Konjunktur

Irreführend: Offizielle Kennzahl erfasst nur etwa die Hälfte aller tatsächlich Arbeitslosen

Im historischen Vergleich eine recht hohe Arbeitslosenquote: Stellenvermittler sind gefordertChris Iseli

Im historischen Vergleich eine recht hohe Arbeitslosenquote: Stellenvermittler sind gefordertChris Iseli

Die Zahl zum Juni beschönigt die tatsächliche Höhe der Arbeitslosigkeit in der Schweiz.

Mit 2,4 Prozent sei die Arbeitslosenquote nun so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr. (AG: 2,4%, BE: 1,7%, BL: 2,1%, BS: 3,2%, SO: 2,1%, ZH: 2,4%) So wurden gestern die neuen Zahlen kommentiert, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) veröffentlichte. Einmal mehr scheint im Schweizer Arbeitsmarkt die beste aller Welten zu herrschen. Rekordtiefe Arbeitslosigkeit, der Rest der Welt blickt neidvoll.

Doch die Zahl zum Juni beschönigt die tatsächliche Höhe der Arbeitslosigkeit in der Schweiz. Das zeigt eine neue Analyse der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, KOF. Arbeitsmarktexperte Michael Siegenthaler zeigt darin auf: Die Arbeitslosenquote vom Juni 2018 misst nicht mehr das Gleiche wie die Arbeitslosenquote vom Juni 2008.

Die Arbeitslosenquote im Juni 2018 wäre saisonbereinigt irgendwo zwischen 2,95 und 3,15 Prozent gelegen, würde sie noch gleich gemessen wie im Juni 2008. Das wäre rund ein halber Prozentpunkt mehr. Das zeigt eine Überschlagsrechnung der KOF. Ganz genau berechnen lässt sich der Unterschied nicht. Damit korrigiert sich auch das Bild davon, wie sich der aktuelle Arbeitsmarkt im langfristigen Vergleich präsentiert.

Von der tiefsten Arbeitslosenquote seit zehn Jahren kann nicht die Rede sein, nimmt man die gemäss KOF korrigierten Zahlen. Im Juni 2008 lag die Seco-Arbeitslosenquote bei 2,3 Prozent (nicht saisonbereinigt). Der Schweizer Wirtschaft ging es nach einem langen Boom glänzend. Vor einer Finanzkrise warnten damals nur wenige notorische Schwarzseher. Heute – zehn Jahre später – läge die Arbeitslosenquote noch immer rund einen halben Prozentpunkt höher als damals, gemäss KOF.

Hoffnung für kommende Monate

Die Unterschiede in den Arbeitslosenquoten von 2008 und 2018 erklären sich einerseits mit der Reform der Arbeitslosenversicherung zwischen März und Juni 2011 und andererseits mit technischen Umstellungen im März 2018 (siehe Box am Ende). Vor allem durch die technischen Umstellungen kann das Seco heute genauer messen, wer bei einem RAV als «arbeitslos» registriert ist. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote jedoch weniger aussagekräftig geworden für den allgemeinen Zustand des schweizerischen Arbeitsmarktes.

KOF-Experte Siegenthaler sagt: «Die Arbeitslosenquote des Seco misst heute wohl noch ungefähr die Hälfte der Personen, die gemäss internationaler Definition als arbeitslos gelten.» Siegenthaler plädiert darum schon länger dafür, dass in der Berichterstattung über den Arbeitsmarkt weniger stark auf die Arbeitslosenquote gemäss Seco abgestellt werden sollte.

In der Schweiz werden die Arbeitslosen auch in der Erwerbslosenstatistik gemessen, die das Bundesamt für Statistik (BFS) erhebt. Diese Kennzahl richtet sich nach den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und gilt daher als international vergleichbar. Die BFS-Erwerbslosenquote verharrte im 1. Quartal 2018 saisonbereinigt bei beinahe 5 Prozent und reduzierte sich in den vorhergehenden Quartalen kaum.

«Eine Arbeitslosenquote in dieser Höhe ist für die Schweiz im historischen Vergleich recht hoch», schreibt Siegenthaler in seiner Analyse. Das zeige, dass in der Schweiz noch viele Personen arbeitslos und auf Stellensuche seien. Immerhin habe die Beschäftigung im 1. Quartal 2018 stark zugenommen, es seien viele Stellen geschaffen worden. «Das lässt auf einen tatsächlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten hoffen.»

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