Verhandlungen

Gesamtarbeitsvertrag der SBB: Gewerkschafter jubeln, Temporäre weinen

Besonders bei Zug-Modernisierungen – wie hier in Olten – sind Temporäre im Einsatz.Marcel Bieri/Keystone (Symbolbild)

Besonders bei Zug-Modernisierungen – wie hier in Olten – sind Temporäre im Einsatz.Marcel Bieri/Keystone (Symbolbild)

Bei Verhandlungen zum neuen Gesamtarbeitsvertrag konnte die Arbeitnehmerseite Verschlechterungen abwenden. Aber: Temporärarbeiter werden schlechtergestellt.

Der Kampf um einen neuen Gesamtarbeitsvertrag zwischen den Gewerkschaften und den SBB wurde heftig geführt. Die SBB stellten Forderungen, welche die Gewerkschaften keinesfalls schlucken wollten. So stand etwa der Kündigungsschutz auf der Kippe. Derzeit sind die Bundesbahnen verpflichtet, allen Angestellten unter 58 Jahren einen neuen Job anzubieten, wenn sie aus wirtschaftlichen Gründen ihren Job verlieren und mindestens vier Jahre im Betrieb sind.

Nach den Verhandlungen ist klar: Sieger nach Punkten sind die Gewerkschafter. Der Kündigungsschutz wurde beibehalten, auch andere Forderungen der SBB nicht umgesetzt. Dafür gibt es mehr Vaterschaftsurlaub für frischgebackene Väter: 20 statt 10 Tage. Aufseiten der Arbeitnehmer überwiegt die Freude.

Doch Temporäre haben es bei den SBB künftig schwerer. Bislang war es so, dass Temporäre bei den Bundesbahnen nach vier Jahren im Betrieb ein Jobangebot erhielten. Falls es eine freie Stelle gibt. Die Regelung, die in Verbindung mit dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) steht, wurde bei der Verlängerung nun gestrichen. Ab Frühjahr 2019 ist es also möglich, dass Temporäre bei den SBB weit länger nicht fest angestellt werden.

Maximal vier Prozent temporär

Der alte Passus bezüglich der Temporären bestand aus zwei Teilen. Zum einen dürfen konzernweit nur 4 Prozent der Angestellten temporär arbeiten. Unter die Vereinbarung fällt jedoch nur ein Teil der Temporärkräfte, welche bei den SBB arbeiten. Laut den Bundesbahnen fielen in den letzten Jahren jeweils zwischen 850 und 630 Vollzeitstellen unter die Vereinbarung. Insgesamt beschäftigen die SBB momentan jedoch über 3000 Temporäre. Die Erklärung: Bauleistungen sowie gewisse Jobs im IT-Bereich würden die SBB einkaufen, sagt Sprecher Christian Ginsig. Und auchMitarbeiter bei Railclean profitierten nicht von der Vereinbarung. Die 4-Prozent-Hürde ist denn auch nie überschritten worden, seit es die Vereinbarung zwischen SBB und Gewerkschaften gibt.

Der zweite Teil der Regelung: Die SBB müssen bisher nach vier Jahren ein Jobangebot unterbreiten. Die Gewerkschaft wollte in den Verhandlungen zum GAV unbedingt die 4-Prozent-Hürde beibehalten. Das ist auch gelungen. Aufgegeben wurde dagegen die Regelung mit dem Jobangebot nach vier Jahren. «Das war auch nicht das Pièce de Résistance für uns», sagt SEV-Gewerkschaftssekretär Jürg Hurni. Intern habe man feststellen müssen, dass vielfach kurz vor dem Erreichen der Vier-Jahres-Grenze die Temporären ersetzt wurden. Statt den Job auf diese Weise zu verlieren, sei diesen Mitarbeitern nun wohl mehr geholfen, sagt Hurni. Das mag zwar stimmen, doch verlängert sich nun potenziell die Dauer der Temporäranstellung.

