Der Deal trägt die Handschrift des kürzlich unfreiwillig zurückgetretenen Kassenkönigs der Groupe Mutuel (GM): Pierre-Marcel Revaz fädelte die Kooperation mit der Lausanner Krankenversicherer Supra ein. Damit hat er sein Ziel – fast – erreicht: Sein Kassenkonglomerat zur Nummer 1 der Branche in der Grundversicherung zu machen. Offen bleibt, ob ihm die angelaufene Wechselsaison keinen Strich durch die Rechnung macht. Weil die Walliser Versicherte verlieren – oder die Branchenriesen CSS und Helsana mehr neue Kunden anziehen.

1,19 Millionen Kunden in der obligatorischen Krankenversicherung hat die Groupe Mutuel. Aktuell zählt die Supra 71 000 Grundversicherte. Mit der Übernahme gehören ab 2015 neu sechs statt wie heute fünf Grundversicherer zur Gruppe. Die Supra-Arbeitsplätze in Lausanne bleiben erhalten.

Regulierung heizt Kosten an

Die Konsolidierung rollt also wieder an. Überraschend ist nur, wie schnell es geht: Nachdem die Einheitskasse vom Tisch ist, kommt Bewegung in die Branche. Kurz vor der Abstimmung über die Einheitskasseninitiative gab das BAG bekannt, dass die Zahl der Grundversicherungsanbieter von 61 auf 59 schrumpfe. Wie die «Nordwestschweiz» berichtete, gaben zwei kleine Grundversicherungsanbieter auf. Die Berner KPT integriert auf Anfang 2015 ihre Töchter Agilia und Publisana.

Dazu kommt: Die KMU-Krankenversicherung mit 5900 Grundversicherten schliesst sich der in Landquart GR domizilierten ÖKK an. Die Bündner übernehmen in der KMU-Stiftung die Stimmenmehrheit. Die Winterthurer Kasse bleibt aber eine eigenständige Gesellschaft. Zu dieser Partnerschaft sei es gekommen, weil das «Marktumfeld» komplexer werde, schrieb ÖKK-Chef Stefan Schena in der Pressemitteilung: «Steigende regulatorische Anforderungen verlangen besonders von kleinen Versicherern, Lösungen zu finden, um sich nachhaltig weiterentwickeln zu können.»

Denn das soeben vom Parlament verabschiedete Aufsichtsgesetz heizt in der Grundversicherung die Kosten an. Zudem steigen die Anforderungen an die IT. Der Kapitalbedarf nimmt zu, weil die gesetzlich vorgeschriebenen Reserven risikogerecht berechnet werden. Daher werden eher früher als später weitere, kleinere Kassen Kooperationslösungen suchen oder sich von grösseren Gesellschaften übernehmen lassen.

Dazu sagt Thomas J. Grichting von der Groupe Mutuel: «Die Konsolidierung wird sicherlich weitergehen. Ergeben sich entsprechende Möglichkeiten, sind auch wir nach einer Prüfung der strategischen Zweckmässigkeit offen für weitere Kooperationen.» Ebenfalls gilt das für die mit 150 000 Grundversicherten viel kleinere ÖKK – auch im Zusatzversicherungsgeschäft. Das ist oft der erste Schritt: So arbeiten in diesem Bereich die KMU-Krankenversicherung und die ÖKK bereits seit Anfang 2013 zusammen.

Verband hält dagegen

Gegen diesen Trend stemmt sich der Verband der kleineren und mittleren Krankenversicherer (RVK). Er will mit der Erbringung von Dienstleistungen für seine 27 Mitglieder dazu beitragen, dass diese möglichst selbstständig bleiben. So bietet der RVK unter anderem die Prüfung komplexer Spitalrechnungen an.

Das ist mit ein Grund, warum die Konsolidierung der Branche nicht schneller vorankommt. Ein anderer Grund sind die Chefs, die ihren gut bezahlten Job nicht einfach so preisgeben wollen. Das verhinderte in den letzten Jahren immer mal wieder eine Fusion. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch unter den 13 grössten Krankenversicherern mit mehr als 100 000 Grundversicherten wieder Gespräche aufgenommen werden. Auch wenn Übernahmeziele wie die kleineren dieser Gruppe, die Atupri, die EGK, die ÖKK und Sympany, unisono beteuern, eigenständig bleiben zu wollen.

Bei mittelgrossen Konzernen war es bisher oft so, dass Verwaltungsratspräsidenten untereinander ausloteten, wer mit wem zusammengehen könnte. Manchmal gar ohne ihr Management zu orientieren. So wollte Visana-Präsident Albrecht Rychen, allerdings vergeblich, mit der CSS und der Helsana ins Geschäft kommen. Zwei Mal scheiterte eine Übernahme der Berner KPT spektakulär: Die damaligen Chefs der einstigen Beamtenkasse hatten versucht, sich dank der von ihnen eingefädelten Fusion persönlich zu bereichern.