Noch ist es ein heisses Börsengerücht: Laut dem US-Nachrichtendienst Bloomberg steht der Schweizer Pflanzenschutz- und Saatguthersteller Syngenta kurz vor der Übernahme durch den chinesischen Staatskonzern China National Chemical, kurz ChemChina.

Die Nummer fünf unter den chinesischen Chemieunternehmen habe den Erwerb von zunächst 70 Prozent angeboten. Hinzu komme die Option, später die übrigen 30 Prozent zu kaufen. Der Verwaltungsrat des Basler Unternehmens wolle noch vor Jahreswechsel über die Übernahme entscheiden. Allerdings gebe es noch keine schriftliche Vereinbarung und damit auch noch keine Garantie für den Vollzug. An der Börse reagierten Händler vor den Feiertagen positiv auf die Gerüchte. Die Aktie von Syngenta legte am letzten Handelstag um 2,5 Prozent zu.

Branche unter Fusionsdruck

Syngenta gilt bereits seit einiger Zeit als Übernahmekandidat. Schon mehrfach kamen Gerüchte auf, dass das Basler Unternehmen von einem der anderen grossen Agrarchemie-Konzerne geschluckt werden könnte. Neben dem US-Konzern Monsanto hatte auch schon DuPont Kaufinteresse gezeigt. Die Branche steht insgesamt unter Fusionsdruck.

Erst vor kurzem haben die beiden US-Riesen Dow Chemical und DuPont vereinbart, ihre Geschäfte zusammenzulegen. Zusammen sind sie nun mit Abstand der weltweit grösste Agrar-Konzern. Ihr gemeinsamer Marktwert liegt bei über 100 Milliarden US-Dollar. Angesichts dieser Konzentration war die Konzernspitze von Syngenta in den vergangenen Monaten dringend auf der Suche nach möglichen Übernahmekandidaten.

Sollte Syngenta tatsächlich von ChemChina übernommen werden, würde das Unternehmen nicht nur weltweit zur Spitze unter den Agrochemie-Konzernen aufschliessen, sondern vor allem Monsanto Konkurrenz machen. Das US-Unternehmen ist derzeit der grösste Hersteller von gentechnisch modifiziertem Saatgut. Mithilfe der Syngenta-Produkte würde ChemChina auf einen Schlag mit Monsanto auf Augenhöhe stehen.

ChemChina ist schon jetzt eines der grössten Chemieunternehmen in der Volksrepublik. Der erst 2004 gegründete Staatskonzern hatte sich in seinen Anfangsjahren neben der Agrochemie vor allem auf die Petrochemie und den Bau und die Weiterentwicklung von Raffinerien konzentriert. Inzwischen ist ChemChina einer der weltgrössten Hersteller von Silikonen.

Nicht zuletzt auf Betreiben der chinesischen Staatsführung ging ChemChina seit einigen Jahren verstärkt auf Einkaufstour im Ausland. 2011 hat das Unternehmen unter anderem die Aktienmehrheit am israelischen Pflanzschutzmittelkonzern Adama übernommen. Das französische Unternehmen Adisseo, spezialisiert auf Futtermittelzusätze, schluckte ChemChina bereits 2006, ebenso das australische Chemieunternehmen Quenos. Beteiligt ist der Staatskonzern seit diesem Jahr auch am italienischen Reifenhersteller Pirelli.

China wächst weiter

Warum ist es für Syngenta interessant, ausgerechnet von einem chinesischen Staatskonzern übernommen zu werden? Anders als in Europa und Nordamerika wächst Chinas Chemiesektor weiter rasant. Das bevölkerungsreichste Land der Welt hat es 2015 geschafft, zum weltweit grössten Produktionsstandort für Chemikalien aufzusteigen. Der Markt ist nach Ansicht von Branchenanalysten aber bei weitem nicht gesättigt. «Trotz der allgemeinen Wirtschaftsflaute im Reich der Mitte wird das Wachstum der chinesischen Chemiewirtschaft in den kommenden Jahren zwischen 10 und 20 Prozent liegen», sagt der chinesische Analyst Wong Kai Jin von der Agricultural Bank of China.