In seiner Beiz gibt es keine Preise

Wirt vonFRAROSA; J?rgen Stumpf; "Zionskirchstrasse 40 10119  Berlin"

In seiner Beiz gibt es keine Preise

Wirt vonFRAROSA; J?rgen Stumpf; "Zionskirchstrasse 40 10119 Berlin"

Ein Restaurant ohne feste Preise – das kann nicht funktionieren, denkt man. Der Berliner Gastrounternehmer Jürgen Stumpf (46) kommt damit über die Runden, und das schon seit sieben Jahren.

Benedikt Vogel, Berlin

Das Lokal, in dem Essen und Getränke keinen Preis haben, steht mitten in Berlin. Vom Alexanderplatz 15 Minuten zu Fuss. Im Restaurant Frarosa stehen ein Dutzend Tische, der Tresen leuchtet rot, an der Wand hängen freizügige Malereien. Hier wird jeden Abend ein 4-Gang-Menü serviert, der Gast kann aus einem Dutzend Weinen auswählen.

Wer das «Frarosa» betritt, bezahlt zwei Euro. Dann trinkt er so viel Wein, wie er verträgt, isst vier Gänge. Bevor er nach Hause geht, legt er so viel Geld in ein Gefäss, wie er will. Rechnungen gibt es hier nicht, auch keine Quittungen. «Für uns ist das einfach, wir brauchen nicht so viel Personal», sagt Mitinhaber Jürgen Stumpf.

Er sitzt an einem der Holztische. Auch wenn sein Lokal keine Preise kennt, ist er kein Kommunist. Auch stammt er nicht aus der DDR, sondern aus dem bayrischen Franken. Er studierte Sozialarbeit. 1996 eröffnete er in Berlin ein Weingeschäft und verkaufte dort den Wein vom Gut seiner Eltern. Donnerstags lud er Freunde ein. Man trank, und am Ende legte jeder nach Gutdünken einen Obolus in eine Schale. Damit war die Idee geboren, die Stumpf unterdessen im «Frarosa» und zwei weiteren Berliner Restaurants praktiziert.

Keine Gäste – Pech gehabt

Sieben Jahre sind seit der Eröffnung des ersten Lokals vergangen. Den Wein bezieht er noch immer vom elterlichen Weingut, das unterdessen sein Bruder bewirtschaftet. Anfänglich wurde der Gastronom für seine waghalsige Idee belächelt. Heute kann er davon leben. Auch deshalb, weil er sein Risiko zu einem Teil auf die Beschäftigten abwälzt. Diese verdienen nämlich so viel, wie am Abend übrig bleibt, nachdem alle Kosten beglichen sind. Bleiben an einem Abend die Gäste aus – Pech gehabt. Gewöhnungsbedürftig ist die preisfreie Marktwirtschaft auch für das Finanzamt: Um die Steuern festzulegen, wird der Umsatz geschätzt.

Wo der Gast nach Ermessen bezahlt, wird sich die Bedienung erst recht um ihn bemühen, würde man vermuten. «Wir von der Bedienung wissen nicht, was wir zurückbekommen, deshalb sind wir verhaltener, nicht künstlich freundlich», sagt Stumpf. Andererseits: Im «Frarosa» sind die Gäste manchmal nur deshalb freundlich, weil sie weniger bezahlen wollen.

Für die Gäste schafft die preisfreie Wirtschaft eine ungewohnte Situation. Manche sind verunsichert. Andere nutzen die Situation aus. Doch wirklich frei kann sich der Gast in seiner Entscheidung nicht fühlen: Das Gefäss, in das er beim Verlassen des Lokals das Geld steckt, ist nämlich durchsichtig. Die Bedienung bekommt also mit, wie viel ein Gast zahlt. Und reklamiert mitunter. «Wenn einer 20 Euro reinlegt, sagen wir nichts; wenn nur 10 Euro, dann schon.»

Ein Spiel mit Menschen

Die Erwartung für ein Essen mit Wein liegt bei 20, 25 Euro. Auch wenn der Preis nicht auf der Karte steht, so steht er doch im Kopf. «Für mich ist es auch ein Spiel mit den Menschen», sagt Stumpf.

Schweizer und Skandinavier neigen erfahrungsgemäss eher zu Grosszügigkeit; sie sind sich höhere Preise gewöhnt. Deutsche, sagt Stumpf, fühlten sich moralisch zu einem angemessenen Entgelt verpflichtet. Nur die Spanier, die bereiten ihm notorisch Ärger: «Die Spanier sind nicht reif für das, was ich hier betreibe.»

Reich wird man nicht

Das Modell von Jürgen Stumpf und seinen Geschäftspartnern ist auch ein Marketingtrick, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Auch andere haben die Idee ausprobiert, in Hamburg und Nürnberg, in Paris, London und Neuenburg. Oft hätten die Lokale bald wieder dichtgemacht, sagt Stumpf. Er ist denn auch vorsichtig, das, was er tut, als «Geschäftsidee» zu propagieren. «Du musst Qualität und Leistung bieten – das System allein bringt nichts.» Reich, sagt Stumpf, werde man nicht, aber: «Wenn du ein Idealist bist, dann bleibt dir vielleicht etwas übrig.»

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