Arbeitsmarkt

Hunderte Stellen werden geschaffen: Der Onlinehandel ist in der Coronakrise ein Jobmotor

Im Monat April stellte die Post über 17 Millionen Pakete zu - das bedeutete einen neuen Monatsrekord in der 170-jährigen Geschichte der Schweizerischen Post.

Im Monat April stellte die Post über 17 Millionen Pakete zu - das bedeutete einen neuen Monatsrekord in der 170-jährigen Geschichte der Schweizerischen Post.

Während eine Vielzahl an Unternehmen unter der Pandemie leidet und Personal abgebaut wird, boomt das Onlinegeschäft. Es werden Hunderte Stellen geschaffen.

Kurzarbeit hier, Stellenabbau da, Massenentlassungen dort. Die negativen Schlagzeilen prasselten in den letzten Wochen stakkatoartig durch die Medien. Liftbauer Schindler baut 200 Stellen ab, Uhrenhändler Bucherer reduziert die Zahl der Stellen in der Schweiz um 220, beim Airline-Caterer Gategroup gehen 350 Stellen verloren, beim Flugzeugdienstleister SR Technics 400, Reiseveranstalter Hotelplan entlässt 170 Angestellte.

Die Liste liesse sich noch um einige Zeilen verlängern. Doch bereits diese Auswahl zeigt: Die Coronapandemie unterzieht den Schweizer Arbeitsmarkt einem Stresstest. 151'111 Personen waren im August bei einem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum als arbeitslos registriert. Seit Februar, vor Ausbruch der Coronakrise, ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz von 2,5 auf 3,3 Prozent gestiegen.

Doch es gibt auch die andere Seite. Zahlreiche Branchen profitieren von den Auswirkungen der Pandemie. Allen voran der Onlinehandel. Die Coronakrise war ein regelrechter Beschleuniger für den Schweizer E-Commerce. Die Händler verzeichneten stark wachsende Umsatzzahlen. Die Onlinebestellungen der meisten Produktgruppen legten mindestens leicht, meistens stark zu.

Mit positiven Folgen: Onlinehändler Digitec Galaxus hat bereits im März und April aufgrund des hohen Bestellvolumens rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Logistik eingestellt. Diese Woche vermeldete die Migros-Tochter, dass der Personalbestand nochmals um 250 Angestellte aufgestockt werde – davon seien 120 Stellen bereits besetzt. Der Onlinehändler will insbesondere für den Black Friday, den Cyber Monday und das Weihnachtsgeschäft gerüstet sein.

Eine Übersicht zu Unternehmen, die Stellen geschaffen haben:

Brack peilt Milliardenumsatz an

Auch die Konkurrenz schläft nicht. Onlinehändler Brack mit Sitz in Mägenwil AG und Willisau LU hat in diesem Jahr kräftig ausgebaut. Seit Jahresbeginn hat das Unternehmen nachhaltig 100 neue Stellen geschaffen. Dies dank eines Umsatzsprungs. Brack sei auf gutem Weg, den Jahresumsatz von 2019 (811 Millionen Franken) «deutlich» zu übertreffen. Ob das Unternehmen bereits in diesem Jahr die Umsatzgrenze von einer Milliarde Franken knackt?

Im Elektronikbereich konnte auch Fust zulegen. Die Umsatzzahlen entwickelten sich «stark überdurchschnittlich». Seit Jahresbeginn hat das Unternehmen, das rund 1900 Angestellte zählt, 30 neue Stellen geschaffen. Bei Ex Libris wurden die Teams in der Logistik und im Kundendienst um je 25 Prozent aufgestockt. Fürs Weihnachtsgeschäft rechnet die Migros-Tochter nochmals mit einem Aufbau. Wieviele Stellen es effektiv sind, kommuniziert das Unternehmen, das insgesamt gut 180 Angestellte hat, nicht.

Leshop: Verzehnfachung der Bestellungen

Bei der Migros waren die grossen Wachstumstreiber Leshop und Digitec Galaxus. Diese Bereiche werden laufend ausgebaut. Besonders im Nonfood-Segment wuchs der Onlinehandel bei der Migros stark. «Wir verzeichnen eine Verzehnfachung der Bestellungen», sagt eine Sprecherin. Wie viele Stellen neu geschaffen worden sind, gibt der Detailhändler nicht bekannt. Das starke Wachstum habe aber einen starken Einfluss auf die Zahl der Angestellten. Ähnlich karg gibt Coop Auskunft zum boomenden Geschäft. Coop.ch habe neue Stellen geschaffen. In den Bereichen Transport und Logistik nahm die Zahl der Mitarbeitenden um rund ein Fünftel zu. Wie viele das in absoluten Zahlen sind, gibt Coop nicht bekannt.

Auch der Versandhändler Lehner mit Sitz in Schenkon LU hat im laufenden Coronajahr starkes Wachstum erlebt. Im ersten Halbjahr legte der Umsatz um 45 Prozent zu – allein im zweiten Quartal kam es zu einem Umsatzplus von 83 Prozent. Firmenchef Thomas Meier illustriert das Wachstum mit ein paar Zahlen: In der Zeit von Januar bis August konnte Lehner 118'000 Neukunden gewinnen – im Vorjahr waren es in dieser Zeit 30’000 gewesen. «Unser Callcenter ist auf 1000 Telefonanrufe pro Tag ausgelegt. In Spitzenzeiten hatten wir jedoch bis zu 6'300 Telefonversuche. Das hat zum Zusammenbruch unserer Zentrale geführt». Unter dem Strich konnte Lehner seit Jahresbeginn 39 neue Stellen schaffen. Dies vor allem in den Bereichen Kommission, Packerei und Retourenabteilung. Auch für 2021 geht Meier von einem Wachstum aus. Der Marktführer im Bereich Bettwäsche baut in Schenkon ein neues Hochregallager.

