In der Filmbranche würde man von einem Twist sprechen: Einer unerwarteten Story-Wendung, mit der man als Zuschauer nicht gerechnet hat. So hätte es niemanden überrascht, wenn die Zahlen des ersten Kinohalbjahres 2019 negativ gewesen wären, schliesslich sorgen heisse Sommertage in der Regel für leere Kinosäle. Und davon gab es zuletzt jede Menge.

Und dennoch: Das Zwischenfazit fällt positiv aus, wie neuste Zahlen des Branchenverbands Procinema zeigen. So zählten die Schweizer Kinos bis Ende Juni 6 Millionen Zuschauer – 6,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Umsatz stieg um 7,2 Prozent auf 88 Millionen Franken.

Patrick Tavoli, Chef der Kinokette Arena, ist zufrieden. Er rechnet auch bis Ende Jahr mit einem Plus. Überrascht zeigt er sich von den guten Einspielergebnissen des Kinderfilms «Pokémon: Detective Pikachu» und der Action-Hit «John Wick 3» mit Keanu Reeves. Als nächstes hofft er auf die Fortsetzungen von «Jumanji», «Frozen» und «It».

Jedes 12. Ticket für «Avengers»

Das gute Halbjahrresultat haben die Kinobetreiber vor allem einem Film zu verdanken: «Avengers: Endgame», der Kulmination der bisherigen Marvel-Superheldenfilme rund um «Iron Man», «Thor» und «Black Widow». Erst vor einigen Tagen übertrumpfte das Superhelden-Finale der Disney-Studios den bisherigen Kino-Spitzenreiter «Avatar» (2009) als erfolgreichsten Film aller Zeiten, zumindest inflationsbereinigt.
Und auch hierzulande sorgte das Highlight der Marvel-Kinoserie für hohe Ticket- und Popcorn-Verkaufszahlen. Jedes zwölfte Eintrittsbillett war für eine «Avengers»-Vorführung.

Die Top 5 nach Kinoeintritten im ersten Halbjahr:

  1. Avengers: Endgame - 488'650
  2. Green Book - 323'717
  3. Monsieur Claude 2 - 258'516
  4. Zwingli - 236'649
  5. How to Train Your Dragon 3 - 223'056

Für Kinobetreiber besonders erfreulich: Die «Avengers» liefen in 3D. Für die dreidimensionalen Vorführungen müssen die Filmfans deutlich tiefer in die Tasche greifen. Jeder Zweite gönnte sich den Aufpreis.

Das grosse "Aber" bei der Zwischenbilanz

Auf Platz zwei der Halbjahres-Hitliste folgt die Oscar prämierte Tragikomödie «Green Book», auf Platz 3 die französische Komödien-Fortsetzung «Monsieur Claude 2». Einen Schweizer Glanzpunkt setzte der Reformationsstreifen «Zwingli».

Ende gut, alles gut? Falsch. Denn eigentlich hätte das Plus noch höher als 6 Prozent ausfallen müssen. Schliesslich war 2018 das schlechteste Kinojahr überhaupt für die hiesigen Betreiber seit Messbeginn. Zudem startete im Juni keine Fussball-EM oder -WM. Diese Grossevents sind jeweils Kassengift für Kinos und lassen die Umsätze um bis zu einen Drittel sinken.

Englische Fassungen habens schwer

Somit ruhen die Hoffnungen auf der Film-Pipeline der zweiten Jahreshälfte. Erfolgskandidaten sind zum Beispiel das «Fast & Furious»-Action-Spin-Off «Hobbs & Shaw», das neue Tarantino-Werk «Once Upon a Time in Hollywood» und im Dezember dann «Star Wars: The Rise of Skywalker».

Derweil geht der Synchronisations-Trend weiter: Das Publikum bevorzugt zunehmend Vorführungen in den Landessprachen, zum Nachteil von Filmfans, die gerne die echte Stimme von Robert Downey Jr. oder Scarlett Johansson hören. Nur noch 46 Prozent der Filme wurden im ersten Halbjahr in der Originalversion aufgeführt.