Karl Lüönd: Intelligenter Vitaminstoss gegen die Krise

Intelligenter Vitaminstoss gegen die Krise

Verlager waren in den letzten Jahren zu bequen und arrogant: Medienprofi Karl Lüönd an der GV der AZ Medien AG.

Karl Lüönd

Verlager waren in den letzten Jahren zu bequen und arrogant: Medienprofi Karl Lüönd an der GV der AZ Medien AG.

Der Medienspezialist Karl Lüönd war Gastredner an der Generalversammlung der az medien: Lüönd ist gleichzeitig ernster Mahner, nüchterner Analyst und glänzender Unterhalter.

Hans Fahrländer

Es ist nicht einfach, nach schlechten Zahlen den richtigen Redner zu finden. Weder übertriebener Pessimismus (wie im Vorjahr mit Professor Wittmann) noch künstlicher Optimismus sind gefragt, sondern ein nüchterner Blick auf Risiken und Nebenwirkungen des Mediengeschäfts. Mit Karl Lüönd hatte das Findungs-Gremium eine glückliche Hand. Lüönd ist Innerschweizer, folglich wirft ihn nicht so schnell etwas um. Und er ist ein unabhängiger Kenner der Medienszene und ein pointierter Formulierer. Er war unter anderem Gründer und langjähriger Chef der «Züri Woche», leitete das Medieninstitut des Verbandes Schweizer Presse und schrieb neben- und seither rund 30 Sachbücher und Biografien.

Selber schuld...

Lüönd, unzimperlich, mochte die Schuld an der Medienkrise nicht nur bei exogenen Faktoren suchen: «Wenn es denn so etwas wie eine Krise gibt, haben wir sie redlich verdient, denn sie ist die Folge jahrzehntelang geduldeter Bequemlichkeit und Arroganz.» Haben wir, fragte er die Zeitungs-Verleger, «vor lauter Verteidigen und Bewahren nicht alle miteinander die Chancen der Digitalisierung verpasst?»

Und an die Adresse privater Radio- und TV-Betreiber: «Sie haben die skandalöse Marktverfälschung durch die SRG akzeptiert, indem sie sich ihre Sender per Gebührensplitting mit einem besseren Trinkgeld subventionieren liessen und sich dafür der frechen Bürokratie des Bundes unterwerfen mussten.» Die Krise auf dem Medien-Marktplatz Schweiz hat für Karl Lüönd also drei Väter: Konjunkturelle Turbulenzen, Strukturwandel - und «historische Versäumnisse».

Die Schweizer Medienindustrie erlebe derzeit, was Textil- und Uhrenindustrie schon hinter sich haben: Globale Strukturveränderungen überlappen sich mit dem Wandel der Konsumgewohnheiten und damit des Kundenverhaltens - und die unsichere Konjunktur kommt als «Strafverschärfung» obendrauf.

Vernunft, Nähe, Qualität

Er sei nicht Hayek, meinte Lüönd. Aber er sehe sehr wohl, was jene auszeichne, welche die Krise erfolgreich meisterten. Erstens: Vernunft. «Strategische Investitionen in neue Geschäftsfelder - genauer: Verluste mit der Absicht, Marktplätze rechtzeitig zu besetzen - sind nur noch befristet und mit straffer Führung angängig.» Immerhin erhielten die AZ Medien vom Gastreferenten ein schönes Kompliment für den «Sonntag»: «Noch selten habe ich eine Neulancierung in einem so umkämpften Markt gesehen, die in so kurzer Zeit die gleiche Reiseflughöhe wie die Konkurrenz erreicht hat.»

Zweitens: Nähe. «Als Aargauer haben Sie die Risiken und Nebenwirkungen des Föderalismus sozusagen in den Genen», sagte Lüönd, um in Anspielung auf das massgeschneiderte Regionalkonzept dieser Zeitung nachzuschieben: «Das Naheliegende stirbt zuletzt.» Voraussetzung sei allerdings die Verknüpfung mit einem dritten Erfordernis: Qualität. «Am Ende des Tages entscheiden nicht Werkzeuge und Maschinen, sondern Inhalte.»

Bodennähe, Herz und Seele

Die Endverbraucher merkten sehr genau, ob die Medien-Macher mit Herz bei der Sache seien. Lüönds Diagnose: «Das Leben in der Branche bleibt spannend. Wer dabei sein will, braucht gute Nerven. Die Betriebstemperatur ist hoch. Wer sie nicht verträgt, soll besser die Küche verlassen. Denjenigen, die freiwillig bleiben, kann ich versprechen: Es wird Ihnen nicht langweilig.» Und dann sprach er das gastgebende Unternehmen nochmals ganz direkt an: «Mit Ihren sehr aargauischen, bodennahen, im besten Sinn provinziellen Kriterien werden Sie es schaffen, dabei zu bleiben.»

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