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Klimaschädlicher als gedacht: Diesel-Autos sterben auf Schweizer Strassen aus

Auf Schweizer Strassen sind immer weniger Diesel-Autos unterwegs.

Auf Schweizer Strassen sind immer weniger Diesel-Autos unterwegs.

Das ging schnell: Innert nur vier Jahren hat sich der Anteil neu verkaufter Autos mit Diesel-Antrieb fast halbiert. Denn so modern wie die Industrie behauptet, sind die Fahrzeuge längst nicht mehr.

Der Schweizer Automarkt steuert auf das schlimmste Jahr seit den 70er-Jahren zu. Im Vergleich zum Vorjahr wurden per Ende Oktober 27 Prozent weniger Autos verkauft. Besonders hart trifft es Fahrzeuge mit Dieselantrieb. Ihr Anteil an den neu zugelassenen Autos ist auf ein Rekordtief gesunken. Gerade noch 19,6 Prozent betrug er im Oktober. Zum Vergleich: 2016 betrug der Diesel-Anteil in der Schweiz noch fast 40 Prozent. Das zeigen Zahlen des Verbands Auto Schweiz.

Geht der Rückgang in diesem Tempo weiter, ist das Aussterben des Diesels eine Frage der Zeit. Die Schweiz ist keine Ausnahme: «Europa verabschiedet sich vom Diesel», betitelt das deutsche «Center Automotive Research» der Universität Duisburg-Essen von Ferdinand Dudenhöffer eine aktuelle Analyse.

«Diesel ist teurer geworden»

Der Trend sei nicht mehr aufzuhalten, wird «Autopapst» Ferdinand Dudenhöffer dort zitiert. Ein Grund sei die zunehmende Elektrifizierung. Die Entscheidung des britischen Premiers Boris Johnson, den Ausstieg aus Verbrennungsmotoren schon bis 2030 umzusetzen, werde die Talfahrt genauso verstärken wie strengere CO2-Vorgaben der EU und neue Emissionsregulierungen mit dem Standard Euro 7, der voraussichtlich 2025 kommt.

«Der Diesel ist teurer geworden und seine CO2-Einsparungen sind längst nicht mehr State of The Art», schreibt Dudenhöffer. Die letzte Bastion des Diesels seien die «dicken SUV, die grossen Firmenwagen und die Steuervorteile» etwa in Deutschland.

Selbst die Hersteller wenden sich ab

Diesel-Antriebe finden sich dort in vielen tendenziell grösseren Dienstwagen, weil der Treibstoff günstiger besteuert wird. Im Klima-Vergleich schneidet Diesel allerdings schlechter ab. Pro neu zugelassenes Auto in Deutschland betragen die CO2-Emissionen pro Kilometer laut Dudenhöffer 152,8 Gramm bei Benzin-Autos und 174,4 Gramm bei Diesel-Autos. Der durchschnittliche Verbrauch liegt bei den Diesel-Autos mit 6,6 Litern ebenfalls höher als bei den Benzinern mit 6,4 Litern pro 100 Kilometer.

In der Schweiz gibt es keine Steuerprivilegien für Diesel. Der Diesel-Anteil ist denn auch deutlich tiefer als in Deutschland. Bereits so gut wie keine Rolle mehr spielen Diesel-Autos in Norwegen, wo in den ersten neun Monaten des Jahre noch jedes zehnte neu zugelassene Auto einen Dieselantrieb aufwies, oder in den Niederlanden, wo der Anteil nur noch 4,5 Prozent betrug. Auch die Hersteller wenden sich ab: So haben Volvo und Nissan schon vor zwei Jahren angekündigt, keine Investitionen in die Technologie mehr zu tätigen. Selbst bei den Hybrid-Autos, die mit einem konventionellen Verbrenner ausgestattet sind, sieht es düster aus für Diesel: Von den dieses Jahr in Deutschland neu verkauften Plug-In-Hybriden waren nur 12 Prozent mit einem Dieselantrieb ausgestattet. Um die Plug-In-Hybride ist zuletzt eine Debatte über deren Umweltverträglichkeit entbrannt (siehe Box).

Diesel bleibt wichtig für Güterverkehr

Auto-Schweiz-Sprecher Christoph Wolnik sagt, bei normalen Personenwagen sei die grosse Zeit des Diesels vorbei. «Das Angebot nimmt ab. Viele Hersteller haben den Diesel bei Kleinwagen bereits gekippt. Er macht wirtschaftlich keinen Sinn mehr. Die Abgasreinigung ist zu teuer für diese Preisklasse.»

Dieselautos hätten etwa bei Firmenwagen noch eine gewisse Zukunft, denn Dieselmotoren haben ein höheres Drehmoment und sind deshalb kraftvoller und sparsamer – eine Eigenschaft, die Vielfahrer schätzen. «Zudem hat etwa jeder zehnte Hybrid-Personenwagen einen Diesel-Verbrenner verbaut», sagt Wolnik. Werde diese Zahl mit einbezogen, steige der Diesel-Anteil hierzulande auf 24,7 Prozent in den ersten neun Monaten. Allerdings heisst das auch, dass in 90 Prozent aller Hybrid-Fahrzeuge ein Benzin-Verbrenner verbaut ist.

«Enorm wichtig» bleibe der Dieselmotor für den Güterverkehr, sagt Wolnik. Auch wenn zunehmend alternative Antriebe wie Wasserstoff auf die Strasse kämen, würden Last- und Lieferwagen mit Diesel noch lange Zeit «das überwiegende Mehr» der Fahrzeuge in dieser Kategorie ausmachen.

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Autor

Stefan Ehrbar

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