Industrie
«In meinem Auto stecken sechs Kilo Klebstoff»

Jan Jenisch, CEO von Sika, spricht im Interview über Crashs in zusammengeklebten Autos, Wachstum in Griechenland und Sorgen mit seiner Fabrik im Irak.

Philipp Mäder
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«In vielen Ländern schätzt man es sehr, dass die Schweizer respektvoll mit anderen Nationalitäten umgehen»: CEO Jan Jenisch über den internationalen Erfolg von Sika.Gerry Amstutz/HO

«In vielen Ländern schätzt man es sehr, dass die Schweizer respektvoll mit anderen Nationalitäten umgehen»: CEO Jan Jenisch über den internationalen Erfolg von Sika.Gerry Amstutz/HO

Gerry Amstutz/HO

Immer mehr Autos sind zusammengeklebt statt geschweisst – auch mit Sika-Klebstoffen. Hält das wirklich?

Jan Jenisch: Ja! Kleben hält besser als Schweissen.

Auch wenn zwei Autos zusammenprallen?

Auch dann. Der grosse Vorteil ist, dass sie zwei Teile mit der ganzen Fläche zusammenkleben können. Beim Schweissen fügen sie nur einzelne Punkte zusammen.

Zu Hause fällt schon mal ein angeklebter Haken herunter. Ist das vergleichbar mit dem, was Sie beim Auto machen?

Jan Jenisch

Seit 18 Jahren arbeitet Jan Jenisch bei der Sika – seit 2012 als CEO. Von 2007 bis 2011 war Jenisch Regionalleiter Asien/Pazifik. Zuvor verantwortete er die Division Industry, zu der auch das Automobilgeschäft der Sika gehört. Der 1966 in Deutschland geborene Jenisch ist diplomierter Betriebswirt. (mäd)

Sie selber fahren einen BMW i8. Was ist da verklebt?

Fast alles. In meinem Auto stecken über sechs Kilogramm Sika-Klebstoff. Unter anderem, weil die Karosserie aus Carbon direkt aufs Fahrwerk aus Aluminium geklebt ist.

Die Sika will im Automobilbereich stark wachsen. Wie soll das gehen?

Dank China werden weltweit immer mehr Autos verkauft. Und in diesen Autos wird immer mehr geklebt, weil es darin ganz unterschiedliche Materialien wie Stahl, Aluminium und Kunststoffe hat. Diese Materialien können Sie nur verkleben und nicht verschweissen. Deshalb rechnen wir im Automobilbereich mit zweistelligen Wachstumsraten. Unser Ziel ist es, in diesem Bereich das führende Unternehmen fürs Kleben zu sein.

Die Sika ist in den ersten neun Monaten dieses Jahres um über 15 Prozent gewachsen. Weshalb?

Unser Ziel ist es, stets neue Produkte für unsere Kunden zu entwickeln. Nicht nur im Automobil-, sondern auch im Baubereich. Und wir sind in den Schwellenländern stark präsent. Letztes Jahr haben wir weltweit zehn neue Fabriken eröffnet, dieses Jahr werden es sieben bis acht sein.

Wie schaffen Sie das?

Sika in Zahlen

Das Schweizer Unternehmen Sika mit Sitz in Baar ZG erwirtschaftet weltweit mit über 16 000 Mitarbeitern einen Umsatz von gut fünf Milliarden Franken pro Jahr. Das Unternehmen hat 164 Fabriken in 89 Ländern. Die Sika ist auf chemische Produkte für den Bau und Automobilindustrie spezialisiert. Für die Automobilindustrie produziert die Sika vor allem Klebstoffe, die in 40 Millionen Fahrzeugen pro Jahr zum Einsatz kommen – rund der Hälfte der weltweit produzierten Fahrzeuge. Für den Bau stellt die Sika unter anderem Zusatzstoffe für Beton und Zement her. Weiter produziert die Sika Lösungen zur Abdichtung für Dächer und Böden. Diese Woche präsentierte die Sika die Zahlen fürs dritte Quartal. Demnach ist der Umsatz des Unternehmens in den ersten neun Monaten dieses Jahres in Lokalwährungen um 15,8 Prozent gewachsen. In Schweizer Franken stieg der Umsatz um 9,6 Prozent. (mäd)

Die Sika hat auch Fabriken in Krisenländern wie dem Irak und der Ukraine. Verdienen Sie da Geld?

Wir haben 164 Fabriken in 89 Ländern. Da stellen wir chemische Zusatzstoffe für Beton und Zement her. Das brauchen auch Länder, die erst gerade daran sind, die grundlegende Infrastruktur wie Flughäfen, Häfen und Brücken zu bauen. Und wir sind stolz darauf, dass wir früh in diese Märkte gehen.

Das ist aber auch ein Risiko, wie zum Beispiel die Lage im Irak zeigt.

Ja. Wir haben letztes Jahr eine Fabrik in Erbil im Irak eröffnet. Das ist nun wegen des islamischen Staates ein ziemliches Krisengebiet. Das Problem ist, dass solche Krisen immer schwieriger vorhersehbar werden. Den Konflikt in der Ukraine hat niemand kommen sehen. Ebola auch nicht.

Finden Sie überhaupt Leute, die an solchen Orten arbeiten wollen?

Unser Ziel ist es immer, vor allem lokale Mitarbeiter zu finden. In Erbil haben wir ein ganz kleines Werk mit rund zwanzig lokalen Mitarbeitern. Und für diese tragen wir natürlich auch die Verantwortung. Europäer arbeiten dort keine.

Aber Sie schicken auch europäische Mitarbeiter in die Fabriken vor Ort?

Wir sind stolz darauf, nur ganz wenige sogenannte Expats zu haben. In Lateinamerika beispielsweise haben wir 2400 Mitarbeiter, aber nur 7 davon sind Expats. In Asien haben wir fast 4000 Mitarbeiter, aber nur 20 Expats.

Kann man ein globales Unternehmen wie die Sika überhaupt führen mit so wenigen Leuten, die aus der Zentrale in die Regionen gehen?

Das ist nicht ganz einfach. Wir brauchen gute Informatiksysteme, die es uns erlauben, die einzelnen Länder miteinander zu vergleichen. Und unsere Führungskräfte sind oft auf Reisen. Ich selbst bin jedes Jahr in rund 30 Ländern.

Ist es in diesen Ländern ein Vorteil, wenn man ein Schweizer Unternehmen ist?

In vielen Ländern schätzt man es sehr, dass die Schweizer respektvoll mit anderen Nationalitäten umgehen.

Aber damit haben Sie noch nichts verkauft.

Nein. Aber mit diesen Werten können sie eine Firmenkultur aufbauen, die es für ein globales Geschäft wie unseres braucht. Bei uns können auch lokale Mitarbeiter Geschäftsführer werden.

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