Interview

Herr Narasimhan, warum hat Novartis im Kampf gegen Corona weniger zu bieten als Roche?

Novartis-Chef Vas Narsimhan zeigt sich beeindruckt, wie gut die Schweiz die Coronakrise meistert.

Novartis-Chef Vas Narsimhan zeigt sich beeindruckt, wie gut die Schweiz die Coronakrise meistert.

Novartis-Konzernchef Vas Narasimhan verteidigt sich. Der Pharmakonzern gehöre zu den wenigen Firmen, die bei allen grossen Forschungsanstrengungen der Branche dabei sind.

Seit knapp zweieinhalb Jahren lenkt Vas Narasimhan die Geschicke des Basler Pharmakonzerns Novartis. Nun leitet er das Unternehmen von zu Hause aus, konkret aus dem Schlafzimmer seines Sohnes, wo er sein temporäres Büro eingerichtet hat. Das Interview findet via Videokonferenz von Homeoffice zu Homeoffice statt.

Sie meditieren bekanntlich fast täglich, machen pro Tag eine Stunde Sport. Haben Sie jetzt im Homeoffice noch mehr Zeit dafür?

Vas Narasimhan: Ja, das ist so, da ich nicht mehr jeden Tag ins Büro gehe, kann ich so mehr für meine Gesundheit tun.

Sie haben zwei Kinder, die nun ebenfalls zwei Monate zu Hause waren. Wie haben Sie sich in der Familie organisiert?

Wir mussten uns anfangs etwas anpassen, um uns auf das Homeschooling einzustellen. Wir haben zwei Buben, 10- und 12-jährig, die nun beide online ihren Unterricht absolvieren. Morgens sprechen sich meine Frau und ich ab, wer welchem Kind wann hilft. Ich selbst arbeite im Schlafzimmer meines Sohnes. Eine der Söhne ist nebenan, der zweite im unteren Stock. Meine Frau und ich achten darauf, dass die beiden ihre Aufgaben erledigen.

Was haben Sie für Erfahrungen mit dem Homeschooling gemacht?

Sie sind durchwegs positiv. Es ist faszinierend zu sehen, wie beide Kinder nun Apps wie Microsoft Teams oder Zoom verwenden. Ein grosser Vorteil des Homeschooling ist, dass Kinder nun viel früher den Umgang mit solchen Technologien lernen. Meine Kinder, die an die Swiss International School in Basel gehen, haben das sehr schnell gelernt. Für das Bildungswesen bedeutet Homeschooling sicher eine Umstellung. Es ist wichtig, dass es eine Balance gibt zwischen dem persönlichen Austausch der Lehrer und Schüler sowie dem Online-Unterricht.

Freuen Sie sich, dass ihre Kinder am Montag nun wieder zur Schule gehen?

Es war grossartig, so viel Zeit mit den Kindern zu haben. Das gilt gerade für mich selbst, da ich ja normalerweise sehr viel auf Reisen bin. In den letzten zehn Jahren gab es nie eine Phase, in der ich während zweieinhalb Monate nicht gereist bin. Wir haben in den vergangenen Wochen viel unternommen, auch rund ums Haus, oder waren gemeinsam joggen. Nun wird es uns allen auch guttun, wenn wir wieder etwas mehr Zeit für uns selbst haben, sowohl für uns Eltern als auch für die Kinder.

Wann waren Sie das letzte Mal im Büro?

In den letzten zwei Monaten war ich nur ein einziges Mal im Büro, als wir die Ergebnisse des ersten Quartals präsentierten.

Vas Narasimhan bedankt sich per Video bei den "Helden des Gesundheitswesens". Quelle: Linkedin

Sie haben angekündigt, dass die Aussendienstmitarbeiter ab nächster Woche wieder ins Büro zurückkehren dürfen. Wann kehren die übrigen Mitarbeiter zurück?

Ab nächsten Montag können unsere Mitarbeitenden wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, wenn sie das wollen und es die Situation vor Ort erlaubt. Das ist freiwillig. Wir wollen jedoch weiterhin, dass weltweit nicht mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter ins Büro zurückkehren. Wir möchten unseren Mitarbeitern möglichst viel Flexibilität einräumen. Zudem haben wir angekündigt, dass wir wegen des Coronavirus keine Entlassungen vornehmen.

