Es herrscht wieder Goldgräberstimmung in Gondo, einem abgelegenen kleinen Walliser Bergdorf hinter dem Simplonpass gleich an der italienischen Grenze. Das hat mit den Goldwäscherkursen wenig zu tun, die der pensionierte Grenzwächter Rolf Gruber in der Umgebung der längst geschlossenen Mines d’Or anbietet. Es ist denn auch nicht das Scheppern von Nuggets in der Waschpfanne, das den aktuellen Goldrausch prägt. Diesmal ist es ein Rauschen und Summen.

Was da rauscht, sind die Werkzeuge von Alpine Mining: simple Gestelle mit sechs Etagen voller Grafikkarten, zusammengefasst zu Schürfeinheiten und verbunden mit gelben und blauen Netzwerkkabeln. Aluglitzernde Lüftungsschläuche transportieren die von den Computern produzierte Wärme ab. Das Ganze wirkt ähnlich wie ein Serverraum, bloss improvisierter.

Drei 26-jährige Unterwalliser, die sich aus der Schule kennen, liessen die Firma Alpine Mining im November ins Handelsregister eintragen. Ludovic Thomas ist der Chef des Trios. Man habe weltweit evaluiert und bewusst die Schweizer Alpen gewählt, erzählt er. In Island sei der Strom kaum günstiger als hier, in China oder Russland die Regulierung völlig unberechenbar. Dort würden Minen unvermittelt von den Behörden geschlossen oder Steuern sprunghaft erhöht.

Die Geschäfte laufen blendend. «Soweit bekannt sind wir die grössten Krypto-Schürfer in der Schweiz», sagt Thomas. Alpine Mining hat sich auf Etherum spezialisiert, die Nummer zwei unter den unzähligen digitalen Währungen. Ist aufgrund des Kursverlaufs oder der zunehmenden Schwierigkeit der Rechenoperationen eine andere Währung lohnender, so wird gewechselt. Einzig Bitcoin gehört nicht dazu, weil dafür spezielle, anderweitig nicht verwendbare Hardware nötig ist. Die Rechner in Gondo generieren pausenlos Zahlencode um Zahlencode – Hash genannt – für die Blockchain, also die digitale Buchhaltung der jeweiligen Währung. Dafür werden sie mit einem bestimmten Anteil an digitalen Münzen entschädigt.

Verschwiegene Schürfer

Über Umsatz- oder Gewinnzahlen spricht Thomas nicht. Als der Ether im Januar auf über 1200 Dollar kletterte, sei das Geschäft «höchst lukrativ» geworden. Seit den nachgebenden Kursen habe sich die Profitabilität wieder auf einem durchschnittlichen Niveau eingependelt. Hat ihn das Schürfen bereits zum Millionär gemacht? «Diese Frage beantworte ich nicht», sagt er.
Die Algorithmen benötigen enorme Rechenkapazitäten und damit viel Elektrizität. Stromrechnungen sind deshalb der grösste Kostenblock jedes Kryptoschürfers. Seit dem Start hat Alpine Mining die Kapazitäten Monat für Monat hochgefahren. Die Anlagen in Gondo kommen laut dem 26-Jährigen auf eine Leistung von 350 Kilowatt. Das entspricht einem Jahresverbrauch von rund drei Gigawattstunden – mehr Strom, als 600 Schweizer Durchschnittshaushalte benötigen.

In Gondo sind die Möglichkeiten ausgereizt. «Die Netzanlagen können nicht mehr stärker belastet werden», sagt Paul Fux, Vizepräsident der Gemeinde, «wenn noch mehr Miner kommen, müssen wir für eine halbe Million Franken eine neue Trafostation bauen und die Leitungen vom Kraftwerk her verstärken.» Tatsächlich rennen ihm die Schürfer praktisch die Tür ein. «Mehr als zehn Anfragen» seien bereits eingegangen, sagt Fux, «darunter auch einige wirklich grosse».

