Er wird bald zu einem der mächtigsten Männer der Welt: der neue Chef der US-Notenbank, Jerome Powell. Am Donnerstag ernannte ihn der US-Präsident Donald Trump zum Nachfolger von Janet Yellen. Vom ehemaligen Investmentbanker und langjährigen Intimus der Familie des ehemaligen US-Präsidenten George Bush wird erwartet, dass er nicht nur die Geldpolitik der grössten Volkswirtschaft der Welt bestimmt. Sondern auch Impulse bringt, wie die US-Wirtschaft weiter angekurbelt wird.

Keine einfache Aufgabe, besonders angesichts einer Regierung Trump nicht, die seit dem Amtsantritt Trumps Anfang Jahr kaum ein Reformprojekt zustande bringt und an einer neuen Steuergesetzgebung werkelt. Keine einfache Aufgabe auch, weil sich die Zentralbank in engen Grenzen bewegen kann, ohne das Wachstum zu gefährden. Der renommierte US-Ökonom Tyler Cowen sieht die US-Zentralbank – gerade weil Trump Powell statt Yellen gewählt hat – im Griff der Politik.

Späte Folgen der Finanzkrise

Wie konnte es dazu kommen? Und was hat das für Folgen für die Aktienmärkte der Welt? Dazu zuerst ein Rückblick: Es ist fast genau zehn Jahre her, seit die Finanzkrise die globale Wirtschaft in einen Schockzustand versetzte. Nationalbanken haben in der Folge zur Rettung der Wirtschaft zu aussergewöhnlichen Massnahmen gegriffen. Sie haben viel billiges Geld in das System hineingepumpt.

Die lockere Geldpolitik führte dazu, dass die Zinsen der Staatsanleihen sanken. Die grossen Anleger, Pensionskassen und Versicherungen, die zuvor in diese – mündelsicheren – Papiere investierten, sahen wenig Alternativen, als das Geld stärker in Aktien anzulegen. Auch Schweizer Pensionskassen etwa steigerten – auch noch im vergangenen Jahr – ihren Einsatz.

Die Aktienmärkte boomten deshalb wie kaum je zuvor. Der wichtigste US-Börsenindex, der Dow Jones, überschritt diesen Juli erstmals in der 130-jährigen Geschichte die Marke von 20 000 Punkten. Etwas, das vor wenigen Jahren nur wenige zu träumen vermochten.

Aber auch der Index der Schweizer Börsenschwergewichte SMI kletterte seit seinem Tief im Frühjahr 2009 um über 80 Prozent. Die Aktie des Technologieunternehmens ABB war im August 2008 letztmals so hoch wie diese Woche.

Kein Wunder, spricht die US-Investmentbank Morgan Stanley davon, dass die Aktienmärkte «epische Proportionen» angenommen hätten, und warnt vor den Risiken, die damit verbunden sind.

Bordeaux-Weine gehortet

Doch es sind nicht nur die Aktienwerte, die Rekorde vermelden, sondern auch die Preise für Immobilien, seltene Metalle oder sogar für die Kunst, Occasions-Autos oder Bordeaux-Weine. Inzwischen bauen Hedge Funds im französischen Luxus-Weingebiet eine Lagerhalle nach der anderen, um ihre kostbaren Anlagen, sprich Grand Crus, zu lagern.

Kurz: Es werden für diese exotischen Wertanlagen aller Art Preise bezahlt, die oft kaum noch zu rechtfertigen sind. Und hochriskante Staatsobligationen von Drittweltstaaten oder auch von Firmen mit schlechter Bonität erreichen Renditen, die mit dem Risiko nicht mehr im Einklang stehen. Das alles sind Nebenwirkungen der weltweit koordinierten Aktionen der Nationalbanken.

Grosse Finanzakteure schauen heute deshalb eher in Richtung Weisses Haus oder kümmern sich um die Führungsspitze in China oder blicken nach Brüssel oder Athen, um ihre Prognosen für die Zukunft abzugeben. Sie wissen, von politischen Entscheiden hängt die weitere Entwicklung der Börsenwerte ab.

