Es ist ein Schlag für die Modebranche im Tessin, die sich unter dem Namen Fashion Valley einen Namen gemacht hat: Der Modekonzern Kering mit Luxusbrands wie Gucci und Bottega Veneta wird seine Logistikstandorte im Tessin weitgehend aufgeben.

Rund 400 von insgesamt 800 Arbeitsplätzen werden nach Italien verlagert. Das Unternehmen kommunizierte dies am Mittwoch offiziell, nachdem am Morgen ein Treffen der Direktion mit dem Personal und Gewerkschaftsvertretern in Cadempino bei Lugano stattgefunden hatte. Bereits im Oktober 2018 hatte die Gruppe mitgeteilt, in administrativen Bereichen 150 Arbeitsplätze nach Italien zu verlegen.

Verlagerung bis 2022 vollzogen

Grund für die neuerliche Massnahme ist der Wille des Konzerns, die Aktivitäten in der Logistik zu zentralisieren. Man investiere in den USA, in Asien und in Italien. Im Tessin sind die Lagerhäuser der Luxury Goods International (L.G.I.) über den ganzen Kanton in zirka 20 Depots verstreut. In Trecate nahe Novara (Italien) hat der Konzern hingegen einen neuen Standort gefunden, der achtmal so gross ist wie die Summe der Lagerfläche im Tessin. Dieser logistische Pol sei bereits auf das künftige Wachstum des Konzerns ausgerichtet, erklärte Kering am Mittwoch in einer Medienmitteilung. Im Tessin hatte das Unternehmen noch 2014 ein riesiges Lager in Sant’Antonino bei Bellinzona eröffnet. Doch dieses platzte bereits aus allen Nähten. Es dürfte im Rahmen der Umstrukturierung ganz geschlossen werden.

Umgesetzt werden soll die Verlagerung innerhalb von drei Jahren, zwischen 2020 und Ende 2022. Betroffen sind fast ausschliesslich Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus Italien, denen angeboten wird, nach Novara zu zügeln. Für das Tessin bedeutet diese Strategie Steuerausfälle im höheren zweistelligen Millionenbereich. Denn L.G.I. ist einer der besten Steuerzahler im Tessin. Die linke Bewegung für Sozialismus (MpS) kritisierte den Konzern in einer Medienmitteilung. Es bestätige sich, dass die Giganten der Modebranche nicht im Territorium verwurzelt seien, schnell auf neue Standorte ausweichen würden, nachdem sie die Landschaft mit ihren Lagerhäusern verunstaltet hätten. Die Präsidentin des Modebranchenverbandes TicinoModa, alt FDP-Staatsrätin Marina Masoni, bedauerte zwar eine Verlagerung und den Verlust von Arbeitsstellen, lobt aber die langjährige Tätigkeit der Firma im Tessin. Es gehöre zur unternehmerischen Freiheit, den Standort zu wechseln. «Der Modestandort Tessin besteht nicht nur aus Gucci», sagte zudem die ehemalige Magistratin. Sie forderte ausserdem tiefere Steuern für Unternehmen, um als Standort attraktiv zu bleiben.

Vergleich mit italienischer Steuerbehörde

Die Gruppe Kering hatte in den letzten Jahren just wegen ihrer «Steueroptimierungspraktiken» für Schlagzeilen gesorgt. Die Staatsanwaltschaft in Mailand ­ermittelte über längere Zeit gegen Gucci-Topmanager wegen Steuerhinterziehung, weil sie offenbar nur zum Schein im Tessin angestellt waren.

Erst vor wenigen Tagen, am 10. Mai 2019, war bekannt geworden, dass sich Kering mit den italienischen Steuerbehörden auf einen Vergleich geeinigt hat. Dieser kommt den Luxus- und Modekonzern auf gewaltige 1,25 Milliarden Euro (1,4 Milliarden Franken) zu stehen. Die Verlegung der Arbeitsplätze in der Logistikbranche nach Italien steht offenbar nicht in einem Zusammenhang mit dieser Steueraffäre.