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Grosser Stellenabbau: Novartis zahlt Millionen für Abfindungen und Frührenten

Der Pharmakonzern Novartis federt den Abbau von 2000 Arbeitsplätzen mit hohen Abfindungen und Frührenten für ältere Mitarbeiter ab. Anderen Firmen fehlt dazu das Geld.

Philipp Felber, Niklaus Vontobel
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«Die Mitarbeiter werden anständig behandelt»: Novartis-Chef Narasimhan zum Stellenabbau.

«Die Mitarbeiter werden anständig behandelt»: Novartis-Chef Narasimhan zum Stellenabbau.

REUTERS

Der Stellenabbau bei Novartis zählt zu den grössten der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Interne Unterlagen zeigen nun, wie der Pharmakonzern die Streichung von 2000 Arbeitsplätzen abfedern will: Mit hohen Abfindungen und grosszügig finanzierten Frühpensionierungen für ältere Mitarbeiter. Insgesamt dürfte der Abbau den Pharmakonzern mindestens einen hohen zweistelligen Millionen-Betrag kosten.

Novartis wird jedoch zunehmend zum Einzelfall. Anderen Branchen ist in den letzten Jahren das Geld ausgegangen für grosszügige Frührenten. Gewerkschaften klagen deshalb über einen «versperrten Notausgang» für ältere Arbeitnehmer. Doch Frühpensionierungen sind kontrovers. Der Arbeitgeber-Verband der Banken kritisierte sie kürzlich als «demografischen Blödsinn.» Man müsse Restrukturierungen anders lösen.

Der Kahlschlag bei Novartis wurde im vergangenen Herbst öffentlich. Konzern-Chef Vas Narasimhan versicherte damals in einem Interview mit dieser Zeitung: «Die Mitarbeiter werden anständig behandelt.» Aus den internen Unterlagen, die der Redaktion von CH Media vorliegen, wird nun ersichtlich: Zumindest lässt sich Novartis die Massenentlassung sehr viel Geld kosten.

Frühpension ab 58

In die Frühpensionierung dürfen ältere Mitarbeiter, die das 58. Lebensjahr erreicht haben. Ihnen zahlt Novartis eine Abfindung von mindestens 100'000 Franken. Wer über 25 Jahre beim Konzern war, darf sich auch 4000 Franken pro Dienstjahr auszahlen lassen. Und Novartis schiesst jedem frühpensionierten Mitarbeiter noch maximal 90 000 Franken in die Pensionskassen ein.

Doch bei Novartis erhalten auch jüngere Mitarbeiter hohe Abfindungen. Wer zwischen 55 und 58 Jahre alt ist, erhält ebenfalls mindestens 100'000 Franken. Dazu einen Zuschlag von 14 Prozent, also insgesamt 114'000 Franken. Wer unter 50 ist, erhält eine mit Dienstjahren und Alter verrechnete Abfindung. Ein Beispiel: Wer 20 Jahre bei Novartis arbeitete, 45 Jahre alt ist und 8000 Franken im Monat verdiente, bekommt 72'000 Franken. Auf diese Weise werden langjährige Mitarbeiter bessergestellt. Hinzu kommen Härtefall-Lösungen und weitere Zahlungen, etwa Beiträge an die Pensionskasse.

Damit wird die Sparübung richtig teuer für Novartis. Denn betroffen sind total über 2000 Mitarbeiter an den Standorten Basel, Stein, Schweizerhalle, Locarno und Rotkreuz. Selbst wenn gewisse Entschädigungen nicht ausgezahlt werden, weil Mitarbeiter eine Novartis-interne Stellen annehmen, werden sich die Kosten für das ganze Programm wohl mindestens auf einen zweistelligen Millionenbetrag belaufen.

Dem Beispiel Novartis folgen heute am ehesten noch die Banken. Derzeit greifen sie mit grossem Vorsprung auf andere Branchen auf dieses Mittel zurück. Im Gesundheits- und Sozialwesen ist der Anteil der Frühpensionierten gemäss Bundesamt für Statistik nur halb so hoch.

