Hennie Verbeek-Kusters steht seit zehn Jahren an der Spitze der niederländischen Anti-Geldwäschebehörde. Sie leitet ein Team mit 57 Mitarbeitern und einem jährlichen Budget von 5,3 Millionen Euro. Zu ihren grossen Anliegen gehört die Förderung der internationalen Kooperation unter den Geldwäsche-Behörden. «Zusammenarbeit ist die Essenz», sagt die gelernte Polizistin. 2017 übernahm sie die zweijährige Präsidentschaft der Egmont Grupp. In diesem losen Verbund tauschen die angeschlossenen «Financial Intelligence»-Stellen aus 156 Ländern Wissen und Erfahrung aus.

Frau Verbeek-Kusters, Sie tauschen Ihre Erfahrungen als Präsidentin der Egmont-Gruppe mit anderen Behörden weltweit aus. Wird Geld in Amerika, Europa, Afrika und Asien immer gleich gewaschen?

Hennie Verbeek-Kusters: Jedes Finanzsystem ist in der Welt auf seine eigene Weise dem Risiko ausgesetzt, für die Zwecke der Geldwäsche missbraucht zu werden. Die Geldwäscher wissen, wie sie aus den unterschiedlichen Systemen Nutzen ziehen können. Das ist auch ein Grund, weshalb kriminelle Gelder bisweilen über grosses Distanzen hinweg verschoben werden. Letztlich geht es immer darum vorzutäuschen, dass kriminelles Geld aus einer legalen Quelle stammt und dass es rechtmässig ausgegeben oder transferiert wird.

Über die estnische Filiale der Danske Bank könnten kriminelle Gelder von bis zu 200 Milliarden Euro gewaschen worden sein. Ist das der Eisberg oder nur seine Spitze?

Die Summe der gewaschenen Gelder ist per Definition eine Dunkelziffer. Ohne hier meine eigene Schätzung abgeben zu wollen, sollten Sie einfach bedenken, dass die meisten kriminellen Handlungen finanziell motiviert sind und einige Verbrechen sind einfach Big Business. Kürzlich wurde in den Niederlanden ein Bericht publiziert, nach dem die Herstellung und der Verkauf synthetischer Drogen in den Niederlanden jährlich einen Umsatz von mindestens 18 Milliarden Euro generiert. Man weiss auch, dass im weltweiten Menschenhandel jährlich ungefähr 150 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Wir reden also nicht über kleine Zahlen. Das zeigt, dass wir mit unserer Arbeit nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben.

Der Danske-Fall bestärkt Kritiker, die das Anti-Geldwäsche-Dispositiv vieler Banken für nicht mehr zeitgemäss halten. Aufschlussreicher als die Identität einzelner Kontoinhaber seien die Muster verdächtiger Geldflüsse. Wie stellen Sie sich zu dieser Position?

Ich kann das bisherige Danske-System nicht kommentieren. Aber unabhängig von jeder Kritik bleibt es wichtig, dass die Banken ihre Kundenlisten laufend nach Namen bekannter Krimineller und ihrer Helfer durchforsten. Allerdings weiss man auch von den grössten Geldwäsche-Systemen, die bisher offengelegt und untersucht werden konnten, dass es in diesen keine direkten Bezüge zu den Namen bekannter Krimineller gab. Die Systeme waren ohne direkte und sichtbare Bezüge zu diesen Kreisen aufgebaut. Die Personen konnten allein durch die Überwachung der Geldflüsse, hauptsächlich der grenzüberschreitenden Geldflüsse und durch die Offenlegung ungewöhnlicher Zahlungsmuster, identifiziert werden. Solche Analysen der Geldströme haben sich als sehr wirkungsvoll erwiesen. Sie sind aber auch aufwendig und brauchen viele Ressourcen.

Die lettische Grossbank ABLV wurde von der US-Anti-Geldwäschebehörde im Januar als Gefahr für die Integrität des internationalen Bankensystems an den Pranger gestellt. Kurz darauf wurde die Bank abgewickelt. Ist der Geldwäsche-Pranger heutzutage das Todesurteil für eine Bank?

Negative Publizität solcher Art wirkt sich in zweifacher Weise aus: Einerseits kann sie dazu führen, dass Kunden die Bankbeziehung beenden, weil sie mit Blick auf potenziell hohe Strafen gegen die Banken ihre Guthaben in Sicherheit wähnen wollen. Anderseits kann es für die Bank schwieriger werden, von anderen Instituten weiterhin als Korrespondenzbank akzeptiert zu werden. Das hat mit den Risikovermeidungsstrategien der Banken zu tun. Vertrauen ist essenziell für die Banken.

Hinterlassen Kryptowährungen keinerlei Spuren im Finanzsystem oder gibt es trotz allem Fährten, die sich verfolgen lassen?

Die uns vorliegenden Berichte zeigen in verschiedenen Fällen, wie Kryptoguthaben an bestimmten Zeitpunkten immer wieder in reguläres Geld umgetauscht und die gelösten Summen in das regulierte Finanzsystem zurückgeführt werden. An diesen Zeitpunkten können die Banken und Finanzgesellschaften ungewöhnliche Transaktionen an die Anti-Geldwäschebehörde melden. Wir konnten solche Transaktionen schon in verschiedenen Fällen analysieren und die zugrunde liegenden kriminellen Aktivitäten aufdecken.

Gibt es neue regulatorische Vorgaben für den Kryptobereich?

Ja. Nach der Implementierung der fünften EU-Anti-Geldwäsche-Direktive werden auch die Wallet Provider (treuhänderische Depotstellen für Kryptowährungen Anm. d. Red.) und die Crypto Currency Exchange Offices (Betreiber von Handelsplattformen, Anm. d. Red.) ungewöhnliche Transaktionen melden müssen. Das ist ein wichtiges neues Instrument, das nötig ist, um das bestehende Meldesystem zu ergänzen.