Die 4000 Stellen, die im Zuge einer möglichen Übernahme von Alstom durch General Electric (GE) in Baden wegfallen könnten, sei «die dümmste Zahl, die ich in den letzten Tagen in den Medien gelesen hatte», sagte Philippe Cochet, Chef des Geschäftsbereichs Themal Power, vor den Medien in Zürich.

«Der Übernahme liegt eine industrielle Logik zugrunde: General Electric will durch den Kauf der Kraftwerksbereiche von Alstom in einer Region und in einem Markt weiter wachsen, wo der Konzern bisher kaum oder zu wenig vertreten ist.»

Befürchtungen um einen grossen Kahlschlag im Zuge einer Übernahme durch die Amerikaner versuchte er zu zerstreuen: «Wir haben in der Schweiz 2000 Angestellte im Service-Geschäft, wir haben im Bereich Gasturbinen 1300 Angestellte und im Bereich Dampfturbinen 400 Angestellte - die haben mit einer möglichen Verlegung des Hauptquartiers nach Belfort in Frankreich nichts zu tun.»

Allenfalls «einige wenige Hundert Stellen» könnten verlegt werden, wenn General-Electric-CEO Jeffrey Immelt die Zusagen, die er vergangene Woche der französischen Regierung schriftlich gemacht hatte, auch tatsächlich einhält.

Deiss kommt erst später zum Zug

Ob am Ende des Tages der Kaufpreis oder die französische Wirtschaftspolitik entscheidend sein würden, mochte Cochet nicht beantworten. «Alstom und General Electric sind Privatfirmen - es ist die Aufgabe des Verwaltungsrats, bis Anfang Juni die Angebote zu vergleichen und zu prüfen - um dann den Vorschlag für die Aktionäre zu formulieren.»

Es sei normal, dass bei einem so grossen französischen Konzern auch die Politik wichtig sei. Cochet verwies auf die grosse installierte Basis im Kraftwerkbereich. Die Hälfte der Neuaufträge kommt von bestehenden Kunden. Das damit verbundene Service-Geschäft sei zudem sehr attraktiv, denn Kraftwerke haben Lebensdauern von 50 und mehr Jahren. «Und man braucht dafür die Angestellten, die diese Arbeiten machen können», so Cochet weiter. «Denn wir haben die Fähigkeit, ganze Anlagen zu liefern - General Electric kann das nicht.»

Da kämen die Equipen aus Baden zum Zuge. Und auch Joseph Deiss, ex-Bundesrat und seit zwei Jahren Verwaltungsratspräsident von Alstom in der Schweiz. Bei den Gesprächen mit einem Käufer - ob der aus den USA oder Deutschland kommt - hat er nichts zu sagen. «Die Entscheidungen werden in Paris getroffen. Es gehört aber zu meinen Aufgaben, Alstom in der Schweiz zu fördern - und dazu zählt auch, die Position von Alstom in der Schweiz einem Käufer nach der Übernahme so detailliert zu schildern, dass der Standort möglichst erhalten werden kann.»

Die Beziehungen zur schweizerischen Politik in Sachen Alstom und Verteidigung des Standorts Schweiz seien «gut». «Wir haben viel Verständnis für unsere Situation in Bern.» Es sei, so Deiss, «kaum zu erwarten, dass ein Käufer die 4000 Stellen einfach so transferieren kann». Solange aber kein Entscheid gefällt sei, könne man sich zur Sache auch nicht äussern.

Der Standort Schweiz habe aber viele Vorteile, wie hohe Effizienz, hohen Ausbildungsstand und gute Hochschulen. «Wenn wir Fachleute aus dem Ausland rekrutieren, und wir sagen, der Arbeitsort ist die Region Baden-Zürich, haben wir keine Probleme», ergänzte Deiss. «Das wäre anders, wenn es im Stellen in anderen Regionen geht.»

Aufteilung in Sicht

So oder so - Alstom wird in der heutigen Form als Kombination von Energie- und Transportgeschäft nicht weiter bestehen. Alstom hatte bereits vor den Gesprächen mit GE versucht, eine Lösung für das Transportgeschäft zu finden, erklärte Cochet. Der schweizerische Sitz in Neuhausen am Rheinfall mit seinen 120 Angestellten gilt als eigentliches Juwel. Denn dort werden auf Prüfständen Fahrgestelle ausgiebig getestet.

Andere Hersteller müssten die 1,2 Millionen Testkilometer, die für eine Zulassung von Hochgeschwindigkeitszügen erforderlich sind, auf richtigen Strecken fahren. Dieser Standort ist kaum verlegbar. «Denn das Wissen unserer Firma steckt in den Köpfen unserer Experten», sagte der für den Standort verantwortliche Alstom-Chef Herman Van-der-Linden.

Auch das Energiegeschäft könnte aufgeteilt werden: Toshiba, ein grosser japanischer Konzern, interessiert sich für die Ausrüstung für Stromnetze, wie sie von Alstom auch in Oberentfelden hergestellt werden. Und gemäss französischen Presseberichten will die französische Regierung auch das Windenergiegeschäft von Alstom dem französischen Atomkraftwerkhersteller Areva übertragen.

Auch das betrifft die Schweiz: Alstom verhandelt derzeit mit Strom Wasser Grenchen AG über eine Grossauftrag für die Lieferung von sechs Windturbinen für den Windpark Grenchenberg.