Auf- und Abbau bei Novartis – von der Ciba-Sandoz-Fusion bis zum jüngsten Stellenabbau:

Fusion Sandoz und Ciba geben 1996 die Fusion zu Novartis bekannt. Alex Krauer (Ciba) wird Präsident, Daniel Vasella (Sandoz) wird Chef. Von den rund 100 000 Stellen sollen 10 000 abgebaut werden, davon rund ein Drittel in der Schweiz.
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Fokus I Zwischen 1997 und 2002 trennt sich Novartis von mehreren Bereichen. Die Ciba Spezialitätenchemie wird 1997 anhand eines Börsengangs verselbstständigt. Im Jahr 2000 folgt die Abspaltung des Agrochemieteils. Dieser wird mit jenem von Astrazeneca fusioniert, woraus Syngenta entsteht. Zwei Jahre später wird die Lebensmittel- und Getränkesparte (u. a. Ovomaltine, Wander) verkauft.
Krisenjahr Novartis reagiert 2007 auf einen schleppenden Geschäftsgang, unter anderem wegen der Konkurrenz durch Generika. Der Pharmakonzern plant, weltweit 2500 Stellen abzubauen, davon 400 in der Region Basel.
Alcon Novartis übernimmt die Augenheilfirma Alcon 2011 vollständig. Die Basler zahlen dafür 51 Milliarden Dollar. Zwei Jahre später geht Daniel Vasella von Bord. Bereits seit 2011 übergab er das Amt des Konzernchefs an Joe Jimenez. Neuer Präsident wird Jörg Reinhardt. Für Empörung sorgt Vasellas Abgangsentschädigung in der Höhe von 72 Millionen Franken. Nach der landesweiten Empörung «verzichtet» Vasella darauf.
Fokus II Novartis konzentriert sich auf Pharma, Augenheilkunde und Generika. Das Geschäft mit Tiergesundheit und Impfstoffen wird verkauft, das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten wird in ein Gemeinschaftsunternehmen mit GlaxoSmithKline ausgelagert. IT, Einkauf, Immobilienmanagement werden in der neuen Einheit Novartis Business Services zusammengefasst.
Abbau I Im Frühling 2017 kündigt Novartis an, 500 Stellen in der Region Basel abzubauen und gleichzeitig 350 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Im Herbst gibt Joe Jimenez seinen Rücktritt bekannt. Nachfolger wird Vas Narasimhan, ein Amerikaner mit indischen Wurzeln. Er fällt den bereits angedachten Entscheid, Alcon abzustossen und an die Börse zu bringen.
Abbau II Novartis gab gestern bekannt, dass in der Schweiz rund 2100 Stellen abgebaut werden. Betroffen sind vor allem die Standorte Basel, Schweizerhalle BL und Stein AG. Einen Monat zuvor kündigte der Konzern an, in Stein zunächst 260 neue Stellen für die Herstellung einer neuen Gentherapie zu schaffen. Im besten Fall könnten später gar 450 Arbeitsplätze entstehen.

Fusion Sandoz und Ciba geben 1996 die Fusion zu Novartis bekannt. Alex Krauer (Ciba) wird Präsident, Daniel Vasella (Sandoz) wird Chef. Von den rund 100 000 Stellen sollen 10 000 abgebaut werden, davon rund ein Drittel in der Schweiz.

Keystone

Frührenten werden seltener

Dabei hat selbst der eigene Branchenverband kürzlich Frühpensionierungen einen «demografischen Blödsinn» genannt. Denn Mitarbeiter würden mit der gesellschaftlichen Alterung je länger, je mehr fehlen. Man müsse andere Wege finden, um Restrukturierungen zu meistern, so der Verband Arbeitgeber Banken.

Doch der «demografische Blödsinn» ist aktuell bei den Schweizer Banken nicht ohne Grund beliebt. Wie ein Sprecher von Arbeitgeber Banken sagt, sei die Frührente für die Mitarbeiter oft schlicht und einfach attraktiv. Der verfrühte Abschied aus dem Arbeitsleben wird finanziell derart gut entschädigt, dass mancher froh darüber sei. Vielleicht noch wichtiger: In der Bankenbranche könne man sich Frühpensionierungen leisten, so der Sprecher – «zumindest im Moment noch».

