Gruppenpraxis

Immer mehr Hausärzte eröffnen eine Gruppenpraxis – die Zeche zahlen wir

Von Untersuchung bis Medikamentenabgabe – der Hausarzt in der Gruppenpraxis macht alles.

Von Untersuchung bis Medikamentenabgabe – der Hausarzt in der Gruppenpraxis macht alles.

Ärzte dringend gesucht: Krankenkassen, Spitäler und weitere Investoren dürften mehr als 100 Gruppenpraxen bauen.

Das war einmal: Hausärzte führen als Kleinunternehmer ihre Praxis. Auch in der Nacht und am Wochenende sind sie für Patienten da. Heute sagt der Arzt Andy Fischer, dessen Firma Medgate Erkrankte per Telefon berät: «Unsere Mitarbeitenden finden nach Büroschluss kaum mehr einen Arzt, der Notfalldienst macht.» Benötige ein Anrufer dringend eine medizinische Behandlung, müsse man sie immer öfter auffordern, kostspielige Notfallstationen von Spitälern aufzusuchen.

Die Hausarztmedizin wird industrialisiert. Die Zahl der Ärzte in Einzelpraxen schrumpfte zwischen 2008 und 2014 um 6,4 auf 57,2 Prozent. Dafür erhöhte sich die Zahl der in Gruppenpraxen tätigen Mediziner. Der Trend vom Einzelkämpfer zum Teamplayer wird sich weiter akzentuieren. In den nächsten fünf Jahren dürften schweizweit mehr als 100 Gruppenpraxen eröffnet werden, sagt Felix Huber von mediX Zürich: «Das entspricht einem Investitionsvolumen von mehreren 100 Millionen Franken.»

Huber ist wie Andy Fischer ein Pionier in diesem Bereich. Letzterer sagt, es drohen massiv zu hohe Investitionen in Gruppenpraxen, was einen Kostenanstieg im ambulanten Bereich zur Folge haben werde: «Ich schätze, dass in den nächsten fünf Jahren mehr als eine Milliarde Franken in die ambulante Grundversorgung investiert werden wird.» Ein Teil der neu geschaffenen Versorgungsstrukturen werde bestehende Einzelpraxen ersetzen. Der Gesundheitsökonom Willy Oggier hält dies für realistisch: «Es wird einen grossen Wachstumsschub geben. Die Nachfrage dafür ist vorhanden.» Das gilt vor allem für grosse Agglomerationen. Daher gehe die Konzentration auf Gruppenpraxen zulasten der Randregionen, sagt Fischer. «Dort wird es in Zukunft schwierig werden, die medizinische Grundversorgung aufrechtzuerhalten.»

Jahresmiete von neun Millionen

Der Bau einer grösseren Gruppenpraxis kostet zwei bis drei Millionen Franken. Ein Klacks gegen das, was das Zürcher Universitätsspital (USZ) am Flughafen in Kloten plant. Auf 10 000 Quadratmetern entsteht ein ambulantes Gesundheitszentrum, das 24 Stunden geöffnet ist. Das «Circle»-Projekt schafft gemäss USZ-Sprecher Gregor Lüthy «den dringend benötigten Raum», der in Zürich fehlt. Der alte Standort muss erneuert werden. Zudem will das USZ laut Spitalrats-Präsident Martin Waser auch wachsen: «Mindestens so viel wie der Markt, eigentlich ein wenig mehr. Stärken wollen wir uns vor allem im ambulatorischen Bereich.»

Damit ist das USZ in bester Gesellschaft. Insbesondere Spitäler investierten in Gruppenpraxen, um so Patienten akquirieren zu können, die stationär behandelt werden können, sagt Oggier. Gemäss Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+, entwickelten Kliniken «landesweit» mit Hausärzten neue Kooperationsmodelle für den Notfalldienst. Sie leisteten diesen so «planbar und zu festen Zeiten» im Spital. Zur Entlastung der Notfallstationen hätten Spitäler «teilweise auch selbst erste Anlaufstellen» aufgebaut.

