In der Schweizer Tourismusbranche herrscht Katerstimmung. Im letzten Jahr ist die Nachfrage aus Europa wegen der Frankenstärke eingebrochen und auch für diesen Sommer sind die Aussichten alles andere als rosig. In diesem Umfeld sucht man verstärkt nach neuen Hoffnungsmärkten. China und Indien sind als solche bekannt. Mit Brasilien ist jetzt ein weiterer dazugekommen.

Starke Zunahme bei Logiernächten

«Brasilien ist ein Markt mit gewaltigen Wachstumschancen», ist Jürg Schmid, Direktor Schweiz Tourismus, überzeugt. Die Zahlen geben ihm recht: In den letzten drei Jahren hat sich die Anzahl Logiernächte von brasilianischen Touristen um 34 Prozent erhöht. Stärkere Zuwachsraten konnten im gleichen Zeitraum lediglich China (+ 119 Prozent), Südkorea (+ 57 Prozent) und Indien (+ 42 Prozent) verzeichnen.

Die neuesten Zahlen des Bundesamts für Statistik sprechen gar eine noch deutlichere Sprache: In den ersten beiden Monaten dieses Jahres logierten 28 Prozent mehr Brasilianer in der Schweiz als im gleichen Zeitraum im Vorjahr. Nur China (+50 Prozent) wuchs stärker.

Insgesamt wurden im Jahr 2011 194492 Logiernächte von brasilianischen Gästen registriert. Damit lagen die Brasilianer in der Länderrangliste zwar lediglich auf Rang 17, dies kann sich aber schnell ändern. Betrachtet man die Zahlen der ersten beiden Monate dieses Jahres, belegt Brasilien bereits Rang 13 – noch vor Japan. Von den nichteuropäischen Ländern lagen lediglich die USA, Russland und China vor den Brasilianern.

Euroland historisch günstig

Ein Grund für den Touristen-Boom aus Brasilien ist das Erstarken der brasilianischen Währung gegenüber dem Euro. «Die Währungssituation hat sicherlich einen Einfluss», bestätigt Schmid der az.

Anfang 2009 kostete ein Euro 3.20 brasilianische Real. Heute bekommt man einen Euro schon für 2.40 Real. Der Euro-Raum ist für die Brasilianer also so billig wie nie zuvor. Davon profitiert auch die Schweiz: «Wir sind preislich für einen Brasilianer nicht günstig, aber wird sind okay», sagt Schmid. Nicht zuletzt deshalb, weil die Einkommen in Brasilien rasch und stark ansteigen würden.

Erste Priorität in Europa ist die Schweiz für die Gäste aus der ehemaligen portugiesischen Kolonie aber nicht: «An erster Stelle steht ganz klar die Entdeckung der Wurzeln in Portugal und Spanien», weiss Schmid.

Dann folge Frankreich als weltweit beliebtestes Reiseland. Zwischen Frankreich und Italien sei die Schweiz aber attraktiv: «Frankreich ist Kultur. Schweiz ist Natur. Und Italien ist Lifestyle», fasst Schmid zusammen. Und er ergänzt: «Für einen Brasilianer ist die Schweiz unglaublich exotisch. Unsere Gletscherwelt, Bergwelt, Wasserwelt – das ist für jemanden aus Brasilien ein absolutes Wunder», sagt Schmid.

Eröffnung einer Niederlassung

Bei Schweiz Tourismus hat man das Potenzial in Brasilien erkannt. Im letzten Sommer wurde die Marktbearbeitung deshalb gewaltig verstärkt: «Wir haben begonnen, mehr Mittel zu investieren. Wir schauen jetzt, dass wir in die Reisekataloge von den brasilianischen Reiseveranstaltern kommen», sagt Schmid.

Bisher habe man lediglich eine Person in der Schweizer Botschaft in Brasilien gehabt, die den Markt reaktiv bearbeitet habe. Damit sei jetzt Schluss: «Wir werden eine Niederlassung in São Paulo mit drei bis fünf Leuten eröffnen. Wir haben ein anständiges Marketingbudget und werden anfangen, diesen Markt umfassend zu bearbeiten», verspricht Schmid.

Die Zunahme bei den Logiernächten in den letzten Monaten sei bereits auf dieses Engagement zurückzuführen. In Zukunft rechnet Schmid mit zweistelligen Wachstumsraten: «Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten drei bis fünf Jahren eine Verdoppelung aus Brasilien sehen werden.»

Vom Timing überzeugt

Dass man bereits zu spät ist mit den Anstrengungen in Brasilien, glaubt Schmid nicht: «Ich habe das Gefühl, dass das Momentum stimmt.» Er ergänzt aber: «Unser Budget ist überschaubar. Man kann nicht überall gleichzeitig sein.»