Ausser den Banken sind Frührenten jedoch den meisten Unternehmen mittlerweile zu teuer. In einer Studie des Bundes heisst es, in den letzten Jahren sei der finanzielle Spielraum dafür in der zweiten Säule der Altersvorsorge enger geworden. In der Folge wurden Frühpensionierungen seit 2005 seltener. Die Gewerkschaften sehen diesen Trend kritisch. Frühpensionierungen hätten am Arbeitsmarkt die Funktion von «Notausgängen», steht in einem Papier des Gewerkschaftsbundes: Ältere Arbeitnehmer könnten flüchten, wenn ein Stellenverlust drohe. Seien diese Notausgänge verschlossen, verschärfe sich ihre Situation.

In den Neunzigerjahren wurden Frühpensionierungen öfter als heute verwendet, um den wirtschaftlichen Wandel einigermassen sozial verträglich abzufedern. Damals stagnierte die Wirtschaft lange, die Firmen bauten Stellen ab – und Frühpensionierungen wurden häufiger.

Löhne in der Schweiz:

Der monatliche Brutto-Medianlohn für Lehrerinnen und Lehrer beträgt 9315 Franken. Umfasst Lehrkräfte von Vorschulbereich bis Universität sowie sonstige Lehrer. Medianlohn: Für die eine Hälfte liegt der Lohn über, für die andere Hälfte dagegen unter dem Zentralwert (Median). Quelle: Bundesamt für Statistik (2018)
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Naturwissenschafter, Mathematiker, Ingenieure: 7956 Franken. Das sind zum Beispiel ArchitektIn, GrafikerIn, BauingenieurIn, GeomatikerIn, DesignerIn, ChemikerIn, TechnikerIn HTL, Biologe/Biologin, Geologe/Geologin, TechnischeR KontrolleurIn, VersicherungswirtschafterIn, PhysikerIn, AgronomIn, usw.
Akademische und verwandte Gesundheitsberufe: 8013 Franken. z. B. PhysiotherapeutIn, ApothekerIn, Assistenzarzt/Assistenzärztin, Pflegefachkraft FH, Arzt/Ärztin, DrogistIn, Tierarzt/Tierärztin, ErgotherapeutIn, GeburtshelferIn, TherapeutIn, Facharzt/Fachärztin, Zahnarzt/Zahnärztin, usw.
Betriebswirtschafter und vergleichbare akademische Berufe: 7265 Franken. z. B. LogistikerIn, DisponentIn, Business AnalystIn, LogistikangestellteR, VersicherungsberaterIn, Personalfachkraft, MarketingassistentIn, Finanz-AnalytikerIn, FinanzberaterIn, AnlageberaterIn, BankberaterIn, FinancierIn, usw.
Akademische und vergleichbare Fachkräfte in der Informations- und Kommunikationstechnologie: 9018 Franken. z. B. InformatikerIn, ApplikationsentwicklerIn, System Engineer, SystemingenieurIn, SystemadministratorIn, AnalytikerIn, EDV-IngenieurIn, IT-SpezialistIn, IT-ArchitektIn, AnwendungsprogrammiererIn, usw.
Juristen/innen, Sozialwissenschaftler/innen und Kulturberufe: 8332 Franken.
Ingenieurtechnische und vergleichbare Fachkräfte: 7032 Franken. z. B. TechnikerIn, VorarbeiterIn, HochbauzeichnerIn, LaborantIn, PilotIn, Fluglotse/Fluglotsin, usw.
Assistenzberufe im Gesundheitswesen: 6744 Franken.
Löhne in der Schweiz
Nicht akademische sozialpflegerische, juristische, kulturelle und verwandte Fachkräfte: 6649 Franken.
Informations- und Kommunikationstechniker: 6414 Franken. z. B. OperatorIn, IT-SupporterIn, Webmaster/Webmistress, usw.
Allgemeine Büro- und Sekretariatskräfte: 6133 Franken. z. B. BüroangestellteR, KaufmännischeR AngestellteR, SekretärIn, AdministrationsassistentIn, usw.
Bürokräfte mit Kundenkontakt: 5302 Franken. z. B. ReceptionistIn, ReiseberaterIn, ReiseverkäuferIn, Reisefachkraft, BankassistentIn, usw.