Es gibt also kein fixes Datum, wann alle wieder ins Büro gehen?

Nein. Ich denke aber ohnehin, dass wir künftig stärker darauf achten werden, wann es sinnvoll ist im Büro oder von zu Hause aus zu arbeiten. Dank der Pandemie haben wir gelernt, dass wir hier künftig viel flexibler agieren können. Derzeit arbeiten rund 90000 Mitarbeiter virtuell mit Microsoft Teams zusammen. Die meisten Mitarbeitenden haben die technischen Möglichkeiten, um von zu Hause zu arbeiten. Ausgenommen sind die Angestellten in der Produktion und in den Labors.

Sie sagen, es gebe keine Entlassungen währen der Coronakrise. Aber die bereits zuvor bestehenden Abbaupläne laufen weiter?

Im Rahmen der laufenden Restrukturierungen haben wir bis im Mai keine neuen Kündigungen ausgesprochen. Nun fahren wir mit den ursprünglichen Plänen weiter, natürlich angepasst an die Pandemie-Situation in jedem einzelnen Land. In der Schweiz sind wir im Moment daran, die nächsten Schritte konkret zu definieren.

Welche Lehren ziehen Sie bislang aus der Coronakrise für die Arbeitswelt bei Novartis?

Wir sehen nun noch stärker die Vorteile der Digitalisierung, nicht nur was den Austausch innerhalb von Novartis betrifft. Unsere gesamte Verkaufsmannschaft nimmt nun über digitale Kanäle Kontakt mit Kunden, Ärzten oder Patienten auf. In China etwa konnten wir so Millionen von Ärzten und Patienten erreichen, das Gleiche machen wir nun auch in Europa und den USA.

Und darüber hinaus?

Ein grosses Thema werden auch die Geschäftsreisen sein. Wir werden uns künftig stärker überlegen, ob eine Reise wirklich nötig ist oder nicht. Ich denke, hier wird ein grosses Umdenken stattfinden.

Einige Kritiker sagen, Novartis habe im Kampf gegen das Coronavirus relativ wenig zu bieten, etwa im Vergleich zu anderen Firmen, die Impfstoffe herstellen oder Tests anbieten wie Roche. Was sagen Sie dazu?

Ich finde unsere Antwort auf die Krise sowohl im Umfang als auch in der Breite beeindruckend. So gehören wir zu den wenigen Firmen, die bei allen drei grossen Forschungsanstrengungen mitmachen, die über die ganze Branche hinweg reichen und nach neuen Wirkstoffen suchen. So leite ich etwa als Co-Vorsitzender die Forschungsallianz mehrere Pharmakonzerne, die von der Bill&Melinda Gates Stiftung angestossen wurde. Daneben machen wir bei anderen Kooperationen mit, etwa einem Projekt namens Active, bei dem das nationale Gesundheitsinstitut des US-Gesundheitsministerium federführend ist.

Normalerweise dauert es viele Jahre, um einen neuen Wirkstoff zu erforschen und auf den Markt zu bringen. Bleibt das so?

Wir müssen hier bescheiden bleiben. In der Regel dauert die Entwicklung eines Medikaments rund zehn Jahre. Ich hoffe, dass wir am Ende des Sommers erste Wirkstoffkandidaten finden können. Wenn wir Glück haben, stellen sich einige davon als wirksam heraus. Realistischerweise wird es einige Unbekannte geben, bis wir über erste klinische Daten verfügen.

Mit Tests und Impfstoffen kann Novartis jedoch nicht aufwarten.

Das ist richtig. Wir fokussieren uns darauf, drei unserer bestehenden Wirkstoffe im Einsatz gegen das Coronavirus zu untersuchen. Novartis unterstützt 25 klinische Studien, die von Forschern angestossen werden. Zudem haben wir selbst drei zulassungsrelevante Studien in den USA gestartet. Oft wird zudem vergessen, dass unsere Tochter Sandoz der zweitgrösste Hersteller von Generika ist. Dadurch haben wir weltweit Medikamente geliefert, die bei der Behandlung von Corona-Patienten eine wichtige Rolle spielen.

