Lockdown in Deutschland
Kann ich in Deutschland noch einkaufen und meine Päckli abholen? Die Antworten für Einkaufstouristen

In der Schweiz finden keine Sonntagsverkäufe statt und im Nachbarland müssen viele Läden wieder schliessen. Das stellt Schweizer Weihnachtsshopper auf eine harte Probe.

Andreas Möckli, Sarah Kunz
Drucken
Teilen
Der Online-Handel kommt an den Anschlag. Mit dem Verbot der Sonntagsverkäufe in den meisten Kantonen spitze sich die Situation nochmals zu, sagt der Verband der Versandhändler.

Der Online-Handel kommt an den Anschlag. Mit dem Verbot der Sonntagsverkäufe in den meisten Kantonen spitze sich die Situation nochmals zu, sagt der Verband der Versandhändler.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Nicht nur hierzulande sind die Fallzahlen trotz einschneidender Massnahmen hoch. Auch im Nachbarland grassiert das Coronavirus weiterhin in hartnäckiger Manier. Der deutschen Politik reicht es nun. Ab Mittwoch gilt wieder ein harter Lockdown:

Ab dann sind nur noch Lebensmittelläden oder Apotheken geöffnet, Teile des Einzelhandels sowie Schulen werden wieder geschlossen. Restaurants und Bars sowie Museen und Theater waren ohnehin schon seit Anfang November geschlossen gewesen. Für Schweizer Einkaufstouristen und für Grenzgänger aus Deutschland ändert sich allerdings grundsätzlich nichts.

1. Kann ich auch während des Lockdowns in unserem Nachbarland einkaufen gehen?

Ja, Einkaufstourismus ist weiterhin möglich. Einerseits bleiben die Grenzen geöffnet, andererseits erlaubt das Bundesland Baden-Württemberg, das an die beiden Basel, den Aargau, Zürich, Schaffhausen und Thurgau grenzt, den «kleinen Grenzverkehr» weiterhin. Das bedeutet, dass bei einem Aufenthalt von weniger als 24 Stunden in den angrenzenden Schweizer Regionen keine Quarantänepflicht gilt.

Allerdings gilt zu beachten, dass ab Mittwoch viele Läden geschlossen bleiben – Kleider, Schuhe oder Spielsachen wird man sich ohnehin nicht mehr ennet der Grenze besorgen können. Zudem ruft die deutsche Regierung die Bürger dazu auf, «auf jeden nicht zwingenden Einkauf verzichten». Schweizer Einkaufstouristen dürften deshalb nicht besonders willkommen sein.

2. Ist der Einkaufstourismus momentan überhaupt gefragt?

Seit Beginn des Mini-Lockdowns beobachtet die Internationale Handelskammer Konstanz, dass Schweizerinnen und Schweizer eher im Inland einkaufen, wie Hauptgeschäftsführer Claudius Marx mitteilt. Dies, weil Geschäfte in der Schweiz weiterhin geöffnet blieben und im Nachbarland mittlerweile deutliche Einschränkungen herrschen würden. Für den deutschen Detailhandel, der stark auf das Weihnachtsgeschäft gesetzt hat, sei das Ausbleiben von Schweizer Kunden natürlich fatal. «Uns wurden von Umsatzrückgängen von bis zu 80 Prozent berichtet», sagt Marx. Mit dem harten Lockdown rechnet er immer weniger mit einem Ansturm.

3. Und was ist mit den deutschen Paketdiensten?

Viele Schweizer lassen sich ihre Bestellungen an eine Lieferadresse in Deutschland liefern. Das bleibt auch weiterhin möglich, Paketdienste bleiben über den Mittwoch hinaus geöffnet. Ein bekannter Paketdienst in Weil am Rhein nahe Basel schreibt auf seiner Website: «LAS-Burg zählt zu den systemrelevanten Geschäften und bleibt trotz den heute beschlossenen neuen Beschränkungen weiterhin,
auch über den 16. Dezember 2020 hinaus, geöffnet.» Daher könnten Pakete weiterhin uneingeschränkt abgeholt werden. Während des ersten Lockdowns im März und April war das für Schweizer Kunden nicht mehr möglich.

Am Tag der Wiedereröffnung der Grenzen Mitte Juni bildete sich eine lange Warteschlange vor dem Paketdienst Las-Burg in Weil am Rhein nahe Basel.

