Kraftwerk

Grüner Strom: Die SBB setzen vermehrt auf Wasserkraft

Wird bald erneuert: Das Kraftwerk Ritom-Stausee, an dem die SBB beteiligt sind.

Wird bald erneuert: Das Kraftwerk Ritom-Stausee, an dem die SBB beteiligt sind.

Halbe Milliarde Franken für Bahnstrom: Investitionen in Wasserkraft sollen SBB-Ausbau ermöglichen – der angekündigte Atomausstieg zieht sich derweil hin.

Die SBB wollen Strom sparen. Ende letzten Jahres kündigten die Bundesbahnen an, dass sie in S-Bahnen rund um Zürich die Temperatur gesenkt, um weniger Strom zu verbrauchen. Letzte Woche machte Radio SRF publik, dass im Tessin Halt auf Verlangen getestet werden soll: Ebenfalls mit dem Ziel, Strom zu sparen. Dass die SBB den Stromverbrauch senken wollen, hat seine Logik. Die SBB werden künftig ihr Angebot ausbauen, mehr Zugverbindungen anbieten. Damit wird auch der Stromverbrauch stark ansteigen.

2015 haben sich die SBB als Ziel gesetzt, bis 2025 rund 600 Gigawattstunden Strom zu sparen. Das sind immerhin 20 Prozent des gesamten Stroms, den die SBB derzeit im Jahr verbrauchen. Rund die Hälfte der Einsparung sei bereits erreicht, sagt Beat Deuber. Er ist Leiter Energie bei SBB Infrastruktur und skizziert gegenüber der «Schweiz am Wochenende» die Stromzukunft der Bundesbahnen. Die Einsparungen alleine reichen dabei nicht aus, um den künftigen Mehrverbrauch zu decken. Deshalb investieren die SBB in Wasserkraft.

Höhere Investitionen geplant

Die SBB sind die grössten Stromverbraucher in der Schweiz. Laut Beat Deuber wollen die SBB in den kommenden Jahren insgesamt rund eine halbe Milliarde Franken in ihre Wasserkraftwerke investieren. Zurzeit etwa in das Kraftwerk Ritom im Tessin, an welchem die SBB beteiligt sind. «Wir werden das Kraftwerk gemeinsam mit unserem Tessiner Partner AET nicht nur sanieren, sondern eigentlich neu bauen. Und über 200 Millionen Franken investieren», sagt Deuber. Der Stausee bleibe in seiner Grösse bestehen, die Leistung des Werks werde jedoch steigen. Die Leistung des Kraftwerks soll auf das Dreifache anwachsen. Damit wollen die SBB sicherstellen, dass sie die Spitzenenergie für den Angebotsausbau produzieren können.

Nicht nur im Tessin bauen die SBB. Im Wallis wird momentan das Wasserkraftwerk Nant de Drance erstellt. Die SBB sind an neun Wasserkraftwerken in der Schweiz beteiligt. In den letzten Jahren hat der Ausbau der Wasserkraftwerke bereits mehr als 100 Millionen Franken gekostet. «Wir wollten zuerst weit mehr investieren, um zusätzliches Wasser zur Energieerzeugung zu nutzen. Es hat sich abergezeigt, dass dies im heutigen Marktumfeld wirtschaftlich nicht möglich ist», sagt Deuber. Entsprechend habe man die ursprünglichen Pläne angepasst. Die SBB hätten so auf die schwierige Situation im Schweizer Strommarkt reagiert.

Pilotprojekt in diesem Jahr

Bei neuen Projekten erwarten die SBB nun ein Entgegenkommen von Kantonen und Gemeinden bei den Konzessionsverhandlungen. Kantone und Gemeinden verleihen den SBB gegen eine Gebühr die Konzession, Wasser zu nutzen, um Strom zu erzeugen. «Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und die Projekte redimensioniert. Nun erwarten wir aber auch, dass unsere Konzessionsgeber die Marktrealitäten anerkennen», sagt Deuber. Heisst: Die SBB wollen weniger für die Konzessionen zahlen wegen der aktuell tiefen Strompreise. Konkret meint Deuber etwa die Verhandlungen der Konzessionen beim Etzelwerk in Einsiedeln, wo auch die Kantone Zürich, Schwyz und Zug mitverhandeln. «Wir haben noch gewisse Differenzen in der Ausgestaltung der Konzession», sagt Deuber.

Künftig wollen die SBB nicht nur auf Wasserkraft setzen. Es sind Investitionen in Photovoltaikanlagen geplant. In diesem Jahr startet ein Pilotprojekt, bei dem Immobilien der SBB mit Photovoltaikanlagen ausgestattet werden sollen. Die Bundesbahn springt damit mit Verspätung auf den Solarenergiezug auf. Warum hat es so lange gedauert? «Das hängt sicher damit zusammen, dass wir in erster Linie ein Mobilitätsanbieter sind und das auch in Zukunft bleiben wollen», sagt Deuber. Zudem hätten sich die SBB verpflichtet, Energiespar-, Energieeffizienzmassnahmen und Investitionen in Erneuerbare nur dann zu tätigen, wenn sie auch wirtschaftlich betrieben werden können.

Der schwierige Atomausstieg

Rund 90 Prozent des SBB-Stroms wird mit Wasserkraft hergestellt. Der Rest ist Atomstrom. Den Atomstrom beziehen die SBB über die Beteiligungsgesellschaft Akeb. Doch die SBB haben ein Problem: «Eine Kernkraftbeteiligung zu verkaufen, ist aktuell nicht einfach», sagt Deuber. «Die Restlaufzeiten der Kraftwerke sind ungewiss, und in der Branche hat man sehr wenig Erfahrung bezüglich der tatsächlichen Stilllegung- und Rückbaukosten.» Das führe dazu, dass es aus heutiger Sicht schwierig einzuschätzen sei, wie sich die Beteiligung finanziell entwickelt. Deshalb sei sie für Investoren nicht interessant. Bereits Anfang der 2000er-Jahre wollten die SBB alle Atomstrombeteiligungen verkaufen. Nicht alle wurden sie los. 2012 erklärte SBB-Chef Andreas Meyer, dass bis 2025 die Beteiligungen verkauft werden sollen. Das hat bis heute nicht geklappt.

Vor dem gleichen Problem steht die Stadt Zürich. Sie ist am KKW Gösgen beteiligt und wie die SBB an der Akeb. Die Akeb hält Beteiligungen an den Atomkraftwerken Cattenom, Bugey (beide FR) und Leibstadt. Anfang März hat der Gemeinderat der Stadt Zürich einen Kredit über 2,2 Millionen Franken bewilligt, mit dem ein Berater bezahlt werden soll, der die Beteiligungen verkauft. Im Gegensatz zu den SBB ist die Stadt Zürich verpflichtet, dies zu tun. Eine Volksinitiative verlangt den Atomausstieg bis 2034. Beim Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) ist man skeptisch, dass ein Verkauf der Beteiligungen noch Geld einbringen wird. «Für einen symbolischen Franken würden wir sie abgeben», sagte EWZ-Direktor Marcel Frei in einem Interview mit der NZZ.

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