Integrierte Versorgungsnetze

Das gilt für öffentliche wie private Kliniken. Die Hirslanden Gruppe besitzt vier Gruppenpraxen. Weitere dürften folgen. Die neueste in Düdingen FR kostete sieben Millionen Franken – ein Teil davon berappte die Gemeinde. 9 Ärzte und 12 weitere medizinische Fachpersonen arbeiten dort. Die Praxis verfügt über ein Radiologieinstitut. Spezialisten halten Sprechstunden ab. «Integrierte Versorgung» nennt man das. So ist das Praxiszentrum am Bahnhof Luzern laut einer Hirslanden-Sprecherin die erste Anlaufstelle für ambulante Behandlungen und damit das «Eintrittstor für das Versorgungsnetzwerk» in der Innerschweiz. Patienten, die stationär operiert werden müssen, können den Hirslanden-Kliniken St. Anna in Luzern oder Meggen zugewiesen werden. So füllt man Spitäler.

Weil es ein Überangebot an Gruppenpraxen geben wird, entbrennt ein Kampf um die Ärzte, die sie betreiben. Die fehlen. Auch daher ist eine Anstellung lukrativ. Ein qualifizierter Arzt verdiene 200 000 Franken «plus eventuell einen Bonus» pro Jahr, sagt Huber von mediX: «Trotz solchen Löhnen lässt sich mit gut funktionierenden Gruppenpraxen eine Umsatzrendite von fünf bis zehn Prozent erzielen.» 

Daher investieren zunehmend branchenfremde Investoren in die ambulante Grundversorgung. Gemäss Huber «verlochen» sie ihr Geld: «Wer nichts von Medizin versteht, scheitert.» Sie zögen keine gut ausgebildeten Ärzte an. Diese liessen sich nur von Praxen anheuern, die von Ärzten geführt werden: «Gruppenpraxen kann man nicht nur nach betriebswirtschaftlichen Kriterien führen.»

mediX will zusätzlich zu den drei bestehenden Gruppenpraxen in den nächsten zwei Jahren für rund 10 Millionen Franken in Zürich vier weitere aufbauen. Sie sollen 10 bis 20 Ärzte beschäftigen. Danach werden wahrscheinlich noch mehr hinzukommen, so Huber: «Wir können diese Investitionen aus eigener Kraft und mit Hypotheken finanzieren.» Denn die bestehenden Angebote erwirtschafteten die dazu notwendigen Gewinne: «Wenn wir dies schaffen, werden wir auch Angebote erhalten, bestehende Gruppenpraxen zu übernehmen.»

Mehr Praxen wollen alle Investoren, auch Krankenversicherer (siehe Box oben). Sie gründeten diese einst, um ihren Grundversicherten Managed-Care-Modelle anbieten können. Wer im Fall einer Erkrankung zuerst seinen Hausarzt oder eine Gruppenpraxis aufsucht, hilft mit, Kosten zu sparen. Dafür erhält er einen Rabatt von bis zu 25 Prozent auf der Grundversicherung. Davon profitieren heute mehr als 60 Prozent der Bevölkerung. Auch das macht Gruppenpraxen attraktiv. Daher würden deren Betreiber Druck ausüben, wenn die Krankenkassen keine neuen, intelligenten Versicherungsangebote entwickeln, sagt Felix Schneuwly von comparis.ch: «Dies gilt insbesondere auch für den Zusatzversicherungsbereich.»

Neue Tarife nötig

Die Investitionen in Gruppenpraxen könnten die Einsparungen der Sparmodelle zunichtemachen. Bleibe es im ambulanten Bereich bei einem Tarif, der Einzelleistungen vergütet, werde es wegen der zu erwartenden Mengenausweitung teurer, sagt Gesundheitsökonom Oggier: «Dies dürfte die Einführung von Behandlungspauschalen zur Folge haben oder den Druck erhöhen, dass Kantone sowohl einen Anteil der stationären wie der ambulanten Behandlungen bezahlen.»

Bei einer stationär durchgeführten Operation übernehmen die Kantone heute 55 Prozent der Kosten. Kann sie ambulant durchgeführt werden, wird sie den Kassen voll belastet. Wächst der ambulante Sektor weiter überdurchschnittlich, schnellen die Prämien entsprechend in die Höhe.

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