Jean-Claude Gandur ist das, was man einen Self-made-Billionaire nennt. In den 1970er-Jahren startete er als einfacher Öl-Händler. Rasch knüpfte der Bürger der Waadtländer Gemeinde Gryon Kontakte zu einflussreichen Potentaten wie dem nigerianischen Diktator Sani Abacha.

Sie dienten Gandurs eigener Firma Addax Petroleum in den 1990er-Jahren als Türöffner für Westafrika, wo dessen Unternehmen innert kurzer Zeit zu einem der grössten Erdöl-Förderer aufstieg. Gandurs Vermögen schätzt das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» auf zwei bis drei Milliarden Franken. Im vergangenen Jahr verkaufte der 61-Jährige Addax Petroleum dem chinesischen Staatskonzern Sinopec, ohne sich allerdings ganz aus dem Rohstoff-Business zurückzuziehen.

In London leben und lenken

Der öffentlichkeitsscheue Welsche lebt heute in London, von wo aus er die Geschicke der Addax & Oryx Group führt. Das in Genf ansässige Unternehmen tanzt auf vielen Hochzeiten: Handel mit Erdöl, Lagerung und Vertrieb von Erdgas, Gold-Exploration. Und eben auch Produktion von Biotreibstoffen wie Ethanol.

Dazu geschäftet die Tochtergesellschaft Addax Bioenergy in Sierra Leone. Der westafrikanische Staat gilt als einer der ärmsten der Welt. Zwei Drittel der Bevölkerung müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Mehr als die Hälfte kann weder lesen noch schreiben. Im vom Bürgerkrieg zerrütteten Land gilt Addax inzwischen als Grossinvestor. Steckt Gandur doch in den nächsten vier Jahren umgerechnet rund 450 Millionen Franken in sein Ethanol-Projekt – auch mit finanzieller Unterstützung der europäischen Entwicklungsbank und der African Development Bank.

10000 Fussballfelder gross

Im Frühjahr hat Addax mit der dortigen Regierung einen Pachtvertrag über 50 Jahre abgeschlossen. Konkret geht es um eine Fläche im Norden des Landes, etwa so gross wie 10000 Fussballfelder. Ab 2012 soll dort eine Zuckerrohr-Plantage die Basis für Ethanol liefern. Der Biosprit wird vollständig nach Europa exportiert. Eigentlicher Treiber für den Addax-Deal ist denn auch die EU. Zum einen hat Brüssel den Ethanol-Import aus Subsahara-Afrika steuerbefreit.

Einfuhren aus Brasilien, dem Mutterland des Biosprits, werden dagegen mit fast 200 Dollar je Tonne fiskalisch belastet. Zum anderen will die EU bis 2020 zehn Prozent des Treibstoffverbrauchs mit Biosprit abdecken, was faktisch einer Abnahmegarantie gleichkommt. Gleichzeitig erlässt Sierra Leone dem Schweizer Investor für die ersten zehn Jahre Steuern und Zölle. So rechnet Addax ab 2012 mit einer Marge von fünfzehn Prozent auf ihrer Ethanol-Plantage, gemäss Aussagen von Nichtregierungsorganisationen.

Bauern fürchten um Existenz

Doch nun regt sich Widerstand gegen das Grossprojekt: «Der Pachtvertrag gefährdet die Ernährungssicherheit», sagt Miges Baumann, Leiter Entwicklungspolitik bei «Brot für alle». Im Gebiet leben über 20000 Kleinbauern, hauptsächlich vom Reis und Maniok-Anbau. Sie fürchten um ihre Existenzgrundlage, schreibt das kürzlich erschienene «Jahrbuch zum Menschenrecht auf Nahrung».

Bewohner des Dorfes Lungi beklagen sich darin, sie hätten gewisse Sumpfgebiete an Addax gar nie abgetreten. Auch deren Kompensationszahlungen seien dreimal tiefer als ihre bisherigen Einkünfte aus Feldfrüchten. Der Bericht verschiedener Nichtregierungsorganisationen kommt zum Fazit: «Addax ist seinen Versprechungen nicht nachgekommen.» Dies, obwohl die Verträge unter anderem Zusagen für Jobs beinhalten sowie Hilfen an die lokale Landwirtschaft.

Miges Baumann von «Brot für alle» bemängelt auch die Art der Verträge, welche Addax mit der Regierung und lokalen Chiefs abgeschlossen hat: «Es gibt einige Klauseln, die nicht ganz koscher sind.»

Verträge nicht koscher

So besitzt die Genfer Firma für die nächsten 50 Jahre auf dem Pachtland praktisch Narrenfreiheit: Umsiedlungen sind möglich, Wasserläufe dürfen verändert werden, und passt die Regierung in diesem Zeitraum die Gesetze an, zum Beispiel die Umweltschutz-Richtlinien, ist dies für Addax nicht bindend.

Weiter können die Verträge nur an einem Schiedsgericht im fernen London angefochten werden. Allerdings räumt Baumann ein, es gelte abzuwarten, wie genau Addax diese exklusiven Nutzungsrechte ausüben wird. «Brot für alle» initiiert deshalb mit lokalen Partnern ein langfristiges Monitoring des Projekts.

Auf Importe angewiesen

Für Ernährungs-Expertin Carolin Callenius ist klar: «Die Bauern wurden beim Deal übergangen, ihre Unwissenheit ausgenutzt.» Bereits seien knapp ein Drittel der fünf Millionen Hektaren Kulturland Gegenstand solcher Verträge mit ausländischen Investoren.

Dies sei umso stossender, als Sierra Leone nach wie vor Nahrungsmittel importieren muss. Zumindest verzichte Addax nun aber zur Ethanol-Gewinnung auf den Anbau von Maniok. «Ein positives Zeichen», meint Callenius. Denn Maniok sei in Sierra Leone ein wichtiges Grundnahrungsmittel.

Addax entgegnet vehement

Nicolai Germann von Addax Bioenergy bestreitet den Landraub und die Gefährdung der Lebensmittelsicherheit vehement. Man wende strikte die Standards der Weltbank an, sagt der Managing Director für Sierra Leone: «Wir arbeiten dazu eng mit den Dorfgemeinschaften zusammen, um negative Auswirkungen auf die Landbevölkerung zu verhindern.»

Auch habe Addax seine Versprechen in puncto Hilfen eingehalten: Hunderte Jobs seien ausgeschrieben worden, man zahle das Dreifache des staatlichen Mindestlohns und bereits seien die ersten, positiven Anzeichen sichtbar: «Im Dorf Lungi steht zum Beispiel seit letztem Sommer ein Stromgenerator, der die Eröffnung einer Bäckerei möglich machte.» Den Vorwurf, die Bauern seien bei den Verhandlungen über den Tisch gezogen worden, lässt der Addax-Vertreter nicht gelten. Die Landbevölkerung sei von einer Anwaltskanzlei vertreten worden. Man habe über neun Monate verhandelt: «Die Verträge wurden erst nach öffentlicher Gutheissung der Landbesitzenden Familien und der Gemeinden unterschrieben.»

Und zu den umstrittenen Pachtverträgen selbst meint Germann. Diese seien auf keinen Fall «missbräuchlich, wie das von manchen Nichtregierungsorganisationen jetzt vorgeschützt und aufgebauscht wird.» Zwar enthalten die Verträge einen Passus, der Umsiedlungen erlaubt, aber nur «in Ausnahmefällen». So seien nur 0,5 Prozent der knapp 14000 Ansässigen davon betroffen. Sie würden öffentlich entschädigt, und zwar so, «dass es den betroffenen Menschen nachher mindestens so gut geht wie vorher.»