Halbleiter
Nach dem Huawei-Trauma will China technologisch unabhängig werden – doch Geld allein baut noch keine Chips

China will eine autarke Tech-Nation werden. Doch die staatliche Förderung der heimischen Halbleiterbranche harzt. Nur an Geld fehlt es bisher nicht.

Fabian Kretschmer aus Peking
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China fördert die Halbleiterproduktion (im Bild eine Fabrik der Renesas Electronics in Peking).

China fördert die Halbleiterproduktion (im Bild eine Fabrik der Renesas Electronics in Peking).

Keystone

Selten wird über die Bruchlandung eines chinesischen Prestige-Projekts auch in den Staatsmedien derart offen berichtet. Die «Hongxin Semiconductor Manufacturing Company» sollte den Standort Wuhan zum Mekka der heimischen Chipproduktion transformieren. Die Anschubfinanzierung für das erste Werk lag bei knapp 20 Milliarden Dollar und selbst während des strikten Lockdowns im letzten Jahr hat man noch eifrigst um Fachkräfte geworben.

Doch noch ehe die ersten Halbleiter übers Band rollten, gingen die Gelder aus. Der einstiger Geschäftsführer Chiang Shang-yi erinnert sich an einen regelrechten «Albtraum», von dem nur mehr die leeren Bauruinen am Stadtrand zeugen. Möglicherweise, so heisst es in Branchenkreisen, ist das Unternehmen an amerikanischen Exportverboten gescheitert.

Die Kulturrevolution bremste die Entwicklung

Doch trotz solcher Negativschlagzeilen liegt der Fokus der Wirtschaftsplaner in Peking auf keinem Feld derart stark wie auf der Halbleiterbranche. Mikrochips sind «die Goldbahren» der Gegenwart: Ohne sie gäbe es weder Laptops noch Smartphones, Drohnen oder künstliche Intelligenz. Halbleiter haben eine Bedeutung, die weit über das wirtschaftliche hinausgeht: Der Zugang zu Halbleitern ist für Staaten vielmehr eine Frage der nationalen Sicherheit.

Dies gilt umso deutlicher für die Parteikader in Peking. Bereits Mitte der 50er Jahre führte die Regierung Halbleiterwissenschaften als Universitätsfach ein. Doch die Kulturrevolution, während der führende Intellektuelle in die Provinz verbannt wurden, setzte den Ambitionen eine jähe Zäsur. Andere Länder zogen vorbei, darunter auch Südkorea und Taiwan.

Das Huawei-Trauma bleibt präsent

Zwar ist China mit Einfuhren von über 300 Milliarden US-Dollar der weltweit grösste Konsument von Halbleitern, doch das absolute Gros an Erlösen geht an ausländische Firmen. Jene Abhängigkeit gipfelte in den letzten zwei Jahren in einem Trauma für die Staatsführung: 2019 missbrauchte der damalige US-Präsident Donald Trump in seinem Handelskrieg Halbleiter-Exporte als Druckmittel – und schnitt den Netzwerkausrüster Huawei von US-Technologie ab. Im Folgejahr verbot er dem Konzern sogar, Geschäfte mit Zulieferern aus Drittländern zu machen, die Komponenten aus den USA verwenden. In wenigen Monaten rutschte Huawei vom erfolgreichsten Smartphone-Produzenten aus der Top-5-Spitzengruppe.

Seither arbeitet Staatschef Xi Jinping mit Hochtouren an der «technologischen Selbstversorgung», die er zum Kernziel ausrief. Der aktuelle Fünfjahresplan liest sich wie eine Replik auf den Konfrontationskurs Washingtons. Eines der Ziele lautet, wichtige Technologien selber zu produzieren, um nicht mehr anfällig für Sanktionen zu sein.

Auch privates Kapital wird investiert

Dementsprechend massiv fallen die Investitionen aus: 2020 hat die Regierung Halbleiter-Konzerne mit Direktzahlungen in Höhe von mindestens 35 Milliarden US-Dollar unterstützt, wie Recherchen des Fachmediums Technode ergeben. Das ist eine Steigerung von über 400 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Jahr. Das private Risikokapital stieg fast ebenso an.

Der vielversprechendste heimische Produzent ist die «Semiconductors Manufacturing International Corporation» (SMIC) mit Sitz in Shanghai, deren Aktienkurs am ersten Tag nach der Börsennotierung um mehr als 200 Prozent stieg. Zudem kündigte die Firmenleitung den Bau einer neuen Fabrik im südchinesischen Shenzhen an, die über 2,3 Milliarden Dollar kosten wird.

Die Fortschritte sind minimal

Trotz der schwindelerregenden Zahlen sind die Fortschritte der chinesischen Halbleiterbranche bislang minimal. Sie wächst laut offiziellen Daten im zweistelligen Bereich, doch auf einem Niveau, das nach wie vor noch Lichtjahre von der Konkurrenz in Taiwan und vor allem der USA entfernt ist. Experten rechnen fest damit, dass die Wirtschaftsplaner in Peking ihr Ziel - bis 2025 rund 70 Prozent der Halbleiter für den eigenen Markt aus heimischer Produktion zu beziehen – verfehlen werden. Derzeit liegt man bei etwa 30 Prozent. Investitionen reichen nicht aus, um an die Weltspitze aufzusteigen. Dafür braucht es Generationen an Ingenieurskunst, Know How und hochqualifizierte Fachkräfte – eine technische Infrastruktur also, deren Aufbau und Pflege Jahrzehnte dauert.

Tatsächlich fehlt es der Branche an Universitätsabgängern. Chinesische Firmen versuchen dies mit der Abwerbung von Spezialisten aus Taiwan zu kompensieren, denen sie oft ein Mehrfaches an Lohns anbieten. Der Weg zur technologischen Autarkie ist zweifelsohne ein steiniger: Jahrelang müssen Unsummen investiert werden, ohne Garantie auf Fortschritte . Bei den immensen Summen könnte auch China irgendwann die finanzielle Puste ausgehen.