Sauerei, Kahlschlag, Schock: Die Reaktionen auf den angekündigten Stellenabbau bei Novartis fallen heftig aus. Insgesamt werden in der Schweiz über 2000 Stellen abgebaut. Also deutlich mehr als kürzlich bei General Electric, wo rund 1400 Jobs einer Sparübung zum Opfer fielen. Bei den Gewerkschaften spricht man vom schlimmstmöglichen Szenario, das eingetreten ist.

Novartis präsentierte eine wilde Rechnerei in ihrer Medienmitteilung. 1700 Stellen würden netto abgebaut. Was dort nicht stand: Brutto bedeutet dies, dass noch mehr Stellen abgebaut werden. Denn die maximal 450 Stellen, die man in Stein AG im Moment aufbauen will, werden an anderer Stelle eingespart. Garantiert ist die Schaffung von 260 Stellen. Unter dem Strich sind es 2150 Jobs in der Schweiz, die der Sparübung zum Opfer fallen. Novartis will den Abbau in den nächsten vier Jahren umsetzen. In Basel sind 1000 Stellen betroffen, in Stein 700, in Schweizerhalle 350, in Locarno 30 und in Rotkreuz deren 10. In Schweizerhalle trifft es über die Hälfte der Belegschaft. Momentan arbeiten rund 560 Mitarbeiter in der Produktionsstätte.

Gewerkschaft fordert Abbaustopp

Rund ein Drittel der Mitarbeiter in der Produktion könnte umgeschult und in der geplanten neuen Produktionsstätte in Stein zum Einsatz kommen. Der Rest aber steht vor dem Nichts. Novartis verspricht, sich für die Mitarbeiter einzusetzen. So würden Betroffene vier Monate vor der eigentlichen Kündigung informiert, dass sie bald schon ohne Job dastehen. Rechnet man die Kündigungsfrist dazu, kommen 10 Monate zusammen, welche die Mitarbeiter Zeit haben, sich nach einem neuen Job umzusehen. Novartis spricht zudem davon, dass über 58-jährige Mitarbeiter in Frühpension können. Zudem sollen über 55-Jährigen als Übergangslösung 40 Prozent des Lohns weiterbezahlt werden.

Die Gewerkschaften zeigen sich von diesen Massnahmen wenig beeindruckt. Die Gewerkschaft Syna etwa fordert Novartis auf, den Stellenabbau nicht zu vollziehen. Dies unter anderem mit Hinweis auf die gut laufenden Geschäfte der Pharmafirma. 2017 erwirtschaftete Novartis einen Gewinn von 11,4 Milliarden Franken, was einem Plus von über 12 Prozent entspricht. Zudem zeigt sich Syna darüber enttäuscht, dass die Sozialpartner nicht im Voraus informiert worden seien. «Novartis muss nun ihre soziale Verantwortung endlich richtig wahrnehmen», schreibt die Gewerkschaft in einer Mitteilung.

Ähnlich klingt es auch bei der Unia. Novartis habe keinen wirtschaftlichen Grund, den Abbau vorzunehmen, schreibt die Gewerkschaft. Die Unia fordert eine Kommission, welche aus Vertretungen des Wirtschaftsdepartements des Bundes, der Kantone, des Personals und der Sozialpartner besteht. «Es müssen Lösungen gefunden werden, damit die Novartis ihren Entscheid zurückzieht und den Abbau von Arbeitsplätzen stoppt.»

Vonseiten Angestellte Schweiz heisst es, dass Novartis mit dem Schritt der Schweizer Wirtschaft einen immensen Schaden zufüge. Zudem fragt sich die Gewerkschaft, ob Novartis klar sei, welche Auswirkungen der Abbau auf die geplante Unternehmenssteuerreform habe. Und stellt die rhetorische Frage: «Warum soll das Schweizervolk Steuervergünstigungen zustimmen, wenn die Arbeitsplätze trotzdem verschwinden?»

Überkapazitäten in Stein

Der grösste Stellenabbau in der Schweizer Wirtschaft der letzten Jahre sei aus Konzernsicht notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Novartis setzt in Zukunft auf spezialisierte, personalisierte Medikamente. Dieses Vorgehen macht einen Teil der Produktionsstätten für hochvolumige Arznei obsolet. Denn diese sind je länger, je weniger Teil der Novartis-Strategie. Matthias Leuenberger, Schweiz-Chef von Novartis, nennt das Medikament Diovan als Beispiel. Nach dem Ende des Patentschutzes 2012 brach der Umsatz mit dem Medikament in sich zusammen. Die Arznei gegen Bluthochdruck wird in Schweizerhalle produziert und in Stein abgepackt, das führt nun zu Überkapazitäten, sagte Leuenberger an einer Telefonkonferenz. Auch andere Medikamente hätten sich nicht so entwickelt wie geplant, worauf man diese an anderen Standorten konsolidiert herstellt und nicht mehr in der Schweiz. So weit die Erklärung für den Abbau in der Produktion.

Beim Abbau von 700 Stellen im Management auf dem Campus in Basel ist die Situation eine andere. Diese Stellen werden in fünf sogenannte Service-Center verteilt. Die Center befinden sich in Dublin (Irland), Hyderabad (Indien), Kuala Lumpur (Malaysia), Mexico City (Mexiko) und Prag (Tschechische Republik). Der Standort Basel verliert an Bedeutung. Der Hintergrund für den Schritt: Effizienzsteigerung. Es ist aber noch unklar, wie viele der 700 Stellen tatsächlich umgelagert werden und wie viele auf dem Weg nach Indien oder Mexiko dann noch abgebaut werden.

Weltweiter Abbau

Nicht nur in der Schweiz plant Novartis einen Abbau. So werden in Grossbritannien 400 Stellen eingespart, in den USA 450 und in Japan gehen 130 Jobs verloren. Zu den 2150 Stellen in der Schweiz kommen also weltweit noch rund 1000 weitere Jobs hinzu, welche Novartis streicht. Die Standorte hierzulande trifft es aber am heftigsten.

Novartis betonte, dass man in der Schweiz auch künftig stark verankert sein werde. Rund zehn Prozent aller Jobs würden auch künftig in der Schweiz sein. Novartis beschäftigt in der Schweiz knapp 12 500 Mitarbeiter. Nach der geplanten Abspaltung von Alcon, dem Abbau und dem geplanten Stellenausbau in Stein werden es noch 10 500 sein.