Interview
«Ich habe keine Angst um die Schweiz»: Michael Pieper über das Rahmenabkommen, die Corona-Folgen und Elektroautos

Der 75-jährige Industriepatron ist Präsident und CEO der Artemis Group und spricht im Interview über Themen, die derzeit die Schweiz und die Welt bewegen.

Daniel Zulauf
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Michael Pieper, CEO Artemis.

Michael Pieper, CEO Artemis.

Severin Bigler

Es ist eine bunte Firmengruppe, die der 75-jährige Michael Pieper in seiner Artemis gebündelt hat: Sie reicht vom Küchenbauer Franke über Feintool und ein stattliches Immobilienportefeuille bis hin zu Beteiligungen an diversen börsenkotierten Firmen wie Forbo, Autoneum, Adval Tech oder Arbonia. Wegen Corona musste Artemis 2020 einen Dämpfer hinnehmen.

Herr Pieper, Ihre Artemis-Gruppe hat die Folgen der Pandemie 2020 deutlich zu spüren bekommen, und der Ausblick für 2021 ist auch nicht euphorisch. Wird die Erholung überschätzt?

Nein. Sie erfolgt nur nicht überall gleich schnell. Das sehen wir bei Artemis deutlich, weil wir Firmen aus sehr unterschiedlichen Branchen konsolidieren. Franke ist unser grösstes Unternehmen, und hier stellen wir vor allem seit Sommer 2020 eine sehr starke Erholung der Nachfrage privater Haushalte in den Bereichen Küche und Bad fest. Schwieriger geworden ist dagegen unser Geschäft mit Gastro­nomiebetrieben und Fast-Food-Ketten, die wir mit unseren Küchenanlagen und Kaffeemaschinen beliefern.

Wie lange bleibt das so?

In unserem professionellen Gastrogeschäft bin ich mir sicher, dass nun eine steile Erholung kommt. Im Bereich Haushaltsküchen könnte es aber zu einer langsameren Entwicklung kommen, weil die Leute ihr Geld jetzt wieder für Dinge ausgeben, auf die sie in der Zeit des Lockdowns verzichten mussten.

Eine Gemeinsamkeit der verschiedenen Unternehmen in Ihrer Artemis-Gruppe besteht darin, dass sie international tätig sind. Wie hoch ist eigentlich der Exportanteil aus der Schweiz?

Von den rund 900 Leuten, die für Franke in der Schweiz arbeiten, sind etwas weniger als die Hälfte im Export tätig – wir exportieren vor allem Kaffeemaschinen. Feintool betreibt eine Fabrik in Lyss, die vor allem Automobilfirmen mit Spezialteilen beliefert. Unsere Unternehmen produzieren aber die grössten Mengen in Europa, Asien und Amerika.

Wie werten Sie als Exportunternehmer den Bundesratsentscheid, das Rahmenabkommen zu beerdigen?

Dieser Entscheid schafft endlich Klarheit. Man hätte ihn vielleicht noch etwas eleganter hinbekommen können, aber es ist gut, dass wir jetzt wissen, woran wir sind.

Wie gross sind jetzt die wirtschaftlichen Nachteile für die Schweiz?

Ich habe keine Angst um die Schweiz. Ich bin sicher, dass gute und innovative Produkte aus der Schweiz auch ohne dieses Abkommen Erfolg haben werden. Das gilt auch für Medizinalprodukte, die jetzt keine automatische Konformitätsanerkennung für den EU-Markt mehr erhalten.

Wo standen Sie eigentlich beim Streit um das Rahmenabkommen?

Ich stand selbst immer in der Mitte. Die starken Voten gegen das Abkommen, die vor einigen Monaten in der Schweizer Öffentlichkeit hörbar wurden, waren teilweise zu extrem. Der ganze Prozess hat auch zu lange gedauert. Man hätte früher entweder eine Volksabstimmung machen oder das Abkommen beerdigen müssen.

Sie haben mit Feintool, aber auch mit Adval Tech und Autoneum grosse wirtschaftliche Interessen in der Automobilindustrie. Geht es dort jetzt voll in Richtung Elektroantriebe?

So sieht es tatsächlich aus, wenn man mit ganz grossen Zulieferfirmen wie Bosch, Conti, ZF Friedrichshafen oder vor allem auch direkt mit Herstellern wie Volkswagen spricht.

Mit welcher Entwicklung ist zu rechnen?

In fünf bis zehn Jahren werden über die Hälfte der neu zugelassenen Fahrzeuge einen Elektroantrieb haben.

Noch vor zwei Jahren hatten Sie gehofft, dass sich hybride Antriebe durch- setzen werden.

Ja, aber jetzt wird Hybrid wohl nur noch als Zwischenlösung dienen. Das ist schade. Verbrennungsmotoren haben eine hervorragende Technologie, die politisch leider gerade etwas schlecht dargestellt wird. Das Elektroauto kommt im Moment zu gut weg, finde ich. Wichtige Probleme in den Bereichen Herstellung der Batterien, Ladung, Reichweite und Entsorgung sind nach wie vor ungelöst. Mit Feintool investieren wir jetzt viel in die Elektromobilität, und wir werden da auch grössere Aufträge erhalten.

Wird der Technologiewandel in der Automobilindustrie zu Massenentlassungen führen?

Ich glaube nicht. Es ist zwar klar, dass es künftig weniger Leute brauchen wird, die Motoren bauen. Aber man wird auch neue Anwendungen finden, die wieder Arbeitsplätze schaffen.

Ihr Autoneum-Coinvestor, Stadler-Rail-Lenker Peter Spuhler, hat soeben einen Anteil am Stahlkonzern Swiss Steel erworben, der auch die Automobilindustrie beliefert. Ziehen Sie mit?

Swiss Steel hat im Bereich des rostfreien Stahls und anderer hochlegierter Stähle eine gute Technologie, und die Firma hat tatsächlich auch Automobilhersteller als Kunden. Ich finde es gut und mutig, dass Peter Spuhler dort eingestiegen ist. Er ist ein Vollblutunternehmer, der etwas bewegen kann.

Ist Swiss Steel für Sie auch eine Option?

Wir hatten uns die Firma vor etwa drei Jahren angeschaut. Wir wollten investieren, und ich glaube, wenn wir das getan hätten, wäre Swiss Steel auch nicht so tief abgestürzt. Aber dann kam Martin Haefner. Er verdient dafür meine grosse Anerkennung. Er hat eine gute Firma gerettet und dieser mit Peter Spuhler nun auch noch einen zweiten Investor gebracht. Das ist sehr gut.