Fleurop steigert den Umsatz während des Lockdowns um 128 Prozent

Nicht nur Bettwäsche, auch Blumen waren gefragt. Der Online-Blumenladen Fleurop erfreute sich im Frühjahr grosser Beliebtheit. Während Blumenläden und Gartencenter geschlossen hatten, konnte Fleurop Umsatz bolzen. Gemäss Jörg Beer, Chef von Fleruop Schweiz, erhöhte sich während des Lockdowns vom 17. März bis am 10. Mai der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 128 Prozent. Um die Mehrarbeiten in der Versandlogistik und im Kundendienst abzufedern, wurden 20 Temporärkräfte eingestellt. Das erste Halbjahr schloss der Blumenhändler mit einem Umsatzplus von 46 Prozent ab.

Neben Blumen wurde auch viel Kaffee getrunken. Nespresso büsste zwar beim Umsatz in den Kaffeeboutiquen ein, verzeichnete dank dem Onlinekanal im ersten Halbjahr jedoch einen Umsatzzuwachs im einstelligen Prozentbereich. Nespresso kündigte im Juli an, 160 Millionen Franken in den Produktionsstandort Romont FR zu investieren. Dort sollen in den nächsten Jahren bis zu 300 neue Stellen geschaffen werden.

Ebenfalls zugelegt hat zur Rose. Der Medikamentenversandhändler konnte im ersten Halbjahr den Umsatz um 5 Prozent auf 810 Millionen Franken steigern. Seit Jahresbeginn zählt das Unternehmen 12 neue Vollzeitstellen.

Sex sells - auch online

Vom Onlineboom profitiert hat auch Amorana. Der Online-Sexshop konnte seinen Umsatz im ersten Semester verdoppeln. Insgesamt kamen beim 34-köpfigen Team acht neue Stellen seit Jahresbeginn hinzu. Mehrere Stellen sind noch ausgeschrieben. Bis Ende 2021 soll das Unternehmen gemäss Co-Gründer Alan Frei nochmals rund 40 neue Stellen schaffen.

Die Credit Suisse rechnet, dass der Onlinehandel in diesem Jahr um 30 Prozent zulegen wird. Die Grossbank beziffert den Umsatz sämtlicher Schweizer Onlineshops auf 13 Milliarden Franken. Geht das Wachstum nun unvermindert weiter? Thomas Lang vom Beratungsunternehmen Carpathia rechnet damit. «Das Jahr 2020 hat der Entwicklung zwei bis drei Jahre vorweggenommen», schreibt der E-Commerce-Experte auf seinem Blog. Er geht davon aus, dass der Onlinehandel auf deutlich höherem Wachstum weiterlaufe – unklar sei einzig, ob das Wachstum linear oder exponentiell sein werde.

Paketdienstleister müssen auf Onlineboom reagieren

Für die Logistiker ist dieses Wachstum eine grosse Herausforderung. Im April dieses Jahres musste die Schweizerische Post gar Kontingente für die grössten Versandhändler einführen. Sie konnte schlicht das hohe Paketvolumen nicht mehr bewältigen. Ab März wuchs das Paketvolumen täglich und fast explosionsartig. Die Paketmengen erreichten ein Ausmass wie sonst an Weihnachten. Der April brachte der Post mit durchschnittlich 850'000 Paketen pro Tag den Monatsrekord in ihrer 170-jährigen Geschichte. Im April hat die Post über 17 Millionen Pakete verarbeitet und in die Haushalte gebracht. Um dieses Volumen absorbieren zu können, wurden mehr Leute eingestellt. Bei Post Logistics erhöhte sich die Zahl der Angestellten gemäss Halbjahresbericht um 218 Personen auf 5749 Personaleinheiten.

Auch andere Logistiker haben ihr Geschäft stark ausbauen können. Etwa der private Paketdienstleister Quickpac. Das Paketvolumen von Quickpac, der ausschliesslich auf Elektrofahrzeuge setzt, hat sich im ersten Halbjahr 2020 gegenüber Vorjahr von 400'000 auf 800'000 Paketen verdoppelt. «Über die Vorweihnachtszeit - mehrheitlich konzentriert auf den November mit Black Friday und Cyber Monday - erwarten wir eine Zunahme von über 40 Prozent des Volumens gegenüber den Vormonaten», sagt eine Firmensprecherin. Um die erforderlichen Kapazitäten bereitzustellen, nehme das Unternehmen im Herbst 75 neue Elektroautos in Betrieb. Doch auch die Anzahl Zusteller habe sich verdoppelt: Umgerechnet auf Vollzeitstellen waren per Jahresbeginn 62 Personen angestellt, am 1. Juli waren es 128. Und das Wachstum gehe weiter: Bis Ende Jahr ist mit der Eröffnung des neuen Depots in Dietikon die Schaffung von hundert neuen Arbeitsplätzen geplant.

Autor

Roman Schenkel

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