Der starke Franken lässt die heftige Diskussion um das Swissness-Gesetz erneut aufleben. Diese wurde zwar im Juni 2013 in den eidgenössischen Räten beschlossen. Doch nun fordern unter anderem Uhren-KMU, das Gesetz zu schubladisieren, bevor es überhaupt in Kraft tritt.

Die Vernehmlassung zur Verordnung ist abgeschlossen und nun kommt sie in die Justizkommission des Ständerats. Was vordergründig nach einem Schutz des guten Rufs der Marke «Schweiz» in Bezug auf Qualität und technische Perfektion klingt, nütze nur den grossen Uhrenkonzernen, die kleinen aus dem Markt zu drängen, erklärt Erich Mosset, CEO der Lausner Ronda AG und Mitbegründer der «IG Swiss Made».

Herr Mosset, weshalb wollen Sie ein Gesetz, das im Parlament bereits beschlossen ist, wieder kippen?

Erich Mosset: Wir wollen, dass das Gesetz sistiert wird. Als es beschlossen wurde, ging es darum, ob der Schweizer Anteil 50 oder 60 Prozent betragen soll, und im Ständerat fiel der Entscheid äusserst knapp mit nur einer Stimme Differenz zugunsten von 60 Prozent.

Weshalb lehnen Sie dies ab?

Wir hatten bisher für Uhren eine Branchenverordnung und seit 1972 ein Abkommen mit der EU, auf das sich die ganze Uhrenindustrie eingestellt hatte: 50 Prozent des Uhrwerks müssen in der Schweiz gefertigt sein. Nun soll diese bewährte Praxis verschärft werden. Dabei geht es nicht nur um die Prozentzahl: Bisher bezog sich diese auf das Uhrwerk, künftig soll sie sich auf die ganze Uhr beziehen.

Befürworter des neuen Gesetzes argumentierten, mit der alten Regel könne man im Extremfall eine Uhr, die nur zu 20 Prozent in der Schweiz produziert wurde, als «Swiss made» verkaufen. Geht es also um eine Verschärfung um den Faktor drei?

Das ist nicht so einfach. Baut man ein sehr einfaches Schweizer Uhrwerk in ein komplexes Gehäuse aus Fernost, konnte man bisher auf einen tiefen Schweizer Anteil kommen. Umgekehrt konnte ein teures Schweizer Uhrwerk in einem günstigen Gehäuse zu einem hohen Schweizer Anteil führen. Die reine Prozentzahl allein sagt also über die Qualität der Uhr nicht allzu viel aus.

Was ist dann das Problem?

Man soll künftig alle Komponenten, auch Zifferblätter und Gehäuse, die man in guter Qualität in Fernost beziehen kann, in der Schweiz einkaufen. Es gibt sie aber gar nicht in ausreichender Menge. Die wenigen Firmen, die so etwas herstellen, wurden aufgekauft und gehören zu Grosskonzernen. Ein Beispiel bei den mechanischen Werken: Der einzige namhafte Schweizer Hersteller für Spiralfedern, Nivarox, gehört zur Swatch Group.

Ergibt sich da nicht ein neuer Markt in der Schweiz für unabhängige Produzenten von Uhrenkomponenten?

Dafür sind erstens die Rahmenbedingungen noch zu unklar: Derzeit diskutiert man die Verordnung zum Swissness-Gesetz. Dann kommt die Branchen-Verordnung: Wie wird definiert, was man als «in der Schweiz hergestellt» bewertet? Welche Arbeitsschritte an einem Gehäuse müssen hier erfolgen? Und wie wird das kontrolliert? Bevor dies klar ist, wird man kaum einen Investor finden, der sich da engagiert. Dann muss man die Produktion aufbauen und sehr rasch auf eine hohe Stückzahl kommen, um bei den Kosten konkurrenzfähig zu bleiben. Aus diesem Grund ist auch ein hoher Automatisierungsgrad nötig. Das stampft man nicht von heute auf morgen aus dem Boden.

Es fehlt also die industrielle Basis, um das Swissness-Gesetz umzusetzen?

Nicht ganz. Die industrielle Basis reicht aber nur für die grossen Luxusmarken. Kleinere Hersteller werden aus dem Markt gedrängt.

Erwartet der Konsument nicht zu Recht, dass eine Schweizer Uhr vollständig in der Schweiz hergestellt wurde?

Wenn man dieses Kriterium anlegt, bleiben nur noch Firmen wie Rolex übrig. Diese haben aber als starke Luxus-Marken das Label «Swiss made» viel weniger nötig als die kleineren und mittleren Hersteller. 

Ist das Gesetz ein Versuch, die zu kleine industrielle Basis zugunsten der Luxusmarken zu monopolisieren?

Es geht absolut in diese Richtung. Die Kleinen und Mittleren können nicht alles selber machen. Dies ist nur möglich für einen Konzern wie die Swatch Group, Richemont oder Rolex, oder für Manufakturen in den höchsten Preissegmenten. Das Gesetz fördert die Monopolisierung und die Verengung auf den obersten Luxusbereich. Es gibt aber auch Firmen, die Uhren im Preissegment von wenigen hundert Franken herstellen. Auch diese sind wichtig für die Uhrenbranche.