Im Jahr 2009 waren Sie bei Novartis zuständig für die Entwicklung und Herstellung eines Impfstoffs gegen die Schweingrippe. Inzwischen hat Novartis das Impfstoffgeschäft aus wirtschaftlichen Überlegungen verkauft. Bedauern Sie es auf einer emotionalen Ebene, nicht mehr im Impfstoffgeschäft tätig zu sein?

Nein, überhaupt nicht. Das Impfstoffgeschäft erreichte nie die Grösse, um im weltweiten Wettbewerb bestehen zu können. Der Verkauf an den britischen Pharmakonzern GSK war deshalb sinnvoll. Vergessen Sie nicht, dass wir mit der Generikatochter Sandoz der grösste Hersteller von Antibiotika sind.

Sie haben die klinischen Studien erwähnt, die sie mit ihren bestehenden Medikamenten gestartet haben. Die grössten Hoffnungen ruhen auf dem Medikament Hydroxychloroquin. Wie rasch können Sie die Produktion hochfahren, sollte sich das Mittel als erfolgreich erweisen?

Wir können die Produktion weiter hochfahren und haben uns entsprechend vorbereitet. Nun geht es darum, mit klinischen Studien den echten Nutzen von Hydroxychloroquin zu ermitteln. Was sie derzeit über das Medikament lesen können, stammt aus Studien, welche ich nicht zu denjenigen mit den höchsten Standards – quasi dem Gold-Standard -der klinischen Forschung zählen würde. Inzwischen haben wir 130 Millionen Dosen des Mittels gespendet, die nun an 25 Länder verteilt wurden.

Während noch nicht klar ist, ob das Medikament wirkt, hat US-Präsident Donald Trump empfohlen, das Mittel einzusetzen und damit eine Kontroverse ausgelöst. Bedauern Sie seine Aussagen?

Unser Fokus als Pharmaunternehmen liegt darauf, wirklich verlässliche Daten zum Nutzen des Medikaments zu liefern. Wir haben uns deshalb mit der US-Gesundheitsbehörde FDA über die Eckwerte der klinischen Studie geeinigt.

Gleichzeitig warnen die FDA und andere Behörden über lebensbedrohliche Nebenwirkungen des Mittels wie Herzrhythmusstörungen.

Wir haben uns mit dem US-Gesundheitsministerium geeinigt, dass das Medikament nur in Notfällen und nur in Spitälern zum Einsatz kommen soll. So können die Nebenwirkungen besser kontrolliert werden. Das Medikament wird seit den 1940er-Jahren gegen Malaria eingesetzt und später auch gegen Autoimmunerkrankungen. Die Wirkung des Medikaments ist deshalb sehr gut bekannt.

Wann rechnen Sie mit Resultaten der erwähnten klinischen Studie?

Wir gehen davon aus, dass wir im Juli die Resultate vorlegen können. Das gilt auch für die beiden anderen Medikamente, Illaris und Jakavi, die wir ebenfalls zur Bekämpfung des Coronavirus testen.

Welche Rolle spielen die von Ihnen erwähnten Mittel Illaris und Jakavi?

Patienten, die sehr schwer an Covid-19 erkranken, leiden an einer Überreaktion des Immunsystems. In diesen Fällen könnten die beiden Medikamente eventuell die Immunantwort des Körpers auf das Virus reduzieren. Denn sonst drohen sich die Lungen der Patienten mit Flüssigkeit zu füllen, was zum Tod führen kann.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass bestehende Medikamente gegen das Coronavirus erfolgreich sein werden?

So wie sich das Virus exponentiell verbreitet hat, wird in den nächsten Monaten auch das Wissen über das Virus genauso zunehmen. Die Pharmaindustrie als Ganzes führt derzeit rund 600 klinische Studien, die Medikamente gegen Covid-19 testen. Die Resultate viele dieser Studien werden im Sommer bekannt. Ich glaube, wir werden verschiedene Therapieansätze finden, um so die Krankheit besser behandeln zu können. Allenfalls lassen sich auch verschiedene Medikamente kombinieren, die alleine nur eine kleinere Wirkung zeigen. Ich bin zuversichtlich, dass wir an einen Punkt kommen, an dem die Gesellschaft lernt mit dem Virus zu leben und die Zahl der Todesfälle zu reduzieren – bis wir dann einen Impfstoff finden.

