Nachahmer-Präparate

Generika-Branche unter Beschuss von Preisüberwacher und Krankenkassen

Die Generika-Industrie stand bereits in den vergangenen Jahren immer wieder in der Kritik wegen hoher Preise. Yoshiko Kusano/Keystone

Die Generika-Industrie stand bereits in den vergangenen Jahren immer wieder in der Kritik wegen hoher Preise. Yoshiko Kusano/Keystone

Das jeweils günstigste Generikum eines Medikaments kostet im europäischen Ausland nur 41 Prozent des Schweizer Preises. Zu diesem Schluss kommt Preisüberwacher Stefan Meierhans in zwei Vergleichen. Dies erhöht den Druck auf die Generika-Branche.

Die Generika-Branche ist gehörig unter Druck. Insbesondere Preisüberwacher Stefan Meierhans und die Krankenkassen kritisieren die Hersteller von Nachahmer-Medikamenten scharf. Meierhans hat innert Jahresfrist gleich zwei Preisvergleiche mit 15 Ländern in Europa durchgeführt. Dabei kommt er zum Schluss, dass das jeweils günstigste Generikum im Ausland nur 41 Prozent des Schweizer Preises kostet. Selbst in Norwegen, dem nach der Schweiz teuersten Land, seien die Preise 15 Prozent tiefer.

Die Reaktion der Generika-Branche erfolgte prompt. Der Preisvergleich sei unsinnig und fahrlässig, schrieb Axel Müller, Geschäftsführer des Verbands Intergenerika, in einer Medienmitteilung. Solche Vergleiche seien schlichtweg falsch, da sie Äpfel mit Birnen vergleichen würden. «Statt identischer Arzneimittel werden hier unterschiedliche Produkte nur aufgrund der Wirkstoffmenge verglichen», kritisierte Müller. Patientenfreundlichere Darreichungsformen, wie etwa besser schluckbare Pillen, spielten keine Rolle. Sinn und Methodik des Preisvergleichs müssten deshalb endlich hinterfragt werden.

Mit dem Angriff auf die Generikahersteller werde vom eigentlichen Problem abgelenkt, sagt Müller im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Das wahre Problem sei bei den sehr teuren Original-Präparaten zu suchen, deren Preise stark steigen würden, wie Studien zeigten. Hinzu komme, dass die Einflussmöglichkeiten des Preisüberwachers im Gesundheitswesen etwa bei der Festlegung der Medikamentenpreise oder beim Ärztetarif Tarmed gering seien. Deshalb bleibe ihm nicht viel anderes übrig, als Preisunterschiede einzelner Medikamente zum Ausland herauszugreifen.

Der Druck wächst

Preisüberwacher Meierhans verwahrt sich gegen die Vorwürfe: «Angesichts der stetig steigenden Kosten muss ich alle Elemente im Gesundheitssystem analysieren.» Dazu zählten auch die Generika. Der Vorwurf, er vergleiche mit seiner Studie Äpfel mit Birnen, lässt er nicht gelten. Generika seien austauschbar, der Wirkstoff eines Präparats sei identisch. «Die Zulassungsstelle Swissmedic überprüft und garantiert, dass die Austauschbarkeit eines Generika-Medikaments mit dem Original gegeben ist.»

Zwar befand sich die Generika-Industrie in den vergangenen Jahren wiederholt in der Kritik wegen hoher Preise, doch noch nie war der Druck so gross. Daher kann die scharfe Reaktion der Branche auf den Preisvergleich von Meierhans auch nicht überraschen. Einen ersten Versuch, die Preise der Generika deutlich zu senken, konnte die Branche 2009 erfolgreich abwehren. Damals kam der Vorstoss aus dem Ständerat. Nun will das Bundesamt für Gesundheit, das SP-Bundesrat Alain Berset untersteht, einen neuen Anlauf wagen. Dabei geht es um ein sogenanntes Festbetragssystem, das Meierhans schon seit Jahren fordert und in vielen europäischen Ländern wie Deutschland, den Niederlanden oder Dänemark bereits angewendet wird.

In diesem System werden alle Generika und patentfreie Originalmedikamente mit demselben Wirkstoff in eine Gruppe eingeteilt. Dabei sollen die Krankenkassen dem Patienten nur noch den Preis des günstigsten Generikums eines Wirkstoffs erstatten. Entscheidet sich der Patient aus medizinisch nicht nachvollziehbaren Gründen für eine teurere Alternative oder das Originalpräparat, muss er die Differenz selber berappen. Laut einer früheren Berechnung des Preisüberwachers könnten so 380 Millionen Franken gespart werden. Auch die Krankenkassen gehen von einer Einsparung in ähnlicher Höhe aus.

Schmerzgrenze erreicht

Nach dem Willen des Bundesrats soll das neue System 2019 in Kraft treten. Zuerst muss es aber vom Parlament abgesegnet werden. Die Generika-Branche will sich gegen dieses Billigstprinzip, wie sie es nennt, wehren. Intergenerika-Geschäftsführer Müller zählt dabei auf die Unterstützung der Ärzte, Apotheker und Patienten, da alle etwas zu verlieren hätten. Denn die Wahlfreiheit der Ärzte und Apotheker werde eingeschränkt, wenn der Druck steige, nur noch das günstigste Präparat abzugeben. Für den Patienten bestehe bei häufigen Medikamentenwechseln die Gefahr, dass er zu viel von einem Wirkstoff schlucke, weil er unterschiedliche Präparate zu Hause habe, sagt Müller.

Preisüberwacher Meierhans ist verhalten optimistisch, dass das Parlament das neue Preisregime absegnen wird. Aufgrund der steigenden Krankenkassenprämien sei die Schmerzgrenze für den Mittelstand mittlerweile mehr als erreicht, weshalb der Ruf nach Einsparungen im Gesundheitssystem immer lauter werde.

Falsches Schockargument

Der Kritik am System will Meierhans Rechnung tragen. Wenn ein Arzt therapeutisch begründen könne, weshalb sein Patient ein teureres Medikament benötige, dann soll dieser die Differenz zum Festbetrag nicht selber zahlen müssen. Zudem sollen die Preise nicht so häufig angepasst werden, wie das etwa in anderen Ländern der Fall ist. Meierhans schwebt aber zumindest eine halbjährliche Überprüfung des Festbetrags vor. Somit seien die Patienten nicht gezwungen, ständig ihre Medikamente zu wechseln, wenn sie keinen Aufschlag zahlen wollen. «Die Wechselproblematik wird von den Gegnern des Systems als Schockargument missbraucht, obwohl Studien zeigen, dass das Festbetragssystem keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit hat.»

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