Der Schock in der Schweizer Wirtschaft sass tief, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Mindestkurs zum Euro aufgehoben hatte. Das war vor einem Jahr. Konjunkturexperten sahen schon bald eine Rezession im Anmarsch und prophezeiten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Denn die Stärkung des Franken würde dazu führen, dass die Exportwirtschaft auf dem internationalen Markt ihre Produkte nicht mehr zu einem konkurrenzfähigen Preis anbieten könne.

Doch die Rezession ist ausgeblieben. In einzelnen Branchen mehren sich sogar die Anzeichen für eine Aufhellung. Auch die Arbeitslosigkeit ist weniger stark angestiegen als zunächst vorausgesehen, auch wenn laut dem Bundespräsidenten Schneider-Ammann im laufenden Jahr noch mehr schlechte Nachrichten zu erwarten sind.

Was jedoch völlig überraschend ist: Der Schweizer Franken hat sich in den vergangenen Wochen spürbar abgeschwächt. Was steckt dahinter?

Sicher ist: Die SNB hat in den letzten Wochen nur wenig am Devisenmarkt interveniert und auch ihre Geldpolitik hat sie nicht mehr gelockert. Am Verhalten der Europäischen Zentralbank (EZB) kann es auch nicht gelegen haben. Das Gegenteil wäre hier eher zu erwarten: Die EZB kauft nämlich jeden Monat Anleihen für 60 Milliarden Euro auf und pumpt so Geld in den Markt. Dies mit dem Ziel, die europäische Gemeinschaftswährung zu schwächen und die Wirtschaft so anzukurbeln. EZB-Präsident Mario Draghi hat kürzlich eine weitere Lockerung dieser Geldpolitik in Aussicht gestellt. Und auch trotz dieser Ankündigung Draghis schwächte sich der Franken weiter ab.

Für Rudolf Minsch, Chefökonom des Dachverbands Economiesuisse, sind mehrere Gründe für die Abschwächung des Frankens verantwortlich: «Zunächst hat sich die Wirtschaft in der Eurozone langsam aufgehellt. Der grosse Unterschied zu den USA ist kleiner geworden. Auf der anderen Seite wirken sich auch die Negativzinsen aus, die die SNB vor einem Jahr eingeführt hat.»

Offenbar waren aber auch Hedge Funds am Werk: Auch sie gehen offenbar von einer Erholung der europäischen Wirtschaft aus und positionieren sich entsprechend. Währungsexperte Patrick Quensel vom Vermögensverwalter Premium Capital Advisors bestätigt die Vermutung. Spekulative Investoren, die zuvor gegen den Euro gewettet haben, hätten ihre «Short-Positions» geschlossen: «Diese Bereinigung hat nun für den Anstieg im Euro gesorgt.»

Negativzinsen und Spekulanten

Damit alleine kann die – von vielen Exportunternehmen sehnlicht herbeigesehnte – Abwertung des Frankens nicht erklärt werden. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass auch die grossen internationalen Anleger nicht mehr automatisch bei jeder Krise in den Schweizer Franken flüchten. Sie kauften lieber Dollars oder andere Währungen. Dies ist ein entscheidender Unterschied zu den Turbulenzen der vergangenen Jahre. Damals hatten die Anleger automatisch Franken gekauft und so dafür gesorgt, dass unsere Währung immer stärker wurde.

Die vor einem Jahr gemeinsam mit der Aufhebung des Mindestkurses eingeführten Negativzinsen zeigen also ihre Wirkung. Die SNB wollte damit genau das bewirken, was jetzt eingetreten ist: Anleger überlegen es sich zweimal, ob sie für das Halten von Schweizer Franken 0,75 Prozent Strafzins bezahlen wollen. «Zinsänderungen brauchen immer eine gewisse Zeit, bis sich diese auf die Währung und die Wirtschaft auswirken», erklärt Währungsexperte Quensel die Verzögerung.

Die Negativzinsen haben aber nicht nur ausländische Anleger abgeschreckt. Sondern sie haben auch dazu geführt, dass grosse Schweizer Anleger, wie etwa Pensionskassen, ihre Gelder vermehrt in anderen Währungen anlegen. Anleger verkaufen also Franken und kaufen Euros oder Dollars. Auch dies führt dazu, dass der Franken geschwächt wird, ohne dass eine direkte Intervention seitens der SNB am Markt nötig wurde. Nicht zu unterschätzen sind auch die vielen Konsumenten und Firmen, die sich im Lauf des vergangenen Jahres dank dem günstigen Kurs im Ausland bedient haben.

Das alles sind gute Aussichten für die Schweizer Exportwirtschaft, sagt Minsch: «Im Vergleich zu einem Eurokurs von Fr. 1.05, den wir im letzten Jahr befürchteten, haben wir heute eine Sicherheitsmarge.» Diese Sicherheitsmarge helfe, wenn es wider Erwarten in der Eurozone zu einem weiteren Schock komme. «Wir müssen da durch. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass ein Kurs von Fr. 1.10 nur eine Durchgangsstation ist», sagt auch Schneider-Ammann in der «NZZ am Sonntag».

Noch ist die Erholung also nicht nachhaltig. Denn von der EZB werden neue Massnahmen zur Schwächung des Euros erwartet. Ob die US-Notenbank weiter die Leitzinsen erhöht, ist alles andere als gewiss. Marktteilnehmer sehen laut der «Financial Times» eine grössere Rezession voraus. Dies aufgrund der gegenwärtigen Renditen für Staatsanleihen.

Sinkende Kaufkraft-Parität

Und auch die Schweiz ist noch lange nicht aus dem Schneider. Laut den Berechnungen Minschs würde der reale, also kaufkraftbereinigte, Wechselkurs gegenüber dem Euro derzeit bei Fr. 1.25 liegen. Das ist um einiges höher als der am Freitag publizierte Kurs von Fr. 1.11. Doch aufgepasst: Gleichwohl liegt diese Kaufkraftparität derzeit tiefer als noch im letzten Jahr, als die SNB den Mindestkurs von Fr. 1.20 aufgehoben hat. Damals ging Minsch von Fr. 1.30 aus, die eigentlich nötig wären.

«Ein Grund für die Senkung liegt in den Importpreisen, die im vergangenen Jahr deutlich gesunken sind.» Mit anderen Worten, im Jahr eins nach der Aufgabe des Mindestkurses hat sich auch in der Schweiz etwas bewegt: Unternehmen haben Massnahmen ergriffen, um produktiver zu werden und um ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder zu erlangen. Der starke Franken wirkte so auch als «Fitnesskur».