Justin Wells, Anlagechef beim englischen Fondshaus Old Mutual Global Investors, vergleicht die Situation mit derjenigen von Anlegern in Aktien von Schwellenländern: «Wir waren uns lange Jahre äusserst stabile politische Situationen gewohnt in unserer westlichen Hemisphäre. Doch die politischen Unsicherheiten nehmen auch bei uns zu. Die Gefahr von plötzlichen Einbrüchen wird von vielen Anlegern unterschätzt.» Man sei an einer Weggabelung angekommen. Nur wisse keiner so richtig, wohin die Reise gehen soll.

Wohlgemerkt: Die Aktionen der Nationalbanken waren erfolgreich. Die Wirtschaft in den USA konnte wieder Tritt fassen, die Arbeitslosenzahlen sind auf einem historischen Tiefstand, auch wenn die gestern veröffentlichten Arbeitsmarktdaten unter den Erwartungen blieben. Auch die Kennzahlen für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa lassen sich sehen.

Ein sanfter Ausstieg der Tiefzinspolitik, in den USA ist er schon Tatsache, wurde auch hier angetönt: Von Januar 2018 an wollen die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) monatlich Staatsanleihen und andere Wertpapiere für nur noch 30 Milliarden Euro kaufen, wie die Notenbank am Donnerstag vor einer Woche mitteilte. Das Programm soll bis mindestens Ende September 2018 laufen und damit neun Monate länger als bislang geplant. Bis Ende Dezember 2017 steckt die Notenbank monatlich noch 60 Milliarden Euro in Anleihekäufe.

Doch mit ihrem Aktionismus, der von konservativen Bankern kritisiert wird, haben die Nationalbanken eine Rolle eingenommen, die bis vor kurzem der Politik oblag. Statt dass Regierungen beispielsweise Steuern senken oder die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen lockerten, wurden einfach die Zinsen gesenkt.

Das starke Eingreifen der Zentralbanken ist vielen führenden Ökonomen nicht geheuer. Es soll dazu geführt haben, dass das Spiel von Angebot und Nachfrage bei vielen Wertpapieren aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und es hat nicht nur die Gefahr von Blasen erhöht. Sondern es sind auch politische Folgen, die noch weit gravierender sein können.

Mike Amey, der für Pimco, einen der grössten Anleger von Obligationen der Welt, von London aus die Lage analysiert, zeichnet im Gespräch mit dieser Zeitung ein weitaus düstereres Bild: «Auf den ersten Blick ist die wirtschaftliche Erholung da. Alles scheint gut. Doch unter der Oberfläche sind die Probleme gross: Das weltweite Vermögen ist immer ungleicher verteilt, das Produktivitätswachstum ist tief und die Schulden wurden nicht abgebaut, sondern von den Privaten auf die Staaten überwälzt.»

Die Daten, die Amey und sein Team zusammengetragen haben, zeigen deshalb nur wenig Lichtblicke für Anleger (siehe nachfolgende Grafik). Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) – kein linker Thinktank also – warnt vor der exzessiven Ungleichheit und fordert höhere Steuern für Vermögende. Für viele Volkswirtschaften sehen deshalb die Wachstumsprognosen in mittlerer Frist nicht rosig aus.

Nur wenig Inflation

Kein Wunder, stellen sich viele Anleger heute die Frage, wie lange das noch gut geht. Hier ist der Experte von Pimco pragmatisch: Die Nationalbanken könnten es sich nicht erlauben, die Zinsen zu stark zu erhöhen. Auch sei die Inflation zu niedrig, um eine rasche und starke Zinserhöhung zu rechtfertigen. «Natürlich kann es auch Überraschungen geben. Im positiven Sinn etwa, dass die Produktivität durch moderne Technologien zunimmt. Oder im negativen Sinn etwa, dass Regierungen unter dem Druck der Populisten im grossen Stil Schulden machen.» Doch mittelfristig sei wohl nicht damit zu rechnen.

Die Risiken nehmen also zu, die Börsenparty geht jedoch weiter. Das ist auch die einhellige Meinung der meisten Beobachter: «Die Emerging-Markets-Rally geht weiter,» schreibt etwa der Fondsanbieter GAM in einer Meldung. «Die zunehmenden positiven Konjunkturdaten sind günstig für riskantere Währungsstrategien», resümiert die Bank Bär die Situation in einem Brief an ihre Kunden.