Fast im rechten Winkel nach vorne gebeugt stand Tetsuro Aikawa da, die Kameras auf ihn gerichtet. Die Stellung hielt er Sekunden lang, damit auch der letzte Fotograf ein schönes Bild abbekommen konnte. Der Präsident des Autoherstellers Mitsubishi Motors hatte sich verantwortlich dafür erklärt, dass sein Unternehmen bei Tests der Abgaseffizienz geschummelt hatte. Weit mehr als 600 000 Autos sind betroffen, die Lügen von Mitsubishi richten einen hohen moralischen und finanziellen Schaden an.

Nach drei Tagen des Skandals wurde schon von 3,2 Milliarden US-Dollar Kosten gesprochen oder 40 Prozent des Unternehmensmarktwerts. So sagte Aikawa, der gleich eine Untersuchungskommission einsetzte: «Über diese Angelegenheit drücken wir unser tiefes Bedauern gegenüber allen unseren Kunden und Partnern aus.» Könnte man sich unterwürfiger verhalten? Verglichen mit dem selbstherrlichen VW-Chef Ferdinand Piëch, der beim norddeutschen Abgasskandal lieber alle anderen beschuldigte, scheint Aikawa wie ein Büsser.

Kein Ausweg? Dann Bückling

Viele skandalumwitterte Unternehmen in Japan rühmen sich mit hehren Idealen. So auch Mitsubishi: Der Konzern brüstet sich mit den Grundwerten «Verantwortung gegenüber der Gesellschaft», «Anstand und Gerechtigkeit» sowie «Völkerverständigung durch Handel». Mit den gefälschten Abgaswerten wurde mit jeder dieser Richtlinien unmissverständlich gebrochen.

Egal, ob bei Mitsubishi oder bei anderen Unternehmen: Wenn in Japan ein offensichtlicher Widerspruch zwischen Versprechen und Wahrheit prangt, enthält das Muster oft wiederkehrende Elemente. Zuerst weit verheimlicht, dann geleugnet, dann verharmlost. Sind die Fakten zu erdrückend, wird sich plötzlich schnell sehr intensiv entschuldigt. Meistens folgen Rücktritte und so dürfte Aikawas Abgang nur noch eine Frage der Zeit sein.

In der japanischen Gesellschaft, in der ein harmonisches Zusammenleben hohe Priorität hat, sind kontrovers gewordene Figuren häufig nicht mehr zu tolerieren. Auch wegen steiler Hierarchien wird der Kopf eines skandalumwitterten Betriebs schnell zum Feindbild. Und um den Betrieb aus der Schusslinie zu nehmen, opfert sich der Chef dann in samuraiartigem Pflichtgefühl oft selbst.

Mitsuru Fukuda, Professor für Krisenmanagement an der Nihon Universität in Tokio, sagt zu solchen Krisensituationen: «In westlichen Ländern sind Fakten wichtig. Aber in Japan fokussieren sich die Medien auf Entschuldigungen der Anführer.» Danach geht es meist wieder zum Tagesgeschäft über.

Sorry! – Es ändert sich nichts

Das Beispiel Mitsubishi: Vor rund zehn Jahren verheimlichte der Konzern Sicherheitsrisiken an seinen Autos. Das Vertrauen von Kunden und Investoren wurde erschüttert, man gelobte Besserung. Warum das funktioniert ohne Pleite? Ein Grund dafür ist, dass das Unternehmen, wie viele japanische Konzerne, Teil eines grossen Geflechts bildet, in dem man sich gegenseitig hilft. Zu den grössten Aktionären von Mitsubishi Motors gehören Japans grösste Bank, Mitsubishi UFJ, sowie der Handelsriese Mitsubishi Corporation und der Schwerindustriegigant Mitsubishi Heavy Industries.

Zweimal haben die Familienmitglieder dem Autobauer schon in den letzten Jahren aus der Klemme geholfen. Wer auf solche Hilfe zählen kann, hat vielleicht auch einen geringeren Anreiz, seinen Ankündigungen Taten folgen zu lassen. Der Preis dafür wäre, dass ein paar bekannte Köpfe rollen. Die dann durchaus auch wieder durch die Hintertür reinkommen können, wenn das mediale Interesse nachgelassen und der Aktienpreis wieder angezogen hat.