Frankreich
Klage gegen Lafarge: Betriebsleiter flüchtete aus syrischer Fabrik – über 30 Angestellte blieben zurück

Die überhastete Flucht im September 2014 war das unrühmliche Ende einer langen Kette von Fehlern, fahrlässigen Taten und von Selbstüberschätzung von Lafarge in Syrien. Diese unschöne Mischung holt den Zementkonzern nun ein: die französischen Untersuchungsrichter eröffnen eine Untersuchung. Die Vorwürfe lauten unter anderem Finanzierung von Terroristen, Beihilfe zu Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Niklaus Vontobel
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Überhastete Flucht: Satellitenbild der Lafarge-Zementfabrik Google

Überhastete Flucht: Satellitenbild der Lafarge-Zementfabrik Google

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Es ist 5 Uhr morgens, als der Betriebsleiter am 19. September 2014 alle verbliebenen Mitarbeiter um sich sammelt. Die Kämpfer der Terrororganisation ISIS werden in wenigen Stunden die Zementfabrik im Norden Syriens erreichen. Die angeforderten Fahrzeuge sind nicht durchgekommen, es bleiben bloss vier Autos. Zwei Stunden später fährt der Betriebsleiter in seinem Privatauto zur syrisch-türkischen Grenze, zehn Personen flüchten mit ihm. Detonationen sind zu hören.

Hinter ihnen ist die Zementfabrik noch lange zu sehen, ihr höchster Turm ragt 130 Meter in die Höhe über der flachen Landschaft. Fast 700 Millionen Dollar liess der französische Konzern Lafarge sich die Fabrik kosten. Es war die grösste private Investition in Syrien überhaupt. Erst vier Jahre zuvor wurde sie feierlich eingeweiht. Journalisten wurden eigens eingeflogen, der französische Botschafter war anwesend und natürlich auch der damalige CEO von Lafarge, Bruno Lafont.

Jene überhastete Flucht im September 2014 war das unrühmliche Ende einer langen Kette von Fehlern, fahrlässigen Taten und von Selbstüberschätzung. Diese unschöne Mischung holt Lafarge nun ein. Und damit auch die schweizerisch-französische Mutter Lafarge- Holcim mit Sitz in Zürich und Paris. Nach Angaben von Sherpa – der NGO, die mit einer Strafanzeige den Syrien-Fall lostrat – werden die drei verantwortlichen französischen Untersuchungsrichter neu gegen den Konzern Lafarge eine Untersuchung einleiten.

Die zuständige Sherpa-Anwältin, Marie-Laure Guislain, erklärte kürzlich in einer online übertragenen Diskussionsrunde: «Bislang waren nur natürliche Personen betroffen. Als Nächstes wird auch gegen das Unternehmen selbst Anklage erhoben.» Auf Anfrage sagt Guislain, die Klage gegen den Konzern sei ein weiterer wichtiger Schritt. «Es darf nicht sein, dass wie bisher nur Individuen angeklagt werden, grosse Konzerne hingegen nicht, selbst wenn sie Millionen an Terroristen zahlen.» Bislang wurde gegen Lafont und weitere fünf ehemalige Manager untersucht.

Exempel statuieren

Sherpa geht es anscheinend darum, ein Exempel zu statuieren für andere internationale Konzerne. Guislain: «Das finale Urteil muss sicherlich abgewartet werden. Aber der Fall illustriert gut: Multinationale Unternehmen, die in Konflikt-Zonen arbeiten, können bewaffnete Konflikte anheizen und dabei gravierende Menschenrechtsverletzungen begehen.» Konzern wie Lafarge müssten deshalb unbedingt zur Verantwortung gezogen werden.

Seinen Angriff auf Lafarge hatte Sherpa im November 2016 mit einer Strafanzeige begonnen. Der Konzern habe in Syrien Terroristen finanziert, so der Vorwurf. Von 2011 bis Ende 2014 soll er total 15 Millionen Dollar bezahlt haben, damit die Fabrik trotz aller Kriegswirren weiter Zement herstellen konnte. Die Zahl von 15 Millionen Dollar stammt aus einem an sich internen Bericht, den LafargeHolcim in Auftrag gab. Ein noch unbestimmter Teil des Geldes floss an bewaffnete Gruppen in Syrien, darunter auch ISIS. Zudem beschuldigt Sherpa den Konzern, er habe Beihilfe zu Kriegsverbrechen geleistet sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.

Bislang war Lafarge selber nicht von der Untersuchung betroffen gewesen. Als der Mutterkonzern LafargeHolcim letzte Woche die Jahreszahlen des weltweit grössten Zementkonzerns präsentierte, konnte CEO Jan Jenisch deshalb noch klarstellen: Der Konzern sei nicht Partei in dem Verfahren. Er habe daher auch nur aus den Medien von Neuigkeiten aus den französischen Untersuchungen erfahren. Derweil ist unter den ehemaligen Angestellten in der syrischen Zementfabrik die Wut offenbar gross. Lafarge habe, so der Vorwurf, viel zu lange im Krisengebiet ausgeharrt. Mehr als 30 Angestellte seien zurückgelassen worden in der Fabrik, bis eine Stunde vor dem Angriff von ISIS. Nur durch Zufall sei die Flucht überhaupt noch geglückt. Das dürfte mit ein Grund sein, warum sich gemäss Sherpa nun weitere Angestellte der Strafanzeige anschliessen.

Sitzungsprotokolle fehlen

Bislang waren es elf Personen. Andere hätten sich gefürchtet, so Sherpa-Anwältin Guislain. Ein aggressives Vorgehen gegen einen ehemaligen Arbeitgeber könnte ihnen in Zukunft schaden. «Doch inzwischen haben sie von ihren Kollegen gehört, dass die Klage sehr erfolgreich verläuft», sagt Guislain. Den meisten ehemaligen Angestellten gehe es darum, eine moralische und finanzielle Genugtuung zu erhalten.

Als weiteren Erfolg für sich verbuchte Sherpa, dass Lafarge zuletzt grosse Mengen an Beweismaterial an die Behörden übergeben musste. Rund 267 000 Seiten an Dokumenten wurden im Januar ausgehändigt. Sherpa hatte eine Beschwerde eingereicht, Lafarge behindere die Arbeit der Justiz. Im Dezember hatten die Behörden die Pariser Büros von Lafarge durchsucht, wichtige Dokument aber nicht finden können. Sitzungsprotokolle zum Beispiel hätten gefehlt, die für den Fall Syrien wichtig seien.

LafargeHolcim sagt auf Anfrage: «Wir halten in aller Deutlichkeit nochmals fest: Wir bedauern und verurteilen die Vorgänge in Syrien der damaligen Lafarge.» Der Konzern habe eine interne Untersuchung in Auftrag gegeben, sobald er von den Vorgängen erfahren habe. Der Bericht sei den französischen Behörden übergeben worden. Weiter betont der Konzern, die in Syrien begangenen Fehler seien «inakzeptabel».

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