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Google als Datenfundus für Jobmarkt, Konsumstimmung oder Arbeitsgesundheit

Anstieg von Suchbegriffen wie «Herzattacken-Symptome» korreliert mit dem Verlauf der Finanzkrise.  Ch. Iseli

Anstieg von Suchbegriffen wie «Herzattacken-Symptome» korreliert mit dem Verlauf der Finanzkrise. Ch. Iseli

Ökonomen nutzen Suchmaschinen wie Google um sozioökonomische Phänomene auf neue Art und Weise zu erforschen. Der Datenschatz von Google ist weltumspannend, damit lässt sich im Minutentakt mitvervolgen, was die Menschen bewegt.

Angefangen hat alles mit einer Grippewelle. Deren Verlauf und Intensität konnte ein Google-Forscherteam 2008 in den USA auf Basis von Suchanfragen treffsicher vorhersagen. Denn, bevor Patienten zum Arzt gehen, konsultieren sie zunächst die Suchmaschine mit Begriffen wie «Grippe» oder «Antibiotika».

Die Resultate überzeugten: Normalerweise dauert es ein bis zwei Wochen, bis Infektionen in der staatlichen Statistik erfasst werden. Insofern erwies sich Google als verlässlicher Frühindikator für Influenza. Liefert die Suchmaschine doch Daten in Echtzeit und erlaubt es so, den Ist-Zustand abzubilden.

Was für Volkskrankheiten taugt, lässt sich auch auf wirtschaftliche Fragestellungen anwenden. Immer mehr Ökonomen bedienen sich bei Googles Datenschatz. Einer von ihnen ist Nikolaos Askitas vom Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. «Suchmaschinen-Daten ermöglichen es uns, sozioökonomische Phänomene auf eine bisher unbekannte Art und Weise zu erforschen», sagt Askitas.

Zum einen sei der Datensatz weltumspannend. Einzige Einschränkung: Das jeweilige Land muss über ausreichend Internet-Abdeckung verfügen. Und zum anderen umfassen die Datenreihen Intervalle von wenigen Minuten bis hin zu Jahren. Damit lassen sich also epochale Ereignisse wie die Pleite von Lehman Brothers praktisch im Minutentakt nachverfolgen.

Finanzkrise macht krank

Zwei Beispiele. Der gebürtige Grieche konnte nachweisen, dass die Finanzkrise krank macht. So korrelierte in allen G-8-Staaten der Anstieg an Suchanfragen für Begriffe wie «XanaxNebenwirkungen», «Depressionen» oder «Herzattacken- Symptome» mit den Geschehnissen der Finanzkrise. Also: Je schlechter die Wirtschaftslage, desto unwohler fühlen sich die Menschen. Oder zumindest suchen sie vermehrt nach entsprechenden Begriffen auf Google.

Das gilt auch für den Immobilienmarkt. «Mit der Suchanfrage ‹Hardship Letter› lässt sich der amerikanische Häusermarkt überwachen», sagt Askitas. Denn schreibt ein Hausbesitzer einen solchen Brief an seine Bank, muss er den Hypothekarkredit neu aushandeln. Wird also vermehrt nach «Hardship Letter» gesucht, lässt das darauf schliessen, dass sich mehr Hausbesitzer in finanzieller Schieflage befinden.

Askitas sieht indes grosses Potenzial: «Big Data wird dereinst ein eigenes ökonomisches Forschungsfeld bilden.» Nicht zuletzt, weil klassische Methoden wie Umfragen stets mit zeitlicher Verzögerung zu kämpfen haben. Mehr noch. Der griechische Forscher bezeichnet die Google-Suchanfragen als «unfreiwillige Panelbefragung», was die Qualität der Ergebnisse zusätzlich verbessere. Denn damit fallen verzerrende Effekte wie soziale Erwünschtheit weg.

Echtzeit-Informationen fehlen

Auch Boriss Siliverstovs von der ETH-Forschungsstelle KOF hat schon mit Google-Suchdaten gearbeitet. Fokus hier: die Konsumentenstimmung in den USA. Ein gewichtiger Faktor, entfallen doch 70 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts auf die Ausgaben privater Haushalte. Doch die entsprechenden Stimmungsdaten – sie basieren auf Umfragen – sind jeweils erst einen Monat später verfügbar. Echtzeit-Informationen fehlen. Siliverstovs betont in seiner Untersuchung denn auch den Nutzen von Google, die Ist-Stimmung besser abschätzen zu können.

Allerdings räumt er im Gespräch ein, dass «Privatkonsum» als Suchfeld wohl zu breit gefasst sei. Denn: Nicht jeder, der ein Produkt im Internet sucht, kauft es. Skeptischer ist da George Sheldon. Die Methode sei an sich ja nicht neu, meint der Basler Ökonomieprofessor. «Schon früher wurden Zeitungen oder Nationalbanken-Berichte auf Schlüsselwörter hin untersucht.»

Für seine Frühindikatoren der Arbeitslosigkeit verzichtet Sheldon auf indirekte Methoden wie Suchanfragen und greift direkt auf die Daten der Arbeitsämter zurück. Auch hegt Sheldon Zweifel, ob sich Google zur Erfassung der Arbeitslosenquote eignet: «Wohl nicht jeder Hilfsarbeiter geht ins Internet, wenn er einen Job sucht.» Insofern bestehe die Gefahr einer Verzerrung, die sich statistisch nicht ausmerzen lasse. Denn: «Die Zahl der Google-User steigt rasant an und damit wandelt sich auch das soziodemografische Profil der Nutzer.» Doch bis Suchanfragen zum Spiegelbild der Gesellschaft werden, dauert es wohl noch eine Weile.

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