Überdurchschnittlich hohe Temperaturen von April bis Juni bescheren den Obstbauern eine überaus reiche Ernte an Kirschen. Dieses Jahr wird die drittgrösste Ernte seit der Jahrtausendwende erwartet: rund 30 Prozent mehr als im Durchschnitt der letzten vier Jahre. Doch die Früchte wurden zeitlich dicht gedrängt reif; nicht wie sonst verteilt über mehrere Wochen. So gelangen übergrosse Mengen in den Detailhandel. Letzte Woche doppelt so viele Tonnen wie durchschnittlich in den vier Vorjahren zur gleichen Zeit.

Reife Kirschen können nicht lange gelagert werden. Also müssen die Preise gesenkt werden, damit sich die Massen an Kirschen rechtzeitig verkaufen lassen. Letzte Woche bot ein grosser Schweizer Detailhändler darum Kirschen zu 40 Prozent günstiger an als üblich. Landesweit lagen die Preise durchschnittlich 19 Prozent tiefer als im Mittel der letzten vier Jahre, gemäss der wöchentlichen Marktbeobachtung des Bundesamtes für Landwirtschaft. Auch diese Woche ist gemäss dem Schweizer Obstverband mit Aktionen zu rechnen.

Grosse Ernte, niedrige Preise

Den Obstbauern durchkreuzen die hohen Temperaturen die Planung. Hubert Zufferey, Experte beim Schweizerischen Obstverband, sagt dazu: «Die Bauern wollen die Mengen liefern, die die Kunden wünschen – und nicht über die eigentlich nachgefragte Menge hinaus produzieren.» Finanziell dürfte die Kirschen-Saison 2018 deshalb eher dürftig ausfallen. Durch die tieferen Preise bleibt den Bauern unter dem Strich weniger Umsatz.

Zudem müssen die Obstbauern auch 2018 wieder mit Wetterextremen fertig werden. Im Vorjahr sei, erklärt Zufferey, durch eine beispiellose Frostwelle mancherorts bis zur Hälfte der Apfelernte verloren gegangen. Es musste ein Sonderkontingent über 8000 Tonnen Äpfel für die Schweiz bewilligt werden. Und nun, im Jahr 2018, die ungewöhnlich warmen Monate von April bis Juni. «Dadurch entwickeln sich die Früchte schneller, und die Ernten fallen immer etwas früher im Jahr an», sagt Zufferey. Viele Menschen seien zwar skeptisch gegenüber der Theorie, dass sich die Temperaturen generell erhöhen würden. «Aber in unserer Branche stellen wir tatsächlich fest, dass es häufiger zu Wetterkapriolen kommt.»

Die Beobachtungen von Zufferey decken sich mit den Daten, die Meteo Schweiz erhoben hat. Das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie stellte fest: Nur gerade im Hitzejahr 2003 wurde in der Schweiz die gleiche durchschnittliche Temperatur gemessen für die Monate von April bis Juni, nämlich landesweit 10,6 Grad. Sonst wurden seit 1864 für diese Monate nie mehr als 10 Grad gemessen, also seit 154 Jahren.

Daten von Meteo Schweiz zeigen auch, wie sich die hohen Temperaturen generell auf die Natur auswirken. Verschiedene Pflanzen haben sich bereits ab dem warmen April täglich schneller entwickelt. Schwarzer Holunder, Weinreben und Sommerlinden beispielsweise hätten deshalb dieses Jahr rund zwei Wochen früher geblüht als sonst üblich. Zudem hätten viele Pflanzen fast gleichzeitig geblüht.

Doch kein Allzeit-Rekord

Für die Obstbauern könnte dieses Jahr auch die Beeren-Saison unterdurchschnittlich ausfallen. Die Hitze der letzten Wochen liess beispielsweise die Himbeeren tendenziell schneller reifen. Dadurch schmecken die Früchte vielleicht besser, werden tendenziell aber weniger gross. Die Ernte wird gewichtsmässig dadurch eher kleiner. Auch Erdbeeren hätten, so der Obstverband, gelitten unter den diesjährigen «Wetterkapriolen». Die zwischenzeitliche Nässe und Kälte bekam ihnen schlecht. Brombeeren hingegen würden sich bei heissem Wetter gut entwickeln, was eine gute Ernte verspreche.

Das wärmere Klima scheint zudem die Prognosen für die Landwirtschaft fehleranfälliger zu machen. Erst letzte Woche vermeldete etwa der Obstverband noch, es gebe dieses Jahr von Himbeeren «so viele wie noch nie». Auch grosse Mengen an Heidelbeeren, an Brombeeren oder an Johannisbeeren würden gepflückt. Nur wenige Tage später musste der Verband diese Prognose zurücknehmen. Die hohen Temperaturen hatten der Ernte offenbar unerwartet stark geschadet.