Materialwirtschaft, Bürokräfte Finanz- und Rechnungswesen und Statistik: 5463 Franken. z. B. LageristIn, LagerangestellteR, Zügelmann/Züglerin, LagerchefIn, BuchhaltungssekretärIn usw.
Sonstige Bürokräfte und verwandte Berufe: 5823 Franken.
Berufe im Bereich personenbezogener Dienstleistungen: 4492 Franken. wie z. B. Koch/Köchin, ServicefachangestellteR, Warte/-frau, HauswartIn, Coiffeur/Coiffeuse, KüchenangestellteR, Kochgehilfe/Kochgehilfin, Küchenbursche/Küchenmädchen, Flight Attendant, HauswirtschaftlicheR AngestellteR, KosmetikerIn, Gouvernante, Steward/Stewardess, usw.
Verkauf: 4680 Franken.
Betreuungsberufe: 5316 Franken.
Schutz- und Sicherheit: 6468 Franken.
Fachkräfte in der Landwirtschaft: 5200 Franken.
Fachkräfte in Forstwirtschaft, Fischerei und Jagd (Marktproduktion): 5882 Franken.
Bau- und Ausbaufachkräfte sowie verwandte Berufe, (ohne Elektriker): 5849 Franken.
Elektriker und Elektroniker: 5878 Franken.
Metallarbeiter, Mechaniker und verwandte Berufe: 5823 Franken. z. B. MechanikerIn, AutomechanikerIn, PolymechanikerIn, MetallbauerIn, CarrosseriespenglerIn, SchlosserIn, SchweisserIn, MaschinenoperateurIn, WerkzeugmacherIn, HilfsmechanikerIn, MetallschleiferIn, AutomobildiagnostikerIn, Carrossier/ère, usw.
Präzisionshandwerker, Drucker und Kunsthandwerk: 5658 Franken.
Nahrungsmittelverarbeitung, Kleiderherstellung und verwandtes Handwerk: 5248 Franken.
Bedienen stationärer Anlagen und Maschinen: 5555 Franken. z. B. MaschinistIn, MaschinenführerIn, WäschereiangestellteR, PackerIn, MetallarbeiterIn, Weintechnologe/Weintechnologin, usw.
Montageberufe: 5518 Franken.
Fahrzeugführen und bedienen mobiler Anlagen: 5646 Franken. z. B. Chauffeur/-euse, Lastwagenchauffeur/-euse, LokomotivführerIn, Buschauffeur/-euse, KranführerIn, Lieferer/Lieferin, LokomotivführerIn, usw.
Reinigung und Hilfskräfte: 4193 Franken. z. B. RaumpflegerIn, ReinigungsangestellteR, ReinigerIn, ReinigerIn von Wohnungen, Haushalthilfe, Cafeteriagehilfe/Cafeteriagehilfin, usw.
Hilfskräfte in Land-, Forstwirtschaft und Fischerei: 4578 Franken.
Hilfskräfte bei der Herstellung von Waren, im Transportwesen sowie im Bau und Bergbau: 5355 Franken. z. B. ProduktionsmitarbeiterIn, BauarbeiterIn, LagerarbeiterIn, VerpackungsangestellteR, BauhilfsarbeiterIn, VelokurierIn, GeleisemonteurIn, WegmacherIn, usw.
Hilfskräfte in der Nahrungsmittelzubereitung: 4121 Franken.
Abfallentsorgung und sonstige Hilfsarbeitskräfte: 5316 Franken. z. B. PaketträgerIn, KurierIn, Auslieferer/Auslieferin für Mahlzeitendienst, KinoangestellteR, GarderobenmeisterIn, KurierIn, KehrichtabfuhrarbeiterIn, usw.
Geschäftsführer/innen und leitende Staatsangestellte: 10'541 Franken.
Kaufmännische Führungskräfte: 9989 Franken.
Führungskräfte in Produktion und spezialisierten Dienstleistungen: 9170 Franken.
Führungskräfte in Handel und Gastgewerbe: 5199 Franken.

Der monatliche Brutto-Medianlohn für Lehrerinnen und Lehrer beträgt 9315 Franken. Umfasst Lehrkräfte von Vorschulbereich bis Universität sowie sonstige Lehrer. Medianlohn: Für die eine Hälfte liegt der Lohn über, für die andere Hälfte dagegen unter dem Zentralwert (Median). Quelle: Bundesamt für Statistik (2018)

Keystone