Haben sich die Anfragen aus Griechenland in den letzten Tagen gemehrt, wie die Leute ihr Geld in Sicherheit bringen können?

Alex Siregos: Ja, natürlich. Einige Personen haben meine Dienste als Finanzexperte aus der Schweiz in Anspruch genommen. Auch fragen mich Bekannte immer wieder, ob Sie in die Schweiz kommen könnten, um zu arbeiten ...

... und, können sie?

Nein.

Was haben Sie Ihren Bekannten geraten?

Das Geld nicht auf der Bank zu lassen, sondern es gut zu Hause zu verstecken. Da momentan noch keine Massenpanik ausgebrochen ist, kann man dies noch tun. Wollen erst alle einmal ihr Geld abheben, funktioniert das nicht mehr. Deshalb: Zu Hause, am besten in einem Schliessfach, verstecken.

Wann waren Sie selbst das letzte Mal in ihrer Heimat?

Vor etwa zwei Wochen.

Weshalb?

Ich gründe zurzeit eine neue Unternehmung in Griechenland. Ich eröffne ein Pfandleihhaus. Ich nehme also kein Geld, sondern gebe welches raus.

Sie schlagen also Profit aus der Krise?

Einige sehen eine Katastrophe, andere eine Möglichkeit. Nein natürlich nicht. Ich tue das selbstverständlich, um den Ansässigen zu helfen, denn Geld ist momentan das einzig Wichtige für die Bevölkerung.

Wie erlebten Sie denn die Stimmung in der Bevölkerung während Ihrem Besuch?

Politisch herrscht in Griechenland Bürgerkrieg. Ausserdem spürt man eine Unsicherheit. Zum Beispiel kennt man in Griechenland keine Kündigungsfrist. Viele fürchten um ihren Job.

Ihre Verwandten leben in Griechenland. Wie erleben sie die Krise?

In meiner Heimatstadt Larisa stehen Geschäfte an bester Adresse leer. Sie sind richtiggehend verwaist. Für meine Verwandten ist die Krise interessanterweise fast nicht spürbar. In Griechenland gibt es etliche Nachtlokale. Solche Lokale haben die ganze Woche geöffnet und der Mindestkonsum liegt bei etwa 120 Euro pro Tisch. Für ein Land, das sich in einer Krise befindet, ist es erstaunlich, dass solche Clubs praktisch jeden Abend ausgebucht sind. Ausgebucht bedeutet: Geschätzte 3000 Personen. Man sieht: Griechen beklagen sich auf sehr hohem Niveau.

Proteste auf hohem Niveau also. Trotzdem arten diese Proteste zuweilen auch in Strassenschlachten aus. Handelt es sich dabei nur Taten von einigen Chaoten?

Erstens sind diese Proteste nicht so schlimm wie alle behaupten. Man bemerkt sie fast nicht. Zweitens entstehen diese Strassenschlachten nicht wegen der Krise. Viele Menschen sind einfach unzufrieden. Deshalb streiken und demonstrieren sie. Wie auch in der Schweiz an den Fussballspielen, gibt es immer einige Chaoten, die gewalttätig sind. Die Polizei wehrt sich, wodurch auch Unschuldige involviert werden. Diese eigentlich friedlichen Demonstranten wehren sich dann ebenfalls. Man könnte von einem Domino-Effekt sprechen. Solche Gewaltausbrüche entstehen nicht durch das eigentliche Problem Griechenlands.

Sie meinen damit, dass die Hälfte der Bevölkerung für den Staat arbeitet?

In Griechenland läuft das Ganze über Vitamin B. Erstens werden Beamtenstellen quasi vererbt. Zweitens verschafft jeder der beim Staat arbeitet, allen Familienmitgliedern und Bekannten einen Job in der eigenen Abteilung, eine Vetternwirtschaft also. Es ist ein riesen Beziehungs-Buisness. Ausserdem ist die Korruption ein grosses Problem. Das führt zu den aktuellen Problemen Griechenlands. Griechenland hat enorme Schulden. Deshalb wird gespart. Davon sind vor allem die Beamten betroffen. Sie haben mittlerweile einen bis zu 20 Prozent tieferen Lohn. Das Hauptproblem daran ist, dass fast 40 Prozent der griechischen Bevölkerung beim Staat angestellt ist, weshalb die Sparmassnahmen fast die Hälfte der Bevölkerung trifft.

Anfang Dezember stimmt das griechische Volk über den EU-Rettungsschirm ab. Ist Ministerpräsident Papandreou ein schlauer Fuchs oder ein Feigling?

Der will sich doch nur glimpflich aus der Affäre ziehen. Er will nach dem Staatsbankrott Griechenlands sagen können: «Nicht ich habe das zu verschulden, sondern mein Volk hat die Richtung bei der Abstimmung selbst gewählt.»

Wie werden Sie Anfang Dezember stimmen?

Ich werde gar nicht stimmen gehen. Erstens will ich nicht extra nach Griechenland fliegen und zweitens können die Bewohner Griechenlands diese Entscheidung selber fällen. Sie werden sie schliesslich auch selber tragen müssen.