Am Tag der Wiedereröffnung der Grenzen Mitte Juni bildete sich eine lange Warteschlange vor dem Paketdienst Las-Burg in Weil am Rhein nahe Basel.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

4. Dürfen Grenzgänger weiterhin problemlos passieren?

Sogar als die Grenzen im Frühling geschlossen waren, hatte es Ausnahmeregeln für Grenzgänger gegeben. Daran ändert sich derzeit nichts. Schliesslich liegt es sowohl im Interesse der Schweizer Arbeitgeber als auch der Grenzgänger selbst, dass Deutsche zum Arbeiten in die Schweiz pendeln können. Über die Feiertage werden aber ohnehin viele Arbeitnehmer die Festtage zu Hause geniessen.

5. Wie sieht die Situation in der Schweiz aus?

Da nun die Sonntagsverkäufe in den meisten Kantonen nicht mehr erlaubt sind, wird sich die Einkaufssituation weiter verschärfen. Dies gilt sowohl für das Drängen in den Läden als auch für die Post, die in der Weihnachtszeit jeden Tag über eine Million Pakete verarbeitet und der Kapazitätsgrenze nahe ist. Vergangene Woche noch sagte Patrick Kessler, Geschäftsführer des Schweizerischen Handelsverbands, gegenüber dieser Zeitung: «Es wäre fatal, wenn die Sonntagsverkäufe gestrichen würden.» Wer seine Geschenke nämlich an einem dieser Sonntage eingekauft hätte, würde auf Onlineshops ausweichen, was die Bestellmenge weiter erhöhen würde. «Spätestens dann wäre bei der Post die oberste Grenze erreicht.»

6. Was sagt Patrick Kessler zu den Beschlüssen des Bundesrats?

Viele Konsumenten haben sich auf den Samstag gestürzt, wie man nun habe sehen können, sagt Kessler. In Kombination mit offenen Restaurants und Bars sei dies eine sehr ungute Entwicklung. «Ich gehe davon aus, dass diese Konstellation die Fallzahlen anheizen wird.» Kessler plädiert nun dafür, die Restaurant und Bars ganz zu schliessen und dafür den Detailhandel offen zu halten. Er verweist auf die Entwicklung der Fallzahlen in der Romandie, wo die Restaurant und Bars seit mehreren Wochen geschlossen sind. Nur in Genf seien auch die Läden ausserhalb des Lebensmittelbereichs geschlossen gewesen. Dennoch hätten sich die Coronazahlen nicht stärker reduziert als in den anderen Westschweizer Kantonen.

7. Was fordert der Handelsverband konkret vom Bundesrat?

Der Detailhandel sei dringend offen zu halten. Sonst drohe ein Kollaps der Online-Händler. So würden diesen Firmen die Ware ausgehen und die Logistik würde in die Knie gezwungen, sagt Kessler. Die Post sei mit 1,1 bis 1,2 Millionen Paketen pro Tag bereits jetzt an der Kapazitätsgrenze angelangt. Das Risiko von Lieferverzögerungen steige mit jedem zusätzlichen Päckli. Dies würde nicht nur die Konsumenten in Form verspäteter Weihnachtsgeschenke spüren, sondern auch Geschäftskunden die dringend auf pünktliche Lieferungen angewiesen seien. Wenn jetzt über einen nationalen Lockdown à la Deutschland nachgedacht werde, so fordert Kessler, den Detailhandel wenigstens bis und mit dem 24. Dezember offen zu lassen. Die Gastronomie dagegen soll geschlossen, aber zwingend auch ausreichend entschädigt werden. Er wolle den schwarzen Peter nicht einfach weiterschieben.

8. Warum durften die Läden in einigen Kantonen trotz den neuen Regeln am Sonntag öffnen?

Im Kanton Genf war das tatsächlich möglich. Der Bundesrat hat für Kantone mit «günstiger epidemiologischer Entwicklung» Ausnahmen festgelegt. Die Voraussetzungen: Der sogenannte Reproduktionswert muss während mindestens einer Woche unter 1 liegen. Zudem muss die 7-Tage-Inzidenz (pro 100'000 Einwohner) während mindestens einer Woche unter dem Schweizer Schnitt liegen. Zudem sind ausreichende Kapazitäten im Contact Tracing sowie in der Gesundheitsversorgung nötig. Die Sonntagsverkäufe seien in Genf früh im Jahr von den Behörden bewilligt worden, sagt ein Sprecher der Warenhauskette Manor auf Anfrage. «Die Umsatzzahlen in Genf waren am Samstag stark und auch am Sonntag haben wir gut gearbeitet.» Und dies, obwohl einige Einwohnerinnen und Einwohner verwirrt gewesen seien, ob und was für Einrichtungen effektiv offen gewesen seien.