Der Gemeinderat ist darob nicht unglücklich. 2001 wurde die Poststelle geschlossen, 2007 machte die Schule dicht. Letztes Jahr wurde auch noch die Zollabfertigung nach Brig verlegt und die Präsenz der Grenzwacht in Gondo reduziert. Die Zahl der Einwohner ist in den letzten fünfzig Jahren von 220 auf 77 geschrumpft. Jahrelang versuchte man vergebens, Firmen anzusiedeln. Jetzt hat sich nicht bloss Alpine Mining mit sechs Mitarbeitern niedergelassen, nein, der Boom scheint erst so richtig loszugehen.

Der Trumpf der kleinen Berggemeinde: Sie sicherte sich einst im Austausch für die Konzession eines Wasserkraftwerks bis 2061 günstigen Strom. Jedes Jahr erhält sie eine bestimmte Menge gratis. Für eine weitere Tranche zahlt sie nur die Gestehungskosten. Erst was darüber hinausgeht, kostet den regulären Preis. «Wir verteilen die Gratisenergie auf alle Stromkunden», sagt Fux. Ein Kryptoschürfer zahlt, je nach Bezugsmenge, knapp 9 Rappen pro Kilowattstunde. Bloss: Wo sollen die nächsten Kryptoschürfer Platz finden? Für den Dorfkern sind sie zu laut, also will der Gemeinderat durch die Umzonung von landwirtschaftlichem Boden und Erholungszonen Gewerbeparzellen schaffen und im Baurecht an die Schürfer abgeben.

So lange mögen sich nicht alle Schürfer gedulden. Alpine Mining will seine Kapazitäten bis Ende Jahr verzehnfachen. Mindestens. Wenn alles gut laufe, hält Ludovic Thomas sogar Rechnerparks mit total 5 Megawatt Leistung für möglich. Als Walliser mit den regionalen Gegebenheiten vertraut, hat er längst neue Standorte evaluiert, die ähnliche Bedingungen wie Gondo bieten. «Fünf neue Orte haben wir bereits gefunden, am ersten legen wir schon im April los», sagt Thomas. Wo genau, bleibt sein Geheimnis.

Unmengen von Energie benötigt

Standorte sind hart umkämpft, besonders, seit im Januar der chinesische Mining-Gigant Bitmain im Krypto-Valley Zug einen Schweizer Ableger gründete, dem es eine «zentrale Rolle» in seiner weltweiten Expansion zuschrieb. Zu den Plänen in der Schweiz wollte das Unternehmen aus Peking auf Anfrage nicht Stellung nehmen.

Klar ist: Aus Schweizer Wasserkraft wird immer häufiger Kryptogeld. Thomas streicht den ökologischen Aspekt der erneuerbaren Energie heraus. Anderswo, etwa in China, stecke viel Kohle im Strom. Ökologisch betrachtet sind manche Kryptowährungen jedoch fragwürdig. Sie verschlingen Unmengen von Energie. Laut Schätzungen der Website Digiconomist des Kryptoanalysten Alex de Vries liegt der Jahresverbrauch an Elektrizität für die beiden grössten Währungen Bitcoin und Etherum bei rund 70 Terawattstunden und übertrifft damit den Stromverbrauch von ganz Bangladesch mit über 160 Millionen Einwohnern. Nach de Vries’ Berechnungen verschlingt die Abwicklung einer einzigen Zahlung mit Bitcoin 789 Kilowattstunden, also so viel Strom, wie ein durchschnittlicher Haushalt in der Schweiz während zweier Monate. Etherum schneidet mit 59 Kilowattstunden pro Transaktion weniger bedenklich ab.

Weltweit werden laut Digiconomist jährlich Bitcoin und Etherum im Wert von gegen 15 Milliarden Dollar geschürft. Die Kosten der Schürfer schätzt de Vries auf 4,6 Milliarden. Das heisst, unter dem Strich dürften rund 10 Milliarden Dollar Gewinn bleiben. Ein «Goldrausch 2.0» sozusagen.