Steuerstreit

Historiker: «Steinbrücks Eindreschen hat mit der Geschichte zu tun»

Ähnliche Worte gegenüber Holland oder Tschechien wären ein politischer Skandal.

Ähnliche Worte gegenüber Holland oder Tschechien wären ein politischer Skandal.

Wäre die Schweiz im Zweiten Weltkrieg besetzt worden, könnte sich Peer Steinbrück nicht so weit aus dem Fenster lehnen, sagt der Historiker Bernd Haunfelder.

Der deutsche Historiker Bernd Haunfelder nimmt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wegen dessen permanenter Kritik am Schweizer Finanzplatz ins Visier. «Die Äusserungen Steinbrücks sind anmassend», sagte Haunfelder anlässlich der Vernissage seines Buches über die Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland in den 1950er- und 1960er-Jahren. Steinbrücks Eindreschen auf das Nachbarland habe mit der Geschichte zu tun, sagte der Historiker im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». «Die Schweiz wurde von den Nationalsozialisten nicht besetzt. Darum können es sich deutsche Politiker heute leisten, herablassende Töne anzuschlagen.»

Würde Steinbrück ähnliche Worte gegenüber Holland oder Tschechien wählen, wäre das ein politischer Skandal. Der Kanzlerkandidat und der Historiker kennen sich persönlich. Haunfelder hatte vor ein paar Jahren im Auftrag des damaligen Ministerpräsidenten Peer Steinbrück ein Buch über das Bundesland Nordrhein-Westfalen geschrieben.

«Aus Adenauers Nähe», wie Haunfelders neustes Buch heisst, thematisiert die schweizerisch-deutschen Beziehungen anhand der Korrespondenz der Schweizer Botschaft in Bonn. Das Fazit: Die Beziehungen waren im Gegensatz zu heute exzellent. «Der Schweizer Botschafter Albert Huber gehörte zu den intimsten Freunden des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der eher ein unnahbarer Typ war», sagte Haunfelder.

Komplitzenschaft

Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten waren bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg speziell, sagte der an der Vernissage ebenfalls anwesende Schweizer Historiker Sacha Zala. Die Schweiz sei das einzige Land gewesen, das die Souveränität der Alliierten auf deutschem Territorium nicht anerkannt habe. «Für den Bundesrat war klar, dass Deutschland früher oder später wieder existieren wird», sagte Zala. Weil Deutschland für die Schweiz und deren Finanzplatz von herausragender Bedeutung war, habe sich Bern sehr konziliant verhalten.

Für den Historiker ist auch das ein Grund, warum sich deutsche Politiker heute gegenüber der Schweiz kaum zurückhalten: «Zwischen der Schweiz und Deutschland besteht schon lange eine Komplizenschaft.»

«Aus Adenauers Nähe» ist im Rahmen einer Publikationsreihe der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (DDS) erschienen, in der wissenschaftliche Veröffentlichungen in digitaler Form erhältlich sind. Die Reihe ist dem Open-Source-Prinzip verpflichtet und auf der Website www.dodis.ch abrufbar.

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