Sie gelten als das Power-Duo der Biotech-Branche. Vollblutwissenschafter sind sie, das Ehepaar Martine (60) und Jean-Paul Clozel (61). Zusammen haben sie Actelion zur grössten Biotech-Firma Europas gemacht. Doch nun geht dem ebenso emsigen wie erfolgreichen Gespann langsam der Atem aus. Aber: Mit dem Verkauf ihrer Firma an Johnson & Johnson lösen sie rund 30 Milliarden Franken ein – und dürften damit in die Liga der reichsten Schweizer aufsteigen.

Das Duo hat einen langen Lauf hinter sich. In den vergangenen zwanzig Jahren gelang es ihnen, sich in dem auf ein paar hundert Millionen Franken geschätzten Markt für Bluthochdruck in der Lungenarterie (PAH) praktisch das Monopol zu sichern. 2015 setzten sie 2 Milliarden Franken um.

Der US-Konzern hat es auf das Lebenswerk der Clozels abgesehen: Er will das Baselbieter Pharmaunternehmen für 30 Milliarden Dollar kaufen. Das teilte Actelion am Donnerstag mit. Johnson & Johnson lanciert ein öffentliches Kaufangebot für 280 Dollar pro Actelion-Aktie.

Nun ist die Zeit für den CEO und die Forschungschefin gekommen, um loszulassen.

San Francisco gegen Allschwil

Loslassen ist schwierig für die beiden Vollblutwissenschafter, denen es seit je her um die Sache und nicht ums Geld ging. Die zwei verstehen sich als europäisches Gegenstück zur amerikanischen Genentech. Das Unternehmen, das als Biotech-Pionier in den 1970er-Jahren weltweit den Grundstein für die Industrie legte.

Genentech gehört seit 2009 vollständig zu Roche. Die Krebsmittel Rituxan, Herceptin oder Avastin, mit denen Roche seit Jahren Milliarden verdient, stammen alle aus den Genentech-Labors in der Bucht von San Francisco. Die Pipeline der Amis ist voll, um Roche auch künftige Blockbuster-Medikamente zu bescheren. Kein Wunder, geniesst der Innovationsmotor an der Pazifikküste ein hohes Mass an Freiheit.

In Allschwil ist die Lage anders. «Der Vergleich zwischen Actelion und Genentech hinkt», sagen mehrere Branchenkenner. «Actelion hat aktuell praktisch nichts in der Pipeline, was einem Käufer in absehbarer Zeit zum nächsten Kassenschlager verhelfen könnte», urteilen Kenner. Wer wie Johnson & Johnson 30 Milliarden Franken zahle, der wolle etablierte Medikamente oder Wirkstoffe, die unmittelbar vor der Zulassung stehen. Pharmariesen wollen deshalb vor allem eines von den Clozels: Ihr PAH-Geschäft, mit dem sie 95 Prozent ihres Jahresumsatzes erzielen.

Schmerzendes Forscherherz

Das schmerzt im Forscherherz der Clozels. Sie, die sie einst zusammen im Forschungslabor von Roche standen. Als alles anfing. Nachdem Martine Clozel und ihre Forschungsgruppe Bosentan entdeckt hatten, eine Substanz gegen Bluthochdruck in der Lungenarterie. Mit dem Wirkstoff, der später zum Medikament Tracleer und damit zum Hauptumsatztreiber von Actelion wurde, verliessen die Forscher Roche in einem Spin-off und gründeten ihre eigene Firma.

Umso schmerzhafter ist es für das Gründerpaar Clozel, sich einzugestehen, dass sie trotz des brillanten Forschungs- und Geschäftserfolgs im PAH-Bereich kein breiter abgestütztes Forschungs-Powerhaus wie bei Genentech auf den Weg brachten und bei einer Übernahme gerade die Forschung auf der Kippe stünde.

Hadern mit der Realität

Die Clozels hadern mit der Realität. Zu gerne hätten sie nochmals zwanzig Jahre weitergemacht. Doch dazu fehlt den beiden Forschern, die bald das Pensionsalter erreichen, die Zeit und mit dem aktuellen Kaufangebot von Johnson & Johnson zusehends der Zuspruch ihrer Aktionäre. Letztere besitzen 95 Prozent der Firma. «Sie müssen einsehen, dass Actelion keine zweite Genentech ist und sie ihren Zenit erreicht hat», urteilen Firmenkenner.

Bei einer Übernahme bleibe Actelion nicht unangetastet. Die Clozels hätten die Zukunft ihres PAH-Geschäfts gesichert, damit ist der richtige Zeitpunkt für einen Verkauf gekommen.

Dieser Text erschien in Teilen im Dezember 2016 in der Schweiz am Sonntag.