Das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft sind die KMU. Die Kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) stellen zwei Drittel der Arbeitsplätze in unserem Land. Doch mit der Rentenreform 2020, die im September vom Stimmvolk abgesegnet werden soll, bekommen sie ein Problem.

Denn die meisten führen keine eigene Pensionskasse, sondern sind einer autonomen Sammelstiftung angeschlossen. Diese sind immer weniger bereit, alle Garantien zu übernehmen.

Eine Million Versicherte

Eine solche Vollversicherung ist die einfachste Lösung für ein KMU: Es werden sämtliche Risiken wie Alter, Tod, Invalidität und Anlagen von der Lebensversicherungsgesellschaft gedeckt. Der Vorteil für die KMU ist auch, dass die Stiftungen nie eine Unterdeckung aufweisen dürfen, die KMU also für allfällige Zuschüsse an die Kassen keine Rückstellungen bilden müssen. Diese Sicherheit wird mit einer tiefen Anlagerendite und tieferen Rentenumwandlungssätzen bezahlt. Rund 160 000 KMU mit mehr als 1 Million Versicherten haben eine solche Lösung gewählt.

Diese Stiftungen werden zum grossen Teil von Lebensversicherungen verwaltet. Zu den wichtigsten Anbietern zählen Swiss Life, Axa Winterthur, Helvetia und Bâloise. Doch das Geschäft, das lange Zeit für die Lebensversicherer attraktiv war, wird immer unrentabler. Wie Pensionskassen leiden sie auch darunter, dass Obligationen kaum noch Renditen abwerfen. Dazu kommen verschärfte Eigenkapitalvorschriften.

Die Rentenreform kommt da den Pensionskassen zwar entgegen, da die Umwandlungssätze sinken. Nicht aber den KMU-Vollversicherungen: «Die neuen Bestimmungen zu Überschüssen und Risikoprämien verschlechtern die Rahmenbedingungen für den Fortbestand dieser Lösungen», schreibt der Versicherungsverband, welcher die Lebensversicherer vertritt.

Die neuen Transparenzvorschriften stossen der Branche sauer auf: Die erzielten Überschüsse dürfen nicht an Dritte gehen, sondern müssen jenen zukommen, mit deren Geld sie erzielt wurden. Auch die Bekämpfung missbräuchlicher Risikoprämien durch das neue Gesetz wird kritisiert. Jahrelang nahmen Versicherer mehr Risikoprämien ein, als sie für Invaliditäts- und Todesfälle benötigen.

Der Bundesrat spricht von kumulierten über 8,8 Milliarden Franken, die in sieben Jahren eingenommen worden seien. Dem will man einen Riegel schieben.
KMUs fänden kaum noch Anschluss an eine Vollversicherung, heisst es deshalb in Branchenkreisen. Künftig könnte sich die Lage gar noch verschärfen.

Swiss Life hält gegenüber der «Nordwestschweiz» fest, dass sie ihr Angebot weiter bereithält, auch an Vollversicherungen. Gleichzeitig verweist sie auf die Entwicklung der Neuabschlüsse: 2016 wählten 26 Prozent der Neukunden eine teilautonome Lösung, bei der die Anlagerisiken zu einem grossen Teil ausgeschlossen sind.

Im Jahr zuvor, waren es nur 11 Prozent der Neuabschlüsse. «Das zeigt, dass wir bei unseren Kunden ein zunehmendes Interesse an teilautonomen Lösungen beobachten.» Allfällige Deckungslücken auf der Anlageseite müssen hier vom angeschlossenen KMU und den Versicherten getragen werden.

Auch die Axa Winterthur tritt weiterhin auf dem Markt der beruflichen Vorsorge als Komplettanbieterin auf. Dazu gehören Vollversicherungen und teilautonome Lösungen. «Bei den Vollversicherungen verfolgen wir in den letzten Jahren eine selektive Zeichnungspolitik, was wir auch entsprechend kommunizieren», gibt Axa Winterthur auf Anfrage bekannt. Bei der Vollversicherung verzeichnete man 2015 einen gewollten Rückgang von 32 Prozent. Ende Mai will Axa Winterthur über die Entwicklungen im 2016 informieren.

«Zürich» ausgestiegen

Jahrelang haben linke Kreise die mangelnde Transparenz beklagt bei den KMU-Versicherten. Von «Rentenklau» war die Rede. Die Zürich Versicherung ist aus dem Geschäft mit
den Vollversicherungen schon länger ausgestiegen. Die Aktionäre waren schon damals nicht bereit, die Risiken längerfristig zu übernehmen.

Nun werden wohl andere Unternehmen folgen. Für Schweizer KMU heisst das, dass sie künftig neue Wege suchen müssen und die Anlagerisiken zu einem bestimmten Grad wohl selber schultern müssen. Die Rentenreform führt zu einem tiefgreifenden Umbau des Marktes.