Weihnachten

Import- und Plastiktannen setzen Schweizer Christbäumen zu

Künftig müssen sich Schweizer Christbäume ohne Staatshilfe gegen Ausländer und künstliche Perfektion durchsetzen. Doch die Schweizer Produzenten können glücklicherweise auf eine treue Kundschaft verlassen.

Schweizer Christbäume sind nicht zu beneiden. Im Kampf um ihren Platz in der warmen Stube müssen sie sich seit Jahren gegen Artgenossen aus Dänemark und Deutschland behaupten. Keine einfache Aufgabe, schliesslich bieten sich die nordischen Konkurrenten zu deutlich tieferen Preisen an – und sehen oft noch besser aus. Ecken und Kanten haben die ausländischen Zuchttannen nämlich kaum. Das ist in einer Zeit, in der Models, Moderatorinnen und Musikerinnen alle die gleichen Körpermasse und Gesichtszüge haben, sicher kein Nachteil.

Vor diesem Hintergrund hat es den einheimischen Tannen gerade noch gefehlt, dass nun auch vermehrt künstliche Plastik-Weihnachtsbäume auf den Markt drängen. Diese gehen gar – um beim menschlichen Schönheitswahn zu bleiben – mit Botox-Lippen und Silikon-Brüsten an den Start. Zudem nehmen sie für sich in Anspruch, ökologischer zu sein, weil sie nicht jedes Jahr ersetzt werden müssen. Können Sie sich vorstellen, wie sich eine stämmige Nordmanntanne mitten im Schweizer Wald fühlen muss, wenn ein künstlich hergestelltes Plastikbäumchen daherkommt, und behauptet, es sei besser für die Umwelt? Das muss hart sein.

Noch härter für die Schweizer Christbäume ist aber, dass immer mehr Schweizer dem künstlichen Charme der Plastik-Tannen erliegen: «Die Nachfrage erhöht sich von Jahr zu Jahr», schreibt die Migros. Im Trend seien vor allem Artikel, die sehr natürlich aussähen. Auch Coop stellt fest, dass vor allem bei den «hochwertigen künstlichen Bäumen» die Nachfrage gestiegen ist.

Insgesamt sind Plastik-Tannen in Schweizer Stuben zwar immer noch eine Seltenheit – bei Coop machen sie nur rund zwei Prozent der Nachfrage aus – dennoch stellt sich die Frage: Worauf ist die zunehmende Beliebtheit der Plastik-Bäume zurückzuführen? Ist es nur der Öko-Trend? Kaum. Vielmehr entsprechen die falschen Tannen perfekt dem Zeitgeist: Das mühsame Aufstellen fällt weg, sie können bereits geschmückt gekauft werden, und wenn der ganze Zauber vorbei ist, muss kein bisschen Schmutz weggewischt werden. Kurz: Es bleibt mehr Zeit zum Essen, Trinken und Geschenke auspacken. Insofern bildet der Plastik-Baum einen neuen Höhepunkt bei der Kommerzialisierung von Weihnachten.

Feurige Befürworter von Plastik-Bäumen sind aber wie bereits erwähnt in der Minderheit (apropos feurig: Einige setzen auch auf künstliche Bäume, um die Gefahr eines Brandes zu minimieren). Die meisten Schweizer kaufen nach wie vor einen echten Christbaum aus Holz und Harz. Pro Jahr gehen hierzulande rund eine Million natürliche Weihnachtsbäume an den Mann oder an die Frau. Für die Mehrheit kommt ein künstlicher Baum nicht infrage: «Dann würde ich eher ganz auf einen Baum verzichten», sagt eine Kollegin.

Ein Kollege meint gar: «Plastik-Bäume sind pervers.» Sie seien ein doppeltes Surrogat – das heisst der (nicht vollwertige) Ersatz eines (nicht vollwertigen) Ersatzes. Der Weihnachtsbaum-Brauch hat seine Wurzeln nämlich darin, dass sich die Menschen zur Wintersonnenwende sogenannte Wintermaien ins Haus holten: Obstzweige, deren Grün die Fortsetzung des Lebens symbolisierte. Aus diesen entwickelte sich ab dem 16. Jahrhundert der stehende, geschmückte Weihnachtsbaum.

Die Schweizer Tannenbaum-Züchter haben es den Weihnachtsbaum-Traditionalisten zu verdanken, dass sie trotz künstlicher Konkurrenz nach wie vor eine Arbeit haben. Mindestens ebenso wichtig ist aber der Einkaufs-Patriotismus der Schweizer. Wie das Poulet, die Eier und der Salat wollen viele auch den Weihnachtsbaum «aus der Region, für die Region». Obwohl die einheimischen Bäume in der Regel deutlich teurer sind als die Import-Tannen, ist die Nachfrage in den letzten Jahren leicht gestiegen. Rund 40 Prozent der verkauften Bäume kommen aus Schweizer Wäldern oder Zuchten. Derzeit bauen Schweizer Bauern auf rund 550 Hektaren Weihnachtsbäume an. Das entspricht fast 800 Fussballfeldern.

Ob die positive Tendenz anhalten wird, ist jedoch höchst ungewiss. Schuld ist die neue Verordnung über die Direktzahlungen an die Landwirtschaft, die Anfang 2014 in Kraft tritt. In dieser heisst es: «Zu keinen Beiträgen berechtigen Flächen, die mit Baumschulen, Forstpflanzen, Christbäumen, Zierpflanzen, Hanf oder Gewächshäusern mit festem Fundament belegt sind.» Die neue Agrarstrategie ist auf Versorgungssicherheit ausgerichtet – und Christbäume kann man nun mal nicht essen.

Bisher erhielten die Bauern pro Hektare, auf der sie Christbäume heranzogen, 900 Franken Direktsubventionen pro Jahr. Das ist zwar weniger als ein Franken pro Baum, die IG Suisse Christbaum befürchtet aber dennoch, dass der Entscheid Signalwirkung haben wird. In Zukunft dürften wohl nicht mehr viele Bauern in die Christbaumproduktion einsteigen, so die Interessengemeinschaft, die laut eigenen Angaben rund 70 Prozent aller Schweizer Produzenten vereint. Das ehrgeizige Ziel «in jeder Stube ein Schweizer Christbaum» dürfte wohl für immer ein Traum bleiben.

Mitleid haben muss man mit den Schweizer Christbaumproduzenten trotzdem nicht. Christbäume rentieren auch ohne Subventionen noch immer besser als manch andere Agrarkultur. Die Tannenbaum-Bauern können sich auf eine treue Kundschaft verlassen, von der ein grosser Teil auch noch wenig preissensibel ist. Der Gedanke, die Weihnachtsgeschenke unter einen Baum legen zu müssen, der Tausende Kilometer nördlich in grausamer Massenbaumhaltung aufgezogen wurde, ist für viele Schweizer unerträglich.

Es ist schliesslich etwas anderes, wenige Tage nach dem Fest die Nordmanntanne aus dem Nachbarwald auf den Kompost zu werfen als eine deutsche oder dänische Billigtanne.

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