Wie lange wird es dauern, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht?

Ich weiss es nicht. Normalerweise dauert es zehn bis zwölf Jahre, um einen neuen Impfstoff zu entwickeln. In diesem Fall hilft uns, dass wir viel über Coronaviren wissen. Wir werden deutlich mehr wissen, wenn im Sommer die ersten Resultate der klinischen Studien veröffentlicht werden. Es ist eindrücklich, wie viele verschiedene Technologien eingesetzt werden, um einen Impfstoff zu entwickeln.

Viele Länder lockern nun die Massnahmen, die sie nach dem Ausbruch der Pandemie ergriffen haben, auch die Schweiz. Wie beurteilen Sie das Vorgehen der hiesigen Behörden?

Ich bin beeindruckt, wie gut die Schweiz die Situation gemeistert hat, im internationalen Vergleich gehört das Land zu den besten. Ich schaue mir jeden Tag die Zahlen zu den Neuinfektionen und den Todesfällen an. Es ist bemerkenswert, wie es der Schweiz gelungen ist, die Kurve der Neuinfektionen zu drücken. Es hat sich ausgezahlt, dass die Schweiz relativ rasch landesweit Massnahmen ergriffen hat. Auch das Hochfahren der Testkapazitäten war sehr gut.

Wie beurteilen Sie die Situation in den USA, wo sie zuvor gelebt haben?

In den USA müssen die Kapazitäten weiter hochgefahren werden, um breiter zu testen. Es hat bis anhin sehr lange gedauert, um die Bevölkerung im grossen Umfang zu testen. Die Kombination aus einer hohen Bevölkerungszahl, dicht besiedelten Ballungszentren und ein später als in Europa eingeführter Lockdown haben zu einer stärkeren Verbreitung des Virus geführt. Die USA aber auch Grossbritannien werden noch einige Zeit benötigen, bis die Ansteckungsraten so zurückgehen werden wie in gewissen europäischen Ländern.

Verschiedene Konzernchefs von Pharmafirmen fordern staatliche Unterstützung im Kampf gegen das Coronavirus. Wie sehen Sie das?

Novartis befindet sich in einer finanziell gesunden Situation. Wir haben uns weltweit verpflichtet, keine staatliche Unterstützung zu beanspruchen. Unternehmen, die finanziell wirklich auf staatliche Gelder angewiesen sind, sollen diese Hilfen nutzen.

Viele Länder verschulden sich nun sehr stark, um die Krise zu bewältigen. Rechnen Sie damit, dass dadurch die Medikamentenpreise mittelfristig unter Druck kommen werden?

Die Verschuldung dürfte für viele Staaten zu einer Herausforderung werden, was auch den Druck auf die Gesundheitssystem erhöhen wird. Es ist zu früh, zu beurteilen, wie sich das genau entwickeln wird. Wir schauen uns aber verschiedene Entwicklungen näher an, die sich auf unser Geschäft auswirken wird. So beobachten wir etwa in den USA, ob die steigende Arbeitslosigkeit dazu führt, dass viele Betroffene nicht mehr privat, sondern staatlich versichert sein werden.

Wie wirkt sich das für Sie aus?

Die staatlichen Versicherungen in den USA fordern oft höhere Rabatte für Medikamente, was für uns tiefere Nettopreise zur Folge hätte. Allerdings ist es schwer abzuschätzen, wie stark sich die Verschiebung von privaten zu staatlichen Versicherungen tatsächlich einstellt.

Und wie sieht es in Europa aus?

Hier verfolgen wir, ob sich bei der Festlegung der Preise neuer Medikamente in einzelnen Ländern eine Verzögerung einstellt. In Grossbritannien hat die zuständige Behörde angekündigt, während der Coronakrise für eine gewisse Zeit diese Entscheide auszusetzen. In anderen Ländern sehen wir noch keine Verzögerungen. Wir beobachten das aber genau.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Corona-Krise fürs erste überwunden ist?

In beruflicher Hinsicht freue ich mich sehr darauf, wieder den direkten Austausch mit unseren Mitarbeitenden auf der ganzen Welt zu pflegen, mich vor Ort zu engagieren – natürlich unter Einhaltung der relevanten Schutz- und Hygienebestimmungen.

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