnellstmöglich unter Dach und Fach haben», sagt Dorn. Umgekehrt betonten binnenorientierte Firmen die flankierenden Massnahmen. «Das schützt sie gegenüber ausländischen Unternehmen, die billige Arbeitskräfte in die Schweiz schicken möchten.»

In der öffentlichen Wahrnehmung hätten die Konzerne wegen der hohen Managementgehälter stark an Ansehen eingebüsst. «Viel Beachtung finden auch Verstösse gegen Umwelt- oder Arbeitnehmerstandards», sagt Dorn. Er betont aber, dass Konzerne bei Hochschulabgängern nach wie vor als attraktive Arbeitgeber gelten - auch aufgrund ihrer guten Konditionen. Zudem leisteten sie wichtige Impulse in Sachen Innovation und Wirtschaftswachstum. «Die ungewöhnlich hohe Dichte an internationalen Konzernen ist eine Stärke der Schweizer Volkswirtschaft», sagt der Zürcher Professor.

Dass in der Coronakrise manche Konzerne florieren, während gleichzeitig viele Gewerbler und KMUs um ihre Existenz bangen, führt Dorn darauf zurück, dass die grossen Firmen im Gegensatz zu KMU auf hohen Kapitalbeständen sitzen würden und die aktuelle Rezession so besser wegstecken können. «Zudem begünstigt der digitale Wandel generell die Grossen, weil sie hohe IT-Investitionen besser stemmen können. Als Belohnung winken Effizienzsteigerungen, die grössere Umsätze und eine höhere Gewinnmarge bringen.» Dadurch würden die grossen in den einzelnen Branchen noch stärker und erzielten noch höhere Gewinne. Die Diskrepanz zwischen den global orientierten Konzernen und dem binnenorientierten Gewerbe wird grösser.

Bei Parolen: Oft das Heu nicht auf der gleichen Bühne

Dass die KMU und die Grosskonzerne das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne haben, zeigt sich auch an ihren Parolen. Während der KMU-geprägte Gewerbeverband häufiger für konservative Anliegen eintritt, nimmt Economiesuisse, in dem Grosskonzerne eine wichtigere Rolle spielen, öfter eine progressive Position ein. Das betrifft nicht nur Wirtschaftsthemen.

Weit auseinander lagen die Verbände etwa bei der No-Billag-Initiative, welche die Radio- und Fernsehgebühren abschaffen wollte. Während der Gewerbeverband für ein Ja trommelte und Präsident und SVP-Nationalrat Jean-François Rime von «Abzockerei» der Unternehmen sprach, warb Economiesuisse für ein Nein. Die Initiative sei zu radikal, der Service Public erfülle «wichtige demokratiepolitische Funktionen», die zur Stabilität und Attraktivität der Schweiz beitrügen. Unterschiedlicher Meinung waren die beiden Verbände auch beim ersten Paket des Energiegesetz, über das 2017 abgestimmt wurde. Economiesuisse konnte sich auf keine Parole einigen. Der Gewerbeverband empfahl ein Ja – auch, weil Gebäudesanierungen damit steuerlich abzugsfähig wurden und Investitionsbeiträge an erneuerbare Energien mit dem Gesetz befristet wurden.

Auf keinen gemeinsamen Nenner einigen konnten sich die beiden Verbände auch beim Geldspielgesetz. Der Gewerbeverband sprach sich für das Anliegen aus und unterstützte etwa die Sperren von Online-Angeboten ausländischer Anbieter. Economiesuisse hingegen bekämpfte diese «Markabschottung» mit einer Nein-Parole. 2015 engagierte sich Economiesuisse gegen die Durchsetzungsinitiative, mit der die SVP ihre Ausschaffungsinitiative im Gesetz festschreiben wollte. Der KMU-dominierte Gewerbeverband verzichtete zwar «mangels Relevanz für die Wirtschaft» auf eine Parole. Präsident Hans-Ulrich Bigler aber machte kein Geheimnis aus seiner Unterstützung für das Anliegen. Schliesslich habe es der Bundesrat verpasst, das Anliegen umzusetzen. Dass Bigler nun ein Anliegen aus der linken Ecke unterstützt und damit den Zorn von Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl auf sich zieht, widerspricht den üblichen politischen Linien innerhalb der Verbände.

Austritte und Drohungen: Immer wieder Zwist zwischen den Verbänden

Der Zwist zwischen den Verbänden ist übrigens kein neues Phänomen. Unter Getöse entschied sich der Uhrenverband im Februar 2013 für den Austritt bei Economiesuisse. Der Austritt sei «ein Signal an die Economiesuisse, dass es jetzt eine starke Veränderung braucht in diesem Verband», sagte Nick Hayek, Chef der Swatch Group damals. Und 2006 drohte der Verband der Schweizer Maschinen- und Elektroindustrie Swissmem auszutreten. Die Kritik an Economiesuisse tönte damals genau gleich wie heute: Kleine und mittelgrosse Unternehmen würden sich im Gebaren der Economiesuisse nicht erkennen, die Organisation widme sich nur den Grosskonzernen, erklärte Philippe Maquelin, damaliger Finanzchef der Maschinenfabrik Tornos.

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