Interne Präsentation
Thomy, Nesquik und Co.: Nestlé hält Grossteil seiner Produkte für ungesund – und will nun reagieren

Der Westschweizer Nahrungsmittelkonzern räumt in einem internen Dokument Defizite bei seinen eigenen Nahrungsmitteln ein. 60 Prozent der Mainstream-Artikel werden als ungesund eingestuft. Manche schneiden deutlich schlechter als andere ab.

Benjamin Weinmann
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Schoggi-Pulver wie jenes von Nesquik gilt nicht als besonders gesund - so wie viele andere Nestlé-Produkte aus der Küche des Schweizer Grosskonzerns.

Schoggi-Pulver wie jenes von Nesquik gilt nicht als besonders gesund - so wie viele andere Nestlé-Produkte aus der Küche des Schweizer Grosskonzerns.

Getty

Wer Nestlé-Managern zuhört, merkt rasch: Der Nahrungsmittelkonzern aus Vevey VD gibt sich gerne als Förderer der weltweiten Gesundheit. Doch daran scheint der Hersteller von Thomy-Mayonnaise, Kitkat-Schokolade und Maggi-Nudeln selber nicht recht zu glauben. Wie die «Financial Times» berichtet, hat Nestlé intern festgestellt, dass 60 Prozent seiner Mainstream-Esswaren und -Getränke nicht einer «anerkannten Definition von Gesundheit» entsprechen, und dass manche Produktkategorien auch künftig nie «gesund» sein werden, «egal wie sehr wir sie erneuern.»

Die «Financial Times» bezieht sich auf eine Präsentation, die Anfang Jahr unter Nestlé-Topmanagern verbreitet wurde. Darin heisst es, dass nur 37 Prozent der Nahrungsmittel und Getränke von Nestlé, gemessen am Umsatz, eine Bewertung von über 3,5 von maximal 5 Sternen eines renommierten, australischen Gesundheitsratings erhielten. Tier-, Baby- und medizinische Spezialnahrung sind ausgeklammert. Die analysierten Produkte stehen für rund die Hälfte des jährlichen Gesamtumsatzes von 97 Milliarden Franken.

Kundschaft will gesündere Produkte

Während bei den Mainstream-Esswaren 70 Prozent diesen Schwellenwert nicht erreichen, sind es bei den Getränken sogar 96 Prozent. Reine Kaffee-Produkte wurden dabei nicht berücksichtigt. 82 Prozent der Wasser- und 60 Prozent der Molkereiprodukte erhalten mindestens 3,5 Sterne.

Nestlé-Chef Mark Schneider will das Portfolio des Konzerns gesünder und nachhaltiger gestalten, unter anderem mit veganen Burgern.

Nestlé-Chef Mark Schneider will das Portfolio des Konzerns gesünder und nachhaltiger gestalten, unter anderem mit veganen Burgern.

The Newyorktimes/Redux/Laif

Weiter zitiert die «Financial Times» aus der Nestlé-Präsentation: «Wir haben unsere Produkte deutlich verbessert. Aber unser Portfolio schneidet immer noch unterdurchschnittlich ab, wenn es um externe Definitionen von Gesundheit geht.» Dies scheint Nestlé zu beunruhigen, denn danach verweist der Konzern auf die zunehmenden Anforderungen der Kunden und der regulatorischen Behörden.

7,1 Gramm Zucker pro 100 Milliliter

Nestlé nennt ein weiteres Beispiel: So hat ein San-Pellegrino-Getränk mit Orangengeschmack ein «E» beim Gesundheitsbewertungssystem Nutriscore, das auch in der Schweiz vermehrt zur Anwendung kommt. Denn das gesüsste Mineralwasser hat 7,1 Gramm Zucker pro 100 Milliliter, woraufhin Nestlé die Frage aufwirft: «Sollte eine gesundheitsorientierte Marke ein E haben?» Erwähnt ist auch ein Nesquick-Mix, dem Milch beigefügt werden soll, der selbst aber hauptsächlich aus Zucker besteht. Dennoch wird es angepriesen mit «perfekt zum Frühstück, damit Kinder bereit für den Tag sind».

Auf Anfrage von CH Media bestätigt Nestlé, dass man an einem unternehmensweiten Projekt arbeite, um die Ernährungs- und Gesundheitsstrategie zu aktualisieren. Man wolle sicherstellen, dass Nestlé-Produkte dazu beitragen, die Ernährungsbedürfnisse zu erfüllen und eine ausgewogene Ernährung zu unterstützen. So habe man den Zucker- und Natriumgehalt in den Produkten in den letzten zwei Jahrzehnten stark reduziert.

Zudem hat Nestlé angekündigt, das Nutriscore-Ampelsystem auf seinen Nahrungsmittel-Verpackungen in Europa einzuführen. Der Konzern betont aber auch: «Wir glauben, dass eine gesunde Diät bedeutet, eine Balance zwischen Wohlbefinden und Genuss zu finden. Dazu gehört auch ein gewisser Freiraum für Genussmittel, die in Maßen genossen werden.» Die Stossrichtung bleibe aber die gleiche. Man wolle die Nestlé-Produkte sowohl schmackhafter als auch gesünder machen.