Arbeitsplatz

Kampf gegen Bürokratie: Software-Lösungen sollen es richten

Bürokratie: Der Bund und ein Start-up setzen auf neue Software-Lösungen – und rufen Zweifler auf den Plan.

Bürokratie: Der Bund und ein Start-up setzen auf neue Software-Lösungen – und rufen Zweifler auf den Plan.

Sowohl der Bund als auch private Unternehmen versuchen, der überbordenden Bürokratie mit intelligenten digitalen Lösungen entgegenzutreten. Doch das stösst auf Kritik. Die Digitalisierung, so die Befürchtung, macht alles nur noch schlimmer.

Würde man der Bürokratie demokratisch zu Leibe rücken, sie würde mit rekordhohen Abstimmungswerten abgeschafft. Möglich ist das aber leider nicht einmal in der direktesten Demokratie der Welt. Was also tun gegen das Ungetüm, das vielen von uns im Nacken hockt?

Mani Matter versuchte den bürokratischen Irrsinn der Amtsstuben einst singend anzukreiden und berichtete von einer armen Seele, die «vom Amt ufbotte» und dann vom Verwaltungsapparat verschluckt wurde.

  

Der physische Gang zu den Verwaltern bleibt uns heute meistens erspart – nicht zuletzt dank des digitalen Engagements des Bundes. Im November 2017 lancierte Bundesrat Johann Schneider-Ammann das Portal easygov.swiss, das es Personen ermöglicht, mit wenigen Klicks eine Firma zu gründen, sich im Handelsregister einzutragen oder sich bei der Mehrwertsteuer, der Unfallversicherung oder der AHV anzumelden. Betrieben wird das Portal vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Patienten als Teil der Lösung

Der Ansporn, etwas an der bestehenden Situation zu verändern, war gross. Im «Doing Business»-Index der Weltbank – einer Art Gradmesser der Wirtschaftsfreundlichkeit – belegte die Schweiz 2017 den 73. Rang bei der Frage, mit wie vielen Hürden eine Firmengründung verbunden sei.

  

Markus Pfister vom Seco sagt, man habe positive Erfahrungen gemacht mit dem Portal. Bisher liessen sich 2597 Firmen registrieren. Bald soll es möglich sein, online Arbeitsbewilligungen für Ausländer oder Betreibungsregisterauszüge zu beantragen. «Bis Ende 2019 werden die gefragtesten Behördengänge zur Verfügung stehen», sagt Pfister.

Doch baut die Digitalisierung wirklich administrative Hürden ab, oder verlagert sie die bürokratische Mühsal einfach vom Papier ins Internet? Der Schriftsteller Franz Kafka sagte einst, jede Revolution verdampfe schliesslich und hinterlasse bloss den Schleim einer neuen Bürokratie.

Reto Kaul (30) aber glaubt nicht an Kafka. Der Arzt glaubt an Software-Lösungen. Er sitzt in einem Zürcher Café unweit jenes Co-Working-Raums, in dem er lange Zeit an einer Lösung für die wachsende Bürokratie in den Spitälern herumgetüftelt hat. 2011 gründete er mit zwei anderen jungen Ärzten und einem Informatiker das Startup Sublimd. Ihr Ziel: eine Software zu entwickeln, die den Ärzten einen Grossteil der Dokumentationsarbeit abnimmt.

Kaul hat zwei Jahre am Universitätsspital Zürich gearbeitet. «Nach dem Besuch beim Patienten hatte ich jeweils kaum Zeit, um zu recherchieren. Ich musste sofort mit dem Dokumentieren beginnen.» Das sei ohne Zweifel ein wichtiger Arbeitsschritt. «Die Software, die die Spitäler dafür verwenden, hat mich teilweise aber schockiert. Eines der Probleme ist, dass viele Ärzte nicht Technik-affin sind. Die Schnittstelle zwischen den beiden Berufsfeldern fehlt», erzählt Kaul.

Die Idee hinter seiner Software ist einfach. Einen Teil der Informationen erfassen die Patienten selber auf dem Tablet. Das Programm stellt ihnen verschiedene Fragen zur Art und Schwere ihres Gebrechens. Bislang ist das auf 16 Sprachen möglich. Der Arzt oder Pfleger erhält dadurch bereits vor der Konsultation eine erste Übersicht über das Problem des Patienten.

Die Datenerfassung ist das eine. «Darüber hinaus gibt das Programm Empfehlungen für weitere Untersuchungen ab und hat ein Warnsystem. Es fragt den Arzt: ‹Hey, hast du an diese mögliche Diagnose gedacht?›» In Testläufen hat das Programm eine durchschnittliche Zeiteinsparung von 14 Minuten pro Patient gebracht.

Und es hat bereits erfolgreich Fuss gefasst: Auf der Notfallstation des Kantonsspitals Graubünden läuft eine Pilotphase. Das Programm kommt zum Einsatz, wenn gerade kein Arzt zur Verfügung steht. Drei Arztpraxen setzen ebenfalls auf die digitale Lösung von sublimd.

Kafka oder Kaul

Die partielle Auslagerung der Bestandesaufnahme an die Patienten, wie sie Kauls Software vorsieht, erntet aber auch Kritik. Von Basil Caduff, Chefarzt am Spital Limmattal, zum Beispiel. Er sieht darin nicht primär eine Entlastung von bürokratischen Pflichten, sondern eine weitere Schmälerung der medizinischen Kernkompetenz von Ärzten und Pflegenden.

«Dieses Programm nimmt den Ärzten ja genau das weg, worin eigentlich ihre Kernaufgabe besteht: Im Anamnesegespräch herausfinden, woran jemand leidet und die richtigen Massnahmen einleiten. Was soll denn der Arzt mit dem Patienten machen, wenn das wegfällt», fragt Caduff.

Reto Kaul versteht die Kritik. Das Patientengespräch ersetze das Programm natürlich nicht. «Der Arzt als zweite Instanz bleibt wichtig. Die Sicherheit steigt durch die doppelte Befragung aber deutlich an. Schliesslich kann es auch einem Arzt mal passieren, dass er etwas vergisst.»

Er hofft, dass seine mehrfach preisgekrönte Software dereinst zu einer Standardanwendung in Schweizer Spitälern und Arztpraxen wird. Ob er recht behält mit seiner Prognose, dass durch die gut durchdachte Digitalisierung alles einfacher wird, oder ob Kafkas Schleimthese schliesslich doch obsiegt, das bleibt vorläufig ungeklärt. Kafka oder Kaul: Es wird sich weisen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1