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IWF-Chefin kämpft für die Mittelklasse

IWF-Chefin Christine Lagarde spricht dieses Jahr erneut über wirtschaftliche Ungleichheit am WEF.

IWF-Chefin Christine Lagarde spricht dieses Jahr erneut über wirtschaftliche Ungleichheit am WEF.

Dank IWF-Chefin Christine Lagarde landete das Thema Ungleichheit überhaupt erst am WEF.

Möglich, dass Klaus Schwab schon im Januar 1971 vom Davoser Weltwirtschaftsforum träumte. Als er im damals noch verschlafenen Bündner Kurort das erste «European Management Symposium» durchführte. Höchst unwahrscheinlich ist indessen, dass sich der WEF-Gründer schon damals vorstellte, seine Netzwerk-Plattform für Manager und Unternehmer könnte dereinst zur Weltbühne werden, auf der Fragen zur Verteilung von Vermögen und Einkommen einen festen und prominenten Platz einnehmen würden.

Es ist kein Zufall, dass die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, das Verteilungsthema in Davos zum Thema machte, als sie 2013 das Plenum warnte: «Eine exzessive Ungleichheit ist korrosiv für das Wachstum, und sie ist korrosiv für die Gesellschaft». Genau dieses Problem hatten auch die 44 Gründerstaaten des IWF vor Augen, als sie sich 1944 zusammenrauften, um in einem amerikanischen Kaff namens Bretton Woods die Schaffung eines weltumspannenden Systems fester Wechselkurse zu vereinbaren. Es war die Lehre aus der Depression der 1930er-Jahre, wie sie durch den internationalen Wirtschaftskrieg und den destruktiven Abwertungswettlauf unter den Ländern verstärkt worden war.

Historie der Ungleichheit

Diese Stabilitätsrisiken sind mit der internationalen Finanzkrise bedrohlich klar wieder zum Vorschein gekommen. Sie liessen die Vorteile einer global koordinierten Währungspolitik in einer Deutlichkeit zutage treten, wie das kaum jemand mehr für möglich gehalten hätte. Doch Bretton Woods ist seit 1971 Geschichte. Das System brach zusammen, nachdem Amerika als Stabilitätsgarantin den Vietnamkrieg mit der Notenpresse finanziert hatte. Das Ende von Bretton Woods markierte den Beginn einer langen Wachstumsphase der Finanzbranche, in der die Aktien- und Obligationenkurse sowie die Immobilienpreise, verglichen mit den vorausgegangenen Dekaden, ein Mehrfaches der Wertsteigerung aufwiesen.

Auf diese vergangenen 50 Jahre geht auch ein grosser Teil der aktuellen Ungleichheits-Diskussion zurück. Der Ökonom Thomas Piketty hatte in seinem viel beachteten Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» vor vier Jahren auf die starke Zunahme der weltweiten Einkommensungleichheit seit den 1970er-Jahren hingewiesen und diese im Wesentlichen damit begründet, dass die Einkommen aus Vermögensaktiva wie Aktien, Obligationen oder Immobilien seit Jahrzehnten stärker wachsen als die Wirtschaft.

Die damit verbundene Kapitalismuskritik stiess bei vielen Ökonomen selbstredend auf Widerstand. Piketty ignoriere, dass die Einkommensverteilung in den Industrieländern des 19. Jahrhunderts viel schlechter gewesen war, als sie es in den vergangenen 50 Jahren war. Kritik gab es auch an Pikettys Prognose, der Trend werde sich ohne Reichensteuer so lange fortsetzen, bis sich der Kapitalismus selber abgeschafft habe. Den Kritikern zum Trotz legte der Franzose im Dezember eine neue Arbeit vor, die seine Forschungsergebnisse bestätigte: Die wirtschaftliche Ungleichheit ist in allen Weltregionen hoch, aber nirgends so ausgeprägt wie im Nahen Osten, wo die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung 61 Prozent der Einkommen einstreichen. Die Statistik relativiert den Wohlstand der erdölreichen Golfstaaten, der wenig überraschend sehr einseitig verteilt ist. Im Vergleich sieht Europa mit einer Quote von 37 Prozent geradezu musterhaft aus. Die Untersuchung zeigt, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung seine Einkünfte seit den 1980er-Jahren mehr als verdoppelt hat, während der Mittelstand kaum profitierte.

Chinas Aufsteiger fallen ins Gewicht

Statistisch beschreibt der frühere Weltbankökonom Branko Milanovic das Problem des Mittelstandes in den Industrieländern 2016 im Buch «Global Inequality». Eine als Elefantenkurve berühmt gewordene Grafik zeigt, wie die Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung als Folge der Globalisierung seit den 1980er-Jahren stark zulegen konnte. Dabei fällt vor allem der Aufstieg der chinesischen Mittelschicht ins Gewicht. Auch die 15 Prozent der Reichsten der Welt haben ihre Einkommen in der gleichen Zeit kräftig erhöht. Einzig im traditionellen Mittelstand, gerade in den westlichen Industrieländern, blieb das Einkommenswachstum deutlich unter dem Weltdurchschnitt. Für einen Teil dieser Gruppe, die rund ein Drittel der Weltbevölkerung repräsentiert, fiel sie sogar negativ aus.

«Ich weiss nicht, weshalb die Leute nicht zugehört haben», sagte Lagarde im vergangenen Jahr in Davos und verwies auf ihre erste Warnung. «Ich hoffe, sie tun es jetzt», fügte sie an. Im Wissen, dass Ungleichheit inzwischen zum Hauptthema des WEF geworden war. Die IWF-Chefin stellte am letzten Davoser Gipfel einen direkten Zusammenhang zwischen der wachsenden Ungleichheit und der Rückkehr protektionistisch-nationalistischer Politiken dar, wie sie Donald Trump mit seinem «America First» vorlebt. Heuer steht das WEF unter dem Motto «Gemeinsame Zukunft in einer brüchigen Welt», und Lagarde wird am Mittwoch auf einer Podiumsdiskussion erneut zu hören sein, wenn sie über Möglichkeiten zur Lösung der wachsenden Ungleichheit zwischen den Generationen in Europa spricht.

Diese ist in Europa auf den ersten Blick nicht so leicht zu erkennen. Immerhin hat sich das Durchschnittsvermögen einer erwachsenen Person auf dem alten Kontinent seit dem Jahr 2000 von 70'000 auf 140'000 Dollar verdoppelt, wie dem Global Wealth Report der Credit Suisse zu entnehmen ist. Dasselbe gelang auch einer statistischen Durchschnittsperson, allerdings nur auf ein Niveau von 20'000 Dollar. Daher ist zu erwarten, dass viele Millennials im Unterschied zu den Babyboomern keine substanzielle Erbschaft mehr werden antreten können.

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