2008 war die Welt der Detailhändler noch heil. An Branchenanlässen diskutierte man, wann die Umsatzmarke von 100 Milliarden durchbrochen sein würde. Der Euro steht bei Fr. 1.60. Zehn Jahre später hat man andere Sorgen. Die Branche hat rund 9 Prozent aller Stellen verloren, genau 30'317 Jobs. Das zeigt eine Auswertung des Beschäftigungsbarometers, den das Bundesamt für Statistik veröffentlicht.

Ein Aspekt dieses rasanten Wandels ist, dass er Männer und Frauen unterschiedlich stark trifft. Zwar ist im Detailhandel der Anteil weiblicher Angestellter ohnehin besonders hoch. Etwa doppelt so viele Frauen wie Männer arbeiten in dieser Branche. Doch Frauen sind überproportional betroffen. Von zehn weggefallenen Arbeitsplätzen waren jeweils fast neun von Frauen besetzt, lediglich einer von einem Mann. Von 30'317 gestrichenen Stellen waren rund 26'500 Jobs von Frauen.

Die grosse Schweizer Detailhandelskrise hat ganz unterschiedliche Folgen für männliche und weibliche Mitarbeiter. Gemessen an der Zahl der Stellen, ging sie nämlich an den Männern mehr oder weniger spurlos vorbei. Nur gerade drei Prozent aller Stellen verschwanden in zehn Jahren. Bei den Frauen hingegen gibt es 12 Prozent weniger.

Im letzten Jahr war der Gegensatz noch grösser: Netto wurde kein einziger Männerjob weggespart. Im Gegenteil, es kamen sogar 1350 neue Arbeitsplätze dazu. Hingegen sind 7000 von Frauen besetzte Jobs verschwunden.

Erster Shop ohne Kassierer

Frauen haben im Detailhandel eher Berufe, die wegautomatisiert werden können. Das sei eine mögliche Erklärung für den ungleichen Stellenabbau, sagt Tina Büchler, Arbeitsmarktexpertin an der Universität Bern. Konkret geht es etwa um Kassiererinnen, die ersetzt werden durch Selfcheck-out oder Selfscanning-Kassen.

Selfscanning-Kassen verbreiten sich rasant. Diese Woche verkündete Valora, der Kioskkonzern werde 2019 den ersten Shop eröffnen, der komplett ohne bediente Kassen auskomme. Damit wandelt die schweizerische Valora auf den Spuren des US-Giganten Amazon, der schon 2016 ein solches Supermarkt-Format ausprobierte.

Unbediente Kassen sind indessen nur einer von vielen Trends, die den Detailhandel umwälzen. Mit der Finanzkrise sackt der Euro ab, Schweizer Shopper überschwemmen deutsche Grenzstädte. Der scheidende Migros-Chef Herbert Bolliger warnt, der Einkaufstourismus werde Tausende von Stellen kosten. Der Internet-Handel nimmt Tempo auf, forciert vom deutschen Riesen Zalando. Vor allem Verkäufer von Kleidern und Schuhen gehen ein. Namen wie Bata und Switcher, Blackout und Companys, Jeans&Co. oder zuletzt Charles Vögele.

Diese Geschäfte hinterlassen Lücken in den Einkaufskulissen. Kleine und mittlere Städte müssen über die Wiederbelebung ihrer Shoppingstrassen nachdenken. Mit Zürich lässt sogar die grösste Schweizer Stadt über Massnahmen diskutieren. Einkaufszentren suchen neue Mieter. Im Basler Stücki gibt es fast keine Kleiderläden mehr, dafür Büros und Kino-Säle. Eine bislang weniger beachtete Folge dieses Verschwindens von Kleiderläden dürfte der Abbau von Frauenjobs im Detailhandel sein. Wie die Expertin Büchler sagt, ist der Frauenanteil gerade im Kleiderverkauf besonders hoch.

Bestes Dezembergeschäft

Den Männern hingegen dürfte im Detailhandel geholfen haben, dass sie stärker vertreten sind unter mittleren und oberen Kadern. Dort wurden Jobs zumindest bislang seltener wegrationalisiert. Schliesslich könne es sein, so Büchler, dass durch die Digitalisierung tendenziell eher Frauenjobs durch Männerjobs ersetzt werden. Etwa, wenn es mehr Informatiker brauche oder Transportfahrer.

Heute mag man es kaum mehr glauben, doch 2008 ging es dem Detailhandel noch gut. Der Handel mit Kleidern und Schuhen beispielsweise erreichte damals das beste Dezembergeschäft seit vielen Jahren. Die Gesamtbranche hatte Tausende Arbeitsplätze geschaffen und war wieder auf dem Niveau der späten Neunzigerjahre angelangt. Man konnte es sich erlauben, über historische Umsatzmarken zu sinnieren.

Löhne in der Schweiz: