Interview
Vizepräsident der kantonalen Polizeikommandanten nach Swisscom-Panne: «Wir fordern eine lückenlose Aufklärung»

Der Ausfall der Notfallnummern hat die Schweizer Polizeikorps verärgert. Matteo Cocchi ist froh, dass die Panne in der Nacht passiert sei – sonst wäre es verhängnisvoller gewesen.

Roman Schenkel
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Ein Genfer Feuerwehrmann nimmt einen Notruf entgegen. Am 9. Juli war dies fast in der ganzen Schweiz nur über eine Ersatznummer möglich

Ein Genfer Feuerwehrmann nimmt einen Notruf entgegen. Am 9. Juli war dies fast in der ganzen Schweiz nur über eine Ersatznummer möglich

Martial Trezzini / KEYSTONE

Nach der Swisscom-Störung haben die Notfallnummern der Polizei nicht funktioniert. Was heisst das, wenn die Polizei nicht erreichbar ist?

Matteo Cocchi: Unser Slogan lautet: «Rufen Sie uns an». Die Bevölkerung weiss, wenn sie die Nummer der Polizei oder der anderen Blaulichtorganisationen wählt, wird ihr geholfen. Wenn diese Verbindung zerschnitten ist, können wir nicht ausrücken und Sofortmassnahmen treffen. Das ist ein grosses Problem.

Matteo Cocchi, Polizeikommandant des Kantons Tessin und zweithöchster Kommandant der Schweiz.

Matteo Cocchi, Polizeikommandant des Kantons Tessin und zweithöchster Kommandant der Schweiz.

PD

Die Störung dauerte fast die ganze Nacht. Wie schlimm war es?

Der Ausfall war gravierend. Aber wir hatten noch Glück. Wäre es nicht in einer relativ ruhigen Nacht passiert, hätte es in einem grösseren Verhängnis enden können. Stellen Sie sich vor, es wäre in einer Nacht wie während des Unwetters in Zürich oder am Tag mit einer Hochwassersituation wie am Dienstag in der Zentralschweiz passiert. In solchen Situationen erreichen die Notfallnummern über 100 Anrufe pro Minute, und es muss sofort gehandelt werden.

Gab es Situationen während des Unterbruchs, in denen die Polizei zu spät ausrückte?

Im Kanton Tessin gab es glücklicherweise keinen Vorfall. In den anderen Kantonen gab es, soweit ich weiss, keine schwerwiegenden Probleme. Wir konnten den Unterbruch unter Kontrolle behalten und auf unsere kantonsinternen Notfallsysteme umleiten. Für uns unerklärlich ist, dass die Störung so lange gedauert hat. Sie dauerte praktisch die ganze Nacht.

Befürchten Sie einen Vertrauensverlust in die Polizei?

Nein. Die Polizei geniesst in der Schweiz ein sehr hohes Vertrauen. Wir haben die Bevölkerung vergangene Woche auch schnell via Alertswiss und Medien informiert, dass die Erreichbarkeit der Blaulichtorganisationen nicht funktioniert und dass Notfallnummern oder Ad-hoc-Prozedere bereitstehen.

Was fordern Sie?

Wir brauchen zwingend ein stabiles System. Die Politik hat bei jedem Vorfall in der Vergangenheit schnell und auch heftig reagiert. Es gab allerdings noch nie eine so umfassende Panne. Deshalb fordern wir eine lückenlose Aufklärung der Störung. Aus dieser nationalen Aufarbeitung müssen dann die richtigen Schlüsse gezogen werden.

Welche Botschaft haben Sie an die Bevölkerung?

Die Polizei und Blaulichtorganisationen sind 24 Stunden im Einsatz. Das ist unser Auftrag, den erfüllen wir. Falls es Störungen gibt, haben die Kantone einen eigenen Plan B, der sofort aktiviert wird. Der Notfallplan ist je nach Kanton oder Region unterschiedlich, aber er hat, meines Wissens, allgemein funktioniert. Wichtig wäre, dass ein nationaler Notfallplan zur Verfügung stände, um einheitlich handeln zu können.