Wirtschaft

Investoren flüchten in Gold: Der Preis steigt wegen Spannungen zwischen USA und China auf Rekordhoch

Goldbarren im Tresor der Zürcher Kantonalbank.

Goldbarren im Tresor der Zürcher Kantonalbank.

Im März stürzte der Goldpreis mit den Börsen ab. Inzwischen ist der Kurs seit Anfang Jahr um 25 Prozent gestiegen. Acht Antworten zu den Gründen der Rekordjagd.

Wie stark ist der Goldpreis gestiegen?

Der Goldpreis steigt und steigt. Die Nachfrage nach einer sicheren Wertanlage ist aufgrund der anhaltenden Coronakrise ungebrochen. Das Edelmetall hat in diesem Jahr um 25 Prozent zugelegt. In der Nacht auf Montag stieg der Preis für eine Unze Gold (31,1 Gramm) auf 1944,7 Dollar. Damit wurde das bisherige Rekordhoch von rund 1921 Dollar vom September 2011 deutlich übertroffen. Zuletzt bröckelte der Kurs wieder etwas ab, lag aber immer noch fast zwei Prozent im Plus bei 1936,6 Dollar.

Was sind die Gründe für den Anstieg?

Grundsätzlich bildet sich der Goldpreis wie bei anderen Gütern aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Zuletzt wuchs das Kaufinteresse kräftig, doch Gold ist nicht beliebig vermehrbar, die Bestände wachsen nur langsam. Ein Preisanstieg ist die Folge. Gründe für das hohe Kaufinteresse gibt es aktuell einige. An erster Stelle natürlich die hohen Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie – die USA meldeten am Sonntag insgesamt 62'000 neue Fälle. In unsicheren Zeiten übt das Metall auf Anleger grosse Anziehungskraft aus. Der Goldpreis gilt an den Finanzmärkten als das Krisenbarometer schlechthin.

Ein weiterer Faktor sind die steigenden Spannungen zwischen den USA und China, welche die Erholung der grössten Volkswirtschaft der Welt beeinträchtigen könnten. Wie die «Financial Times» schreibt, wurden die Spannungen am Wochenende durch die Verhaftung eines chinesischen Forschers verschärft, der sich nach Angaben amerikanischer Behörden im Konsulat des Landes in San Francisco versteckt gehalten hatte.

Wieso stieg der Goldpreis schon vor Corona an?

Covid-19 ist nur indirekt verantwortlich für den steigenden Goldpreis. «Hauptgrund ist die expansive Geldpolitik der Zen­tralbanken und die dadurch fallenden Realzinsen», sagt Giovanni Staunovo, Rohstoffexperte bei der Grossbank UBS. Gold sei dadurch als «sicherer Hafen», als vor Inflation geschützte Anlage gesucht. Die Pandemie funktioniert als Beschleuniger, da sie weitere Stimulierungsmassnahmen durch die Regierung und die Notenbank erforderlich machen könnte. Die Zentralbanken signalisierten, dass sie ihre expansiven Massnahmen beibehalten möchten.

Wer kauft derzeit Gold?

«Haupttreiber sind Goldinvestoren, die börsenkotierte Anlageinstrumente kaufen», erklärt Staunovo. Dazu gehören auch kleinere Privatanleger. In den ersten fünf Monaten des Jahres gab es gemäss dem World Gold Council Zuflüsse von 623 Tonnen in börsenkotierte Fonds (Gold-ETF). So viel wie nie zuvor. Laut der Commerzbank liegen deren Bestände mit 102,8 Millionen Unzen inzwischen auf dem höchsten Niveau seit 2013. Diese dürften weiter ansteigen.

Umgekehrt ging der Bedarf für Schmuck stark zurück. «Die Schmuckindustrie ist preissensitiv, zudem gab es wegen Covid-19 Friktionen im Handel», sagt Staunovo. Die schweizerische Zollverwaltung weist etwa für den Export nach China und Indien vergleichsweise tiefe Lieferungen aus. Umgekehrt gab es für die USA im April und Mai dieses Jahres Rekordexporte von über 100 Tonnen. «Das ist auf Verwerfungen am Gold-Futures-Markt zurückzuführen», erklärt der Rohstoffanalyst. Die Investoren bevorzugen physisches Gold statt Papiergeld.

Was machen die Zentralbanken?

Die Zentralbanken kaufen weniger Gold ein als auch schon. Die chinesische Zentralbank hat 2020 kein Gold gekauft und die russische Zentralbank, zuletzt der grösste Käufer, hat ihre Zukäufe im März gestoppt. Am aktivsten ist die türkische Zentralbank, die 2020 bereits mehr als 100 Tonnen gekauft hat. Auch Indien hat 18 Tonnen gekauft. Verkauft haben Deutschland und Sri Lanka. Die Deutsche Bundesbank verkauft grösstenteils Gold, um Münzen zu prägen. Am meisten Gold besitzen die Zentralbanken der USA (8133,5 Tonnen), vor Deutschland (3363,6 Tonnen) und Italien (2451,8 Tonnen). Die SNB liegt mit 1046 Tonnen Gold an siebter Stelle.

Gibt es überhaupt genug Gold zum Handeln?

Das Coronavirus hat nicht nur zu Turbulenzen an den Finanzmärkten geführt, sondern auch am Goldmarkt. Unterbrechungen bei der Lieferkette beeinträchtigen im März die Herstellung von neuen Goldbarren. Aufgrund der angeordneten Schliessungen von Fabrikationsstätten im Tessin können die dortigen Raffinerien keine neuen Goldbarren schmelzen. Vier der weltweit grössten Goldraffinerien befinden sich in der Schweiz, drei davon im Tessin. Von einem Goldmangel könne aber nicht gesprochen werden. Es gebe genügend oberirdische Goldbestände, sagt Staunovo. Der höhere Goldpreis aktiviere diese, die via Altgold wieder auf den Markt kommen.

Wie entwickeln sich andere Edelmetalle?

Neben Gold werden vor allem Silber, Platin und Palladium gehandelt. Diese werden viel stärker als Gold in der Industrie eingesetzt, ihr Kurs ist deshalb stärker vom Wirtschaftseinbruch betroffen. «Erholt sich die Wirtschaft, hat Silber Potenzial, aber es ist doppelt so volatil wie Gold», sagt Staunovo. In den letzten Wochen ist der Wert von Silber stark gestiegen, seit Anfang Jahr um knapp 26 Prozent. Aktuell kostet eine Unze Silber rund 24 Dollar. Daneben ist Palladium stark gefragt. «Allerdings», so Staunovo, «kann Palladium sehr illiquide sein und ist nur für risikobereite Investoren.»

Autor

Gabriela Jordan

Autor

Roman Schenkel

Meistgesehen

Artboard 1