Ist es nicht berechtigt, gegen Trittbrettfahrer vorzugehen?

Das Wort «Trittbrettfahrer» wurde von den Befürwortern des Swissness-Gesetzes kreiert. Doch das sind nicht Trittbrettfahrer, sondern Unternehmer, die ihre Marke und kommerziellen Kontakte jahrzehntelang aufgebaut haben.

Und wie steht es mit der Qualität?

Komponenten, die bisher aus Fernost kamen, sind qualitativ sehr gut. Wenn man das nun in der Schweiz produziert, wird es zwar teurer, aber nicht besser. Der Konsument erwartet ein Qualitätsprodukt, und das soll er bekommen. Auch bei einem deutschen Auto wird nicht alles in Deutschland gemacht. 

Wie steht es mit der Innovation?

Jean-Claude Biver von Tag Heuer hat für die Entwicklung einer Smart-Watch die Partnerschaft mit Google und Intel angekündigt. Diese Uhr kann also nicht mehr «Swiss made» sein. Das zeigt doch: Wir sind mit diesem Gesetz dabei, uns selber zu begrenzen. Wir haben das Gefühl, alles im Griff zu haben. Also machen wir die Grenzen möglichst dicht nach dem Motto: «Swiss made» ist das Beste und Einzige! Bauen wir aber einen Zaun um uns herum, schliessen wir auch Möglichkeiten für die Zukunft aus.

Es gibt neben der Uhrenbranche weiter Exportindustrien, die unter dem überbewerteten Franken leiden und für die die neue Swissness-Richtlinien zusätzlichen Aufwand bedeuten. Stehen Sie mit diesen im Kontakt?

Da das neue Gesetz vor allem für KMU Probleme aufwirft, arbeiten wir in erster Linie mit dem Gewerbeverband zusammen. Die Investitionsgüter- und Zulieferindustrie ist weniger abhängig vom Label «Swiss made», denn ihre Kunden sind technisch versierte Unternehmen. Uhren hingegen sind Luxusgüter für Konsumenten. Da spielt das Swissness-Label eine entscheidende Rolle.

Kommt Ihnen der Fall der Euro-Untergrenze gerade recht, um ein Gesetz zu bekämpfen, das Sie von Anfang an abgelehnt haben?

Der überbewertete Franken ist für Uhrenexporteure im unteren und mittleren Segment, die für eine relativ preissensible Kundschaft produzieren, eine grosse Herausforderung. Deshalb können sie nicht eine zusätzliche Hürde mit verschärften Swissness-Anforderung auch noch bewältigen. Hinzu kommt: Eine Uhr, die mit dem einen Wechselkurs noch «Swiss made» ist, verliert vielleicht diesen Status mit der nächsten Kursschwankung. Also müsste man in einem unsicheren Währungsumfeld Reserven einbauen, sodass 60 Prozent in Realität 70 Prozent bedeutet. Hinzu kommen hochkomplexe firmeninterne Mechanismen, um diese Prozentzahlen im Griff zu haben. Das bedeutet zusätzliche Kosten. Deshalb fordern die Parteipräsidenten von FDP, CVP und SVP in ihrem Papier zur Bewältigung des Euro-Kurses: «Swissness überarbeiten, vereinfachen und entschlacken.»

Das ist aber etwas anderes als die von Ihnen geforderte Sistierung.

Ja, unser Antrag ist, dass man das Swissness-Gesetz sistiert und eine Denkpause dazu einlegt, wie man es den neuen Voraussetzungen mit dem Eurokurs anpasst.

Auf wie viele Jahre hinaus wollen Sie das Gesetz sistieren?

Wir nennen keine Zahl. Jetzt ist vorgesehen, dass das Ganze auf Anfang 2017 in Kraft tritt. Im besten Fall sind die umstrittenen Details der Verordnungen Ende 2015 bekannt. Dieses eine Jahr dazwischen reicht aber keinesfalls, eine ganze Komponenten-Industrie aufzubauen, nachdem man diese Produktion während Jahrzehnten ausgelagert hat.

Im Nationalrat haben drei Nationalrätinnen aus anderen Kantonen aus den von Ihnen genannten Parteien Vorstösse zur Swissness eingereicht. Setzen sich auch Parlamentarier aus der Nordwestschweiz für Ihr Anliegen ein?

Wir stehen dafür in Kontakt mit Ständerat Claude Janiak.

Wenn Sie sich für die Sistierung des Swissness-Gesetzes einsetzen, tun sie dies vor allem für Ihre Kunden, welche die Ronda-Uhrwerke in ihre Uhren einbauen. Haben sich  weitere Baselbieter Uhrenproduzenten der «IG Swiss Made» angeschlossen?

Dazu möchte ich nichts sagen, denn unsere Mitglieder sind auf Komponenten von den Grosskonzernen angewiesen und befürchten, unter Druck zu kommen, wenn ihre Opposition gegen das Swissness-Gesetz öffentlich würde.