Qualifizierte Heimarbeit war jahrelang eine Utopie. Arbeit und Familie, so die gängige Vorstellung, liessen sich dadurch leichter kombinieren. Mit der Verbreitung von PCs und schnellen Datenleitungen wurde dies Realität. Inzwischen macht ein kleiner, aber nennenswerter Prozentsatz der Beschäftigten in der Schweiz mindestens ein paar Stunden Heimarbeit bzw. «Home Office» pro Woche.

In Deutschland ist der Trend jedoch gekippt, wie eine diese Woche veröffentlichte Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ergab: Quer durch alle Berufsgruppen und Qualifikationsniveaus ist der Anteil der von zu Hause aus Arbeitenden gesunken.

Es braucht Vertrauen

Vor allem Hochqualifizierte arbeiten von zu Hause aus. Und es sind vor allem Männer, die Home Office machen. «Die Entwicklung bleibt hinter den Prognosen zurück», sagt Jens Meissner, Professor für Organisation, Innovation & Risk Management an der Hochschule Luzern. «Denn Home Office passt sehr gut zu einem Typus der arbeitenden Menschen, der schon immer mobil war, wissensorientiert arbeitet und Managementfunktionen hat.»

Wenn Home-Office-Arbeitsmodelle in Firmen vorgestellt würden, sei das Top-Management in der Regel auch sofort angetan. «Aber die Begeisterung schwindet schon beim mittleren Management und beim unteren ist es kaum noch vorhanden», so Meissner weiter. «Denn Home Office erfordert von allen Beteiligten Vertrauen.»

«Wir sehen ähnliche Verhältnisse auch bei unserer Online-Umfrage in der Schweiz», sagt Hartmut Schulze, Leiter des Instituts für Kooperationsforschung und -entwicklung an der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW in Olten. Die meisten Menschen, die von zu Hause aus arbeiten, würden das maximal bis zu ein bis zwei Tagen pro Woche machen – oft am Freitag. «Viel mehr mag kaum jemand von zu Hause aus arbeiten», sagt Schulze weiter. «Home Office wird im Wechsel mit der Arbeit im Stammhausbüro oder beim Kunden gemacht, und selbst die, die gerne zu Hause arbeiten, möchten nach durchschnittlich zwei Tagen wieder einmal unter Kollegen sein.»

Es braucht Kontakte zu Kollegen

Denn es fehlten die beruflichen Kontakte, die es nur im Büro gibt. «Da trifft man sich, tauscht Neuigkeiten aus und das schafft auch Zusammenhalt», beschreibt Schulze die meist positiv empfundenen Nebeneffekte der Präsenz am Arbeitsplatz. Bei der Online-Umfrage von 2012 stellte das Forschungsteam um Schulze einen höheren Männeranteil bei Home Office fest.

Home Office ist offensichtlich gerade für Beschäftigte mit höherem Anstellungsgrad attraktiv. «Frauen arbeiten in der Schweiz öfter Teilzeit, und wenn man so arbeitet und beispielsweise Kinder betreut, schätzt man es sehr, wenn man zwischendurch wieder die Kollegen sieht», so Schulze.

Nicht nebenher möglich

Für Home-Office-Arbeit ist es nötig, sich ein Umfeld zu schaffen, das ruhiges, ungestörtes Arbeiten ermöglicht. «Das lässt sich – entgegen vielen Vorurteilen – nicht mit der intensiven Pflege von Menschen oder der Kinderbetreuung kombinieren», sagt Schulze. «Wenn man als Vater oder Mutter im Home Office arbeiten möchte, ist es wichtig, die Kinder in die Betreuung zu bringen, damit man bis zum Mittagessen zwei bis drei Stunden ungestört konzentriert arbeiten kann.» Dafür ist man dann dichter bei der Familie, der Arbeitsweg entfällt ebenfalls.

«Qualifikation und Berufserfahrung bringen fast automatisch eine Arbeit mit höheren Freiheitsgraden bei der Gestaltung mit sich», erklärt Schulze die Tatsache, dass vor allem Hochqualifizierte von zu Hause aus arbeiten. «Home Office ist bei bestimmten Tätigkeiten mit höheren Präsenzanforderungen am Arbeitsplatz viel schwerer einzurichten.»

In einer gerade ausgewerteten Studie stellte Schulze auch fest, dass Firmen mit Leitlinien für flexible und mobile Arbeit auch Home Office entscheidend fördern könnten. «Firmen, die schon seit längerem Erfahrungen mit Home Office gemacht haben, tendieren offensichtlich zu weitmaschigeren Leitlinien und lassen mehr Spielräume als solche, die erst am Anfang stehen», beobachtete das Forschungsteam.