Das Problem laut Hurni bei Temporären: prekäre Anstellungsbedingungen, weniger guter Kündigungsschutz der Arbeiter, weniger Lohn. Dem widerspricht man vonseiten der SBB vehement. «Von prekären Anstellungsbedingungen kann nicht die Rede sein», sagt Sprecher Christian Ginsig.

Die SBB stellen Temporärarbeitende über Personalvermittlungsfirmen an. Mit den grössten Personalvermittlungen der Schweiz haben die SBB zu diesem Zweck Rahmenverträge abgeschlossen. Die Anstellungsbedingungen seien deshalb Sache des Arbeitsvertrags zwischen Personalverleiher und Temporärarbeitenden, nicht der SBB.

Ginsig sagt, dass man selbstverständlich gute und qualifizierte Leute, die sich auf offene Stellen melden, auch in Zukunft anstelle. Das gelte auch für Temporärmitarbeitende. Zudem halten die SBB fest: «Mit dieser Vereinbarung verpflichteten wir uns zu einem Tun, das über alle gesetzlichen Pflichten hinausgeht», sagt Ginsig.

Die Zahl der Temporären habe in den letzten Jahren zugenommen, sagt Hurni. Tatsächlich: In den offiziellen Zahlen sind 3123 Temporäre ausgewiesen im Jahr 2017. Dies ist gleichbedeutend mit einer Steigerung um 4,7 Prozent seit 2016. Weniger als ein Drittel dieser Temporären kamen bis anhin in den Genuss der Vier-Jahres-Regelung. Die Gesamtanzahl an Mitarbeitern sank derweil bei den SBB. Gesamthaft waren es Ende 2017 noch 32 750, ein Minus von 1,1 Prozent seit 2016.

Nachwuchs fehlt

Gerade bei den handwerklichen Jobs dürfte sich diese Entwicklung in Zu-kunft noch verstärken. Denn der Nachwuchs fehle, sagt Hurni. «Wir gehen davon aus, dass die SBB in Zukunft gerade bei den handwerklichen Berufen noch mehr Temporäre anstellen müssen.»

In den Werkstätten in Olten etwa arbeiteten laut Hurni momentan bis zu 25 Prozent an Temporären. Das Beispiel zeigt: Gerade bei Zugrevisionen werden gerne Temporäre eingesetzt. Hurni sagt, dass grundsätzlich nichts dagegen spricht, wenn Temporäre eingesetzt werden, um Spitzen in der Arbeitsbelastung abzuschwächen. «Bei den Zugrevisionen werden aber keine Spitzen abgedeckt», sagt Hurni. Zu lange sei die Projektdauer jeweils. «Wir stellen fest, dass die SBB mit Temporären rechnen, um Personalkosten sparen zu können», so Hurni.

Die Revisionen kämen zudem sehr regelmässig. «Das zeigt sich auch darin, dass gewisse Angestellte von Projekt zu Projekt wechseln», sagt Hurni. Entweder als Temporäre oder als befristet Angestellte. Diese Praxis bestätigen die SBB auf Anfrage. «Temporärarbeitende mit Fähigkeiten, die bei verschiedenen Modernisierungsprojekten notwendig sind, können gleichzeitig oder nacheinander in verschiedenen Projekten eingesetzt werden», sagt Ginsig.

Die SBB betonen aber, dass man bei Modernisierungsprojekten Temporärarbeiter einsetze, um vorübergehende Arbeitslasten auszugleichen. «Während und zwischen den Projekten haben wir unterschiedliche Auslastungen, die wir mit Temporärarbeitenden ausgleichen können», sagt Ginsig.

Temporäre werden also nur zum Brechen der Spitzen eingesetzt. Das sieht die Gewerkschaft freilich anders. Künftig dürfte sich der Einsatz von Temporären verlängern. Das hilft zwar insofern, als dass sie nicht nach knapp vier Jahren einfach so auf die Strasse gestellt werden. Doch verlängert sich auch die Zeit, welche die Mitarbeiter, zum Teil langjährige, schlechtergestellt sind als ihre Kollegen, welche vom sehr guten Bähnler-GAV profitieren.

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