Im Herbst 2015 wurde bekannt: Die französische Alstom wird an den US-Konzern General Electric verkauft. Es war der Anfang einer langen Kausalkette, an deren Ende für 24 Mitarbeiter drei Jahre später die Entlassung stand. Per E-Mail.

General Electric (GE) musste im Frühjahr 2016 eine Sparte und damit 400 Mitarbeiter an das italienische Energieunternehmen Ansaldo abgeben. Das hatten die europäischen Kartellbehörden so vorgeschrieben. Im Sommer 2018 informierte die Geschäftsleitung der Ansaldo: 24 Mitarbeiter werden entlassen. Wie sich später herausstellte, gab es keinen Sozialplan, keine Hilfe bei der Suche nach der Stelle.

Das Vorgehen von Ansaldo stand im Gegensatz zu General Electric. Der US-Konzern entliess in der Schweiz total über 2000 Mitarbeiter. Diese bekamen jedoch viel Unterstützung, wie auch die Gewerkschaften lobten. Darum wollen die Gewerkschaften nur gerichtlich gegen Ansaldo vorgehen. Im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» erklären drei der entlassenen Mitarbeiter in Baden AG ihre Situation.

«Unsensibel und unprofessionell»

Die Stimmung bei dem Treffen in Baden ist gedrückt, die Männer am Tisch sind noch immer fassungslos. Im Juni haben sie ihre Stelle verloren, von einem Tag auf den anderen. Sie alle waren bei Ansaldo Energia Switzerland angestellt. «Wir wussten, dass die Lage auf dem Markt schwierig ist», sagt einer von ihnen. «Aber wir wurden nicht darauf vorbereitet, dass es Entlassungen geben könnte.» Dann kam der 11. Juni.

«Es hiess, wer bis 15 Uhr keine Mail bekommen habe, der könne bleiben», erinnert er sich weiter. Und er wundert sich noch heute: «Wie kann ein Management so unsensibel und unprofessionell vorgehen?» Die drei von der Kündigung Betroffenen waren alles langjährige Mitarbeiter von Alstom, ehe Ansaldo sie übernahm. Besonders bitter sei für sie, dass sie ohne Sozialplan auf die Strasse gestellt werden. Im Gegensatz zu ihren ehemaligen Arbeitskollegen, die bei GE angestellt waren.

Am Tisch sitzt auch Christof Burkard, der stellvertretende Geschäftsführer des Verbandes Angestellte Schweiz. Sein Verband habe alles versucht, um sich mit der Geschäftsleitung auf bessere Bedingungen für die Betroffenen zu einigen.

«Rechtlich korrekt, aber unfair»

Burkard legt einen Briefwechsel vor, der zwischen seinem Verband und der Geschäftsleitung der Ansaldo Energia stattgefunden hat. Darin fordert Angestellte Schweiz verschiedene Massnahmen, um die Kündigungen sozial verträglicher zu gestalten. Die Ansaldo lehnt die Forderungen ab, lädt aber zu einem Gespräch im Oktober ein. Eine enttäuschende Nachricht für die Gewerkschaft und die Betroffenen. «Jetzt ist es genug», sagt Burkard deshalb entschlossen. «Wenn die Geschäftsleitung den Betroffenen nicht entgegenkommt, dann werden wir klagen.»

Nur: Rechtlich gesehen hat sich Ansaldo nichts zu Schulden kommen lassen. Eine Firma muss erst dann einen Sozialplan ausarbeiten, wenn mehr als 30 Mitarbeiter entlassen werden.

Dieses Argument lassen die Betroffenen aber nicht gelten. «Mag sein, dass das Vorgehen der Geschäftsleitung rechtlich korrekt ist. Moralisch ist es aber nicht», fast einer von ihnen zusammen. Dass kein Geld für einen Sozialplan vorhanden gewesen sei, glauben sie nicht. So sei ein Managementmitglied nicht entlassen worden, sondern habe in die Consenec AG wechseln können.

Wie kommen sie zu dieser Vermutung? Die Consenec AG ist 2013 aus der hauseigenen Beratungsfirma der ABB entstanden. Angestellte in hohen Managementpositionen über 60 können in die Consenec eintreten, und arbeiten als Berater für verschiedene Projekte. Die ABB wollte so den Wissenstransfer zwischen den Generationen fördern. Mittlerweile haben auch Angestellte der Bombardier Transportation, GE und Ansaldo die Möglichkeit, in die Consenec einzutreten. Damit sie das können, zahlt ihre Firma jeweils jährlich einen fixen Betrag.

Die Gewerkschaftsvertreter und die von der Kündigung Betroffenen sind überzeugt: Mit dem Geld, das für den Übertritt einer einzigen Person in die Consenec gezahlt wird, hätte sich ein Sozialplan für alle finanzieren lassen. «Eine Person kriegt ein Rundum-sorglos-Paket, die anderen einen Tritt in den Hintern», ärgert sich einer der Gekündigten.

Auf die Drohung der Gewerkschaften reagiert Geschäftsleitung der Ansaldo Energia Switzerland irritiert. «Wir sind befremdet, dass Angestellte Schweiz sich an die Presse wendet und einen Briefwechsel vorlegt, bevor sie einem Gespräch im Oktober zugestimmt haben», so Geschäftsführer Jürg Schmidli. Da die Situation noch nicht geklärt sei, wolle man vorerst keine Stellung zu den Vorwürfen nehmen.