Wirtschaft

Jede dritte Schweizer Firma wird ausspioniert

Die Maschinenbau-Branche ist von Wirtschaftsspionage besonders betroffen. (Symbolbild)

Die Maschinenbau-Branche ist von Wirtschaftsspionage besonders betroffen. (Symbolbild)

Eine Studie im Auftrag des Nachrichtendienstes fördert beunruhigende Erkenntnisse zutage.

Es ist eine Tatsache, über die niemand gerne redet: Schweizer Unternehmen werden aus dem Ausland ausspioniert, ihre Geheimnisse verraten, ihre Daten verkauft. Die Schäden können riesig sein. Fälle bleiben unter Verschluss und tauchen kaum je in den Medien auf.

Jetzt zeigt eine Studie der Universität Bern erstmals das wahre Ausmass: Bis zu einem Drittel der Schweizer Unternehmen wurden schon mindestens einmal Opfer von Wirtschaftsspionage. Bei einer repräsentativen Umfrage gaben 15 Prozent der Unternehmen aus gefährdeten Branchen an, davon betroffen gewesen zu sein, in Einzelgesprächen waren es 13 von 43. Die Studie wurde vom Schweizer Geheimdienst, dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB), in Auftrag gegeben.

Grösste Gefahr geht von den eigenen Mitarbeitern aus

Bei der Wirtschaftsspionage geht es explizit um das Stehlen von geheimen geschäftlichen oder wissenschaftlichen Informationen durch einen ausländischen Akteur. Manchmal brechen die Spione wie in einem Bond-Film nachts ins Firmengebäude ein, manchmal nehmen sie ganz normal an Führungen durch den Betrieb teil, manchmal senden sie schlicht eine E-Mail mit bösartigem Anhang und saugen die Geheimnisse der Firma ab. Alles ist laut der Studie in der Schweiz passiert.

Eine Erkenntnis der Untersuchung: Firmen können niemandem vertrauen. Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Berater: Sie alle haben bereits bei Schweizer Firmen spioniert. Die grösste Gefahr geht von den eigenen Mitarbeitern aus. In 40 Prozent der Spionagefälle war ein ehemaliger oder gegenwärtiger Angestellter des Unternehmens involviert. Wer in den Fällen wirklich die Drahtzieher sind – ob die Konkurrenz oder ausländische Geheimdienste –, ist oft nicht ermittelbar.

Wirtschaftsspionage kann gravierende Folgen haben. In zehn Prozent der Fälle war laut der Umfrage die Existenz des Unternehmens gefährdet. Besonders betroffen sind Firmen in der Telekommunikation, Biowissenschaften, Maschinenbau, Industrie und im Pharmabereich.

KMUs werden ebenso oft ausspioniert wie Grossunternehmen. Die Unternehmensgrösse spiele kaum eine Rolle, schreiben die Forscher. «Kleineren Unternehmen fehlen zudem oft das Bewusstsein und die Ressourcen für die nötigen Sicherheitsmassnahmen», sagt Ueli Hostettler, Studienleiter und Forscher am Institut für Strafrecht und Kriminologie der Universität Bern.

Das zeigt sich in unsicheren Praktiken. Gegenüber den Berner Wissenschaftlern gab die Mehrheit der Firmen zu Protokoll, dass ihre Mitarbeiter zwischen verschiedenen Standorten unverschlüsselt per E-Mail kommunizieren. «Nur ein kleiner Teil der Firmen verfügt über klare Richtlinien bezüglich der Daten und Informationen, welche per E-Mail ausgetauscht werden dürfen», schreiben die Forscher. Unverschlüsselte E-Mails mitzulesen, ist laut IT-Experten ein leichtes.

Schweiz ist vergleichsweise schlecht vorbereitet

Auch wenn Spionageangriffe irgendwann entdeckt werden, herrscht bei den Firmen das grosse Schweigen. Nur ein geringer Prozentsatz der Fälle wird gemeldet. Die Hälfte der befragten Unternehmen entschied intern explizit, dass der Vorfall nicht angezeigt werden soll. Die Dunkelziffer sei deshalb hoch, weil die Firmen einen Reputationsverlust oder die Offenlegung ihrer Geschäftsgeheimnisse befürchten, sagt Hostettler: «Hier könnten anonyme Meldesysteme, die sich in Spitälern oder im Flugverkehr bewährt haben, zur Verringerung der Dunkelziffer beitragen.»

In der Studie wird zudem Kritik an den Behörden formuliert: Gemäss den befragten Experten verfüge die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern «über eine eher geringe institutionelle und personelle Ausstattung» im Bezug auf Wirtschaftsspionage. Eine Sprecherin des Nachrichtendienstes sagt auf Anfrage, dies zeige, «wie wichtig die Sensibilisierung und das Bekanntmachen von bereits bestehenden Unterstützungsangeboten ist». Seit längerer Zeit betreibt der Nachrichtendienst das Programm «Prophylax», mit dem er Firmen auf verdächtiges Verhalten von Spionen sensibilisieren will. Die Studie im Auftrag des Nachrichtendienstes kommt aber zum Schluss: Der grossen Mehrheit der Firmen sind die staatlichen Stellen nicht bekannt.

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Autor

